Bremen-Mitte

Recherche: Roma sind überall ausgeschlossen

Was wird aus Angehörigen der Roma, die nach Serbien abgeschoben werden? Dieser Frage ist eine Gruppe von Bremern nachgegangen und hat das Ergebnis der Recherchen vorgestellt.
01.12.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von CLEMENS HAUG
Recherche: Roma sind überall ausgeschlossen

Marc Millies (links) von Refugio spricht mit Nicola Nicolic (Zweiter von links) und dessen Sohn Daniel Jakopovic über die Diskriminierung der Roma in Serbien. Allegra Schneider hat die Reise der Bremer Recherchegruppe mit der Kamera dokumentiert.

Clemens Haug

Was wird aus Angehörigen der Roma, die nach Serbien abgeschoben werden? Dieser Frage ist eine Gruppe von Bremern nachgegangen und hat das Ergebnis der Recherchen vorgestellt.

Ein junger Mann steht vor einer Bretterhütte, um ihn herum nur Gebüsch. Seit seiner Abschiebung aus Deutschland nennt er das Provisorium in Serbien notgedrungen sein Zuhause. „Sie haben uns hierher in den Wald geschickt, dorthin, wo uns keiner sieht“, sagt der Mittzwanziger in akzentfreiem Deutsch in die Kamera der Bremer Fotografin Allegra Schneider.

Mit einer Gruppe von rund 25 Rechtsanwälten, Ärzten, Flüchtlingshilfe-Aktivisten und Journalisten aus Bremen, Berlin, Göttingen, Luxemburg und Brüssel ist Schneider im Juni ins ehemalige Jugoslawien gereist. Der Bremer Rechtsanwalt Jan Sürig war dabei, die Ärztin Andrea Vogel vom Klinikum Mitte und der Journalist Jean-Phillip Baeck. Im Steintor haben sie ihre Erlebnisse dem Bremer Flüchtlingsrat und den Vereinen Refugio und Zuflucht vorgestellt. Unter den rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörern waren auch viele Roma, die sich von den beunruhigenden Eindrücken der Reisegruppe bestätigt sahen.

In der südserbischen Kleinstadt Bujanovac, der ersten Station der Recherchereisenden, leben derzeit rund 6500 Roma. Mit ihren Familien teilen sie sich engen Raum in sogenannten informellen Siedlungen, die man auch als Slums bezeichnen könnte. Nach den Recherchen der Reisegruppe haben nur etwa 50 Erwachsene einen Job gefunden. 1000 weitere haben hohe bürokratische Hürden überwunden und bekommen nun Sozialhilfe.

Wo es gehe, würden sie ausgegrenzt, berichteten die Betroffenen. Sie bekämen keine Jobs und würden über ihre Rechte nicht informiert. Schon für Lebensmittel reiche das spärliche Geld kaum. Schulbücher und Schreibhefte für ihre Kinder können sich viele Roma-Familien nicht leisten. Auch an medizinischer Versorgung mangele es häufig.

„Ich habe in meiner Kanzlei sehr viel mit Angehörigen der Roma zu tun“, sagt der Anwalt Jan Sürig, der sich ein Bild machen wollte. Gerade aus den Ländern des früheren Jugoslawiens kommen inzwischen immer mehr Menschen hierher.“ Die Bremer Ausländerbehörde hat nicht erfasst, wie viele Angehörige der Roma gegenwärtig im Bundesland Asyl suchen. Nach offiziellen Angaben haben rund 620 Menschen aus Serbien, Montenegro und Kosovo einen Asylantrag gestellt oder werden geduldet. Jan Sürig macht sich Sorgen um serbische Roma-Flüchtlinge. „Viele Asylanträge werden immer schneller als unbegründet abgelehnt.“ In der Folge steige die Zahl der Abschiebungen aus Deutschland.

Grund dafür sei, dass die Roma offiziell in Serbien nicht verfolgt würden. „Auf dem Papier gibt es inzwischen viele Maßnahmen, die die Diskriminierung dieser Menschen beenden sollen“, sagt der Anwalt. Die Reise habe ihn jedoch davon überzeugt: „Im Alltag spüren die Betroffenen davon nur wenig.“ Der 20-jährige Daniel Jakopovic und sein Vater Nicola Nicolic sind in diesem Jahr nach Deutschland zurückgekommen und haben einen neuen Asylantrag gestellt. „Die Menschen in Serbien hassen uns“, sagen die beiden.

Daniel Jakopovic hat lange vergeblich einen Job gesucht. Man habe ihm bedeutet, als Roma werde er nie eine Anstellung bekommen, sagt er. Aufnahmen der Recherchegruppe zeigen, wie die Polizei Roma aus der Stadt vertreibt, als sie am Rande eines Marktes Teile ihrer spärlichen Habe verkaufen wollen. „Wir müssen doch irgendwie arbeiten oder handeln können, damit wir etwas zum Leben haben“, klagt Nicola Nicolic verzweifelt, der zur Zeit des Besuchs noch in Serbien war.

Der Familienvater hatte vor seiner Abschiebung lange in Deutschland gelebt, sein Sohn Daniel war hier geboren worden und besuchte eine deutsche Grundschule. Nach der erzwungenen Ausreise versuchten sie sich in Serbien einzurichten. „Wir wollten eine Wohnung finden, aber die Behörden sagten uns immer wieder, es gibt keine Wohnungen für uns.“ Wie es in Containerdörfern aussieht, davon hat sich Andrea Vogel überzeugt: 40 Familien müssen sich eine einzige Toilette teilen. Eine Frau, der gerade ein Tumor aus dem Bauch entfernt worden sei, habe weder ein eigenes Waschbecken noch ein Bett gehabt. „Wo kann sie sich von den Strapazen der Operation erholen, wo kann sie sich den Mund ausspülen, wenn ihr von der Chemo-Therapie schlecht wird?“, fragte sich die Bremer Ärztin nach ihrem Besuch.

Jan Sürig bereitet ein neues serbisches Gesetz große Sorge. Mit Haftstrafen wird bedroht, wer serbischen Bürgern hilft, im Ausland unbegründet Asyl zu beantragen. „Offiziell richtet sich der Paragraf nur gegen Schleuserbanden. Aber wer kontrolliert, dass er nicht gegen Hilfsorganisationen für Roma eingesetzt wird?“ Die Frage bleibt ebenso offen, wie die nach dem Verbleib der Hilfsgelder, die die Europäische Union den Ländern zahlt, in die die Roma-Flüchtlinge abgeschoben werden. Eine Hoffnung hat Jan Sürig: Das Land Bremen habe einen Abschiebestopp für Regionen wie den Kosovo verhängt und halte sich auch sonst mit Zwangsausreisen zurück.

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