WESER-KURIER-Reihe „Hoffnungstifter“ Wie eine Bremerin sich aus der Leere zurück ins Leben kämpfte

Keine Arbeit, kein Partner und ein psychisch erkrankter Sohn. Andrea Schmidt litt mehrere Jahre an Depressionen, die sie erst mithilfe von Therapie, Gemeinschaft und Stärke überwand.
11.04.2020, 08:00
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Wie eine Bremerin sich aus der Leere zurück ins Leben kämpfte
Von Elena Matera

Es ist diese innere Leere, das Gefühl weder Trauer noch Freude empfinden zu können – ganz so, als wäre man nicht richtig lebendig. Mit diesen Worten beschreibt Andrea Schmidt (Name wurde von der Redaktion geändert) ihre Depression, an der sie mehrere Jahre litt.

Alles begann in der Zeit, als ihr Sohn psychisch krank wurde und in eine Wohngruppe kam. Er war in der Pubertät, Schmidt war Mitte 40, berufstätig und alleinerziehende Mutter. „Mich hat das damals vollkommen umgehauen“, sagt sie. „Ein Kind gibt einem Halt. Ich habe für meinen Sohn alles getan, was eine Mutter eben macht. Und das war dann nicht mehr.“

Der Kontakt zu ihrem Sohn war abgebrochen. Sie wusste nicht, wie es ihm geht, was er macht. „Als Angehörige eines psychisch Erkrankten hat man in Deutschland so gut wie keine Rechte“, sagt Schmidt. „Ich wurde aus seinem Leben rausgehalten. Das war sehr schwierig für mich.“

Kein Halt im Leben gehabt

Hinzu kam, dass die Bremerin in dieser Zeit ihre Arbeit verlor. „Ich hatte also keinen Partner, keine Arbeit, kein Kind. Ich habe mich da gefragt: Wofür mache ich das alles noch? Da war ja nichts.“ Rückblickend sagt Schmidt, habe ihr vor allem der feste Unterbau, der Halt, in ihrem Leben gefehlt.

All diese Erlebnisse führten letztendlich zu ihrer Depression. Es hat sich mit der Zeit immer weiter gesteigert, sagt Schmidt. „Ich habe mich sehr verloren gefühlt. Es gab unzählige Nächte, in denen ich einfach nur noch sterben wollte. Das waren richtige Todessehnsüchte.“

Lange Zeit konnte Schmidt das Haus nicht verlassen. Sie hatte keine Kraft, keine Energie. Jede kleine Tätigkeit war eine große Anstrengung. Bei Familienfeiern fühlte sie sich fehl am Platz. „Es war, als würde ich nicht dazugehören, als würde es allen anderen gut und mir als einzige schlecht gehen.“ Manchmal ist sie dann einfach gegangen.

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Doch es gelang ihr letztendlich, sich Hilfe zu holen, eine Therapie zu beginnen – das war ein großer Schritt für sie damals. Eine Hürde, die sie überwinden musste. Auch Antidepressiva hat Schmidt begleitend zu ihrer Therapie eingenommen.

„Die Therapie hat mir sehr geholfen, und sie war eines der Highlights in meiner Woche. Ich kam raus, hatte einen Termin“, sagt die 53-Jährige. Eine Depression zu überwinden, sei ein harter, langer Weg. „Jede Depression ist anders, sie hat viele Gesichter. Jeder geht individuell damit um.“ Ihr habe vor allem geholfen, jeden Tag nach draußen zu gehen, sich zu bewegen, in der Natur zu sein. „Ich fahre auch immer noch sehr viel Rad. Ich spüre, dass mir das einfach gut tut“, sagt Schmidt. Halt gab ihr auch ein Seelsorgeprogramm in ihrer Kirchengemeinde. Sie traf dort Menschen, die ebenfalls Krisen durchlebt hatten. Es sei eine wichtige Stütze für sie gewesen. Für die 53-Jährige war es wichtig, über ihre Krankheit zu sprechen, sei es bei der Therapie, mit Freunden oder in der Seelsorgegruppe. Außerdem sei es hilfreich, diese eine Person im Leben zu haben, die man auch nachts anrufen kann. „Man weiß, da ist jemand für dich da, rund um die Uhr. Das hilft einem sehr“, sagt Schmidt.

Fahrradtour zum Thema Depressionen

Seit zwei Jahren fährt sie außerdem bei der Mut-Tour mit. Eine Fahrradtour, die durch ganz Deutschland geht und auf das Thema Depression aufmerksam macht. Die Teilnehmer klären auf, reden mit Menschen und der Presse über die Krankheit. Die Gemeinschaft, das Radfahren, die Mission – all das würde sie stärken, sagt Schmidt. „Rückblickend kann ich sagen, dass die depressiven Phasen schon immer präsent in meinem Leben waren. Sie waren nicht immer stark, aber existent.“ Als Jugendliche konnte sie die Phasen noch nicht als psychische Erkrankung einordnen. Damals wurde nicht viel über Depression gesprochen. Heute sehe das schon anders aus. „Das Thema ist mehr in die Öffentlichkeit gerückt. Ich sehe die Entwicklung sehr positiv.“

Wie es ihr heute geht? „Ich bin gestärkt, ich habe die Depression überwunden. Dennoch würde ich nicht sagen: Alles ist gut“, meint sie. Es könne immer wieder etwas in ihrem Leben passieren, das sie straucheln lassen könnte. Auch eine weitere Depression schließt Schmidt nicht aus. „Es kann immer wieder kippen. Dafür bin ich noch nicht stabil genug.“

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Schmidt arbeitet heute im öffentlichen Dienst – eine Quereinsteigerin, eigentlich ist sie gelernte Hotelkauffrau. ­Anfang des Jahres hat sie mit anderen Betroffenen beschlossen, eine Gruppe für Angehörige von psychisch Erkrankten zu gründen. „Man trifft so andere Menschen, die ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Das tut einem gut.“

Auch zu ihrem Sohn hat sie endlich wieder Kontakt. Er ist mittlerweile 23 Jahre alt und lebt in einer Wohngruppe. „Es ist schön zu wissen, wie es ihm geht, wo er ist, was er macht“, sagt Schmidt. Dennoch müsse sie die letzten Jahre noch emotional aufarbeiten. „Ich würde sagen: Mir geht es gut. Doch ich bin noch auf dem Weg.“

Weitere Informationen

Selbsthilfegruppen für Menschen mit Depressionen gibt es unter anderem über das Selbsthilfenetzwerk Bremen zu finden, unter: www.netzwerk-selbsthilfe.com. Die Mut-Tour Ortsgruppe Bremen trifft sich während der Corona-Pandemie zweimal im Monat zum Spazierengehen. Weitere Informationen gibt es unter: www.mut-tour.de/mach-mit/ortsgruppen.

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