Rechtsextremismus Bremer Beratungsstelle stellt sich neu auf

Ein neues Team des Lidicehauses unterstützt Initiativen, Schulen oder Einzelpersonen im Umgang mit Rechtsextremismus. Die Szene in Bremen ist Experten zufolge zweigeteilt.
24.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Beratungsstelle stellt sich neu auf
Von Carolin Henkenberens

Was tun, wenn der Kollege bei der Arbeit einen Pullover mit auffälligen Zeichen oder von einschlägigen Marke trägt? Was tun, wenn eine Schülerin oder ein Schüler Verharmlosungen des Holocausts in einer Chatgruppe verschickt? Und was tun, wenn im Verein rechtsextreme, antisemitische oder homophobe Sprüche fallen?

Für all solche und weitere Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund in Bremen und Bremerhaven bietet ein neu gegründetes Mobiles Beratungsteam (MBT) kostenlose und auf Wunsch anonyme Unterstützung. Das Team besteht seit Januar 2020, unter der Trägerschaft der Jugendbildungsstätte Lidicehaus, wo auch die Fachstelle Rechtsextremismus und Familie angedockt ist. Das MBT ersetzt das ausgelaufene Projekt „Pro aktiv gegen Rechts“ des Vereins Vaja und wird finanziert vom Bundesprogramm „Demokratie leben“ des Familienministeriums und von der Sozialbehörde Bremen.

Vom Rechtsextremismus Betroffene finden

„Wir bieten systemische Beratung an, das bedeutet, wir arbeiten Fälle genau auf“, erklärt MBT-Mitarbeiter Andre Aden. Im Vordergrund einer Beratung stehe immer zuerst, ob es von rechtsextremem Hass Betroffene gibt – in einer Klasse zum Beispiel Kinder mit Migrationshintergrund – und wie diese die Situation erleben. Wenn notwendig, werde an die Beratungsstelle Soliport für Betroffene rechtsextremer Gewalt oder an die Bremer Aussteiger- und Distanzierungsberatung Reset vermittelt.

Das dreiköpfige Team werde auf Anfrage tätig, in Einzelfällen sei es auch schon auf Betroffene zugegangen, etwa als es zu den Farbanschlägen auf Geschäfte im Bremer Viertel gekommen ist, berichtet Aden. Das MBT kläre über Erkennungszeichen und Parolen der rechtsextremen Szene auf. „Uns geht es nicht darum, den Zeigefinger zu erheben, sondern die Beratungsuchenden zu befähigen“, betont Aden. Es gehe darum, den Personen, seien es Lehrkräfte, Vereinsfunktionäre, Mitglieder von zivilgesellschaftlichen Initiativen oder Einzelpersonen, einen Werkzeugkasten an die Hand zu geben, damit sie selbstständig mit zum Beispiel rassistischen oder homophoben Erscheinungen umgehen können.

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Doch wie ist Rechtsextremismus überhaupt definiert? Rechtsextremisten lehnen die Gleichheit aller Menschen ab, heißt es im Bremer Verfassungsschutzbericht 2018. Zu ihrem Weltbild gehört, alle abzulehnen, die sie als fremd und deshalb minderwertig empfinden. Zum Beispiel Ausländer, Muslime, Obdachlose oder Behinderte. Die Feindschaft richtet sich auch gegen Juden. Aus genetischen Merkmalen leiten Rechtsextreme eine naturgegebene Rangordnung der Menschen ab, sie propagieren die Vorstellung von Rassen und einer ethnisch homogenen, deutschen Volksgemeinschaft. Extrem Rechte wenden sich gegen die Demokratie und die plurale Gesellschaft. Zudem leugnen, verharmlosen, rechtfertigen oder verherrlichen sie die Verbrechen der Nationalsozialisten.

Gewaltbereite Mischszene

Und wie stark ist die rechtsextreme Szene in Bremen? Während Parteien wie die NPD kaum noch öffentlich in Erscheinung treten, gibt es seit Mitte 2018 in Bremerhaven einen Kreisverband der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Partei „Die Rechte“. Gegründet wurde dieser von einer einstigen NPD-Führungsperson. Vom Verfassungsschutz beobachtet werden auch der AfD-Jugendverband Junge Alternative und die Identitären, wobei es um beide Gruppen still geworden ist. Zudem gibt es laut Verfassungsschutzbericht in Bremen eine zwar weniger ideologisch überzeugte, aber dafür gewaltbereite rechtsextremistische Mischszene. Die Personen kommen teilweise aus der Fußball-Hooliganszene. Aufgrund dieser gewaltbereiten Mischszene sei auch nicht allein die Zahl der Rechtsextremisten ausschlaggebend bei der Beurteilung des Bedrohungsgrades, sondern das Rekrutierungspotenzial der gewaltbereiten Gruppen.

Diese Zweiteilung – einerseits die organisierte Neonazi-Szene mit festem Weltbild und andererseits ein diffuses Feld an Gruppen und Akteuren, die teilweise gar nicht oder nur punktuell zusammenarbeiten – hat auch Andre Aden vom Mobilen Beratungsteam beobachtet. Und er erkennt noch eine andere Entwicklung: „Seit Jahren verfügt das Land Bremen über kontinuierlich arbeitende, extrem rechte Strukturen. Seit einigen Monaten gibt es jedoch eine Häufung rechter Vorfälle: Drohmails, Pulverbriefe, Brandanschläge, Angriffe auf Parteibüros“, sagt Aden. Diese Entwicklung müsse genau beobachtet und ernst genommen werden.

Wer Kontakt für Beratungen oder Informationen wünscht, kann sich per E-Mail an mobileberatung@lidicehaus.de wenden.

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