Interview mit dem Dekan der Rechtswissenschaft

„Rechtsgefühl kann man kaum erlernen“

Wer sollte eigentlich Jura studieren und warum ist die Abbrecherquote so groß? Lorenz Kähler ist seit 2011 Jura-Professor an der Uni Bremen und spricht im Interview über die Ausbildung und das juristische Urteilsvermögen.
31.12.2015, 00:00
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„Rechtsgefühl kann man kaum erlernen“

Lorenz Kähler, Professor der Rechtswissenschaften an der Universität Bremen.

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Wer sollte eigentlich Jura studieren und warum ist die Abbrecherquote so groß? Lorenz Kähler ist seit 2011 Jura-Professor an der Uni Bremen und spricht im Interview über die Ausbildung und das juristische Urteilsvermögen.

Herr Kähler, wer sollte Jura studieren und wer besser nicht?

Lorenz Kähler: Wer Jura erfolgreich studieren will, muss Leidenschaft und Ausdauer mitbringen. Zehn Jahre sind für eine juristische Ausbildung – inklusive Referendariat und Promotion – keine Seltenheit. Obendrein ist Jura nicht nur im Studium, sondern auch im Beruf außerordentlich zeitintensiv. Das kann man erfahrungsgemäß nur durchhalten, wenn man sich für die Sache ernsthaft interessiert, auch Freude daran hat und sie nicht nur als Mittel zum Zweck betrachtet. Auch ein gutes Gedächtnis ist von Vorteil. Vor allem aber: ein gutes Judiz – also juristisches Urteilsvermögen.

Was bedeutet das genau?

Das heißt, dass man ein Gefühl für das angemessene Ergebnis eines Streits mitbringt. Dieses Rechtsgefühl kann man kaum erlernen, es entwickelt sich an der Universität noch, aber die Grundlagen beruhen eher auf einer gewissen Sozialisation. Es sorgt dafür, dass der Jurist einen Fall nicht allein wie eine mathematische Gleichung löst, sondern auch ein ausgeprägtes Rechtsempfinden hat, das ihm dabei hilft.

Schreckt alles das Abiturienten ab? Wie entwickelt sich die Zahl der Jura-Studenten in Bremen?

In den vergangenen Jahren ist diese Zahl gestiegen. Es gab immer mehr Bewerber, als wir Plätze hatten. Im jüngsten Jahrgang haben wir sogar 350 neue Studenten, das sind rund 100 mehr als in den vorherigen Jahren. Insgesamt gibt es in Bremen etwa 1000 Jura-Studierende. Bundesweit sinkt die Zahl der Jurastudenten hingegen.

Das könnte bedeuten, dass Bremen als Studienort besonders beliebt und anerkannt ist.

Es gibt sicher klassische Universitäten, die einen etwas besseren Ruf haben. Aber anders als in anderen Fächern spielt der Name der Uni bei einem juristischen Examen eine geringe Rolle. Denn es zählt nur das Staatsexamen, und das ist bundesweit sehr vereinheitlicht. Daher sind die Größe des Fachbereichs und die Betreuung der Studenten wichtig – und da steht Bremen ganz gut da.

Die Abbrecher- und Durchfallerquote ist allerdings hoch.

Das ist richtig. Mit diesem Problem kämpfen wir schon seit Jahrzehnten. Von denen, die bis zum Examen durchhalten, fallen noch 20 bis 30 Prozent durch. Wir haben bislang pro Semester etwa 250 neue Studenten gehabt. Das Examen bestanden dann maximal 150 Frauen und Männer, vielfach nicht einmal die Hälfte. Und davon wiederum hat nur ein kleiner Teil gute und sehr gute Noten.

Woran liegt das?

Die Prüfungen sind hart, das muss man zugestehen. Es gibt Studierende, die sich nicht klar machen, wie viel Stoff sie zu bewältigen haben. Anders als in anderen Fächern gibt es in den Rechtswissenschaften keine Beschränkung auf ein Teilgebiet. In den Prüfungen kann im Prinzip jede Frage aus den großen Rechtsgebieten gestellt werden, das Lernpensum ist also enorm. Eine Rolle mag auch spielen, dass die Schulen nicht mehr so gut auf die Universität vorbereiten, beispielsweise, was die sprachlichen Fähigkeiten betrifft.

Die universitäre Juristen-Ausbildung in Bremen hatte einmal einen eher schlechten Ruf, hat sich der Fachbereich davon inzwischen erholt?

Hintergrund dafür war die einstufige Ausbildung mit nur einem Examen. Das war ein Modellversuch, den es in ähnlicher Form auch an anderen Unis gab, beispielsweise in Hannover und Konstanz. Unter den Absolventen in den 70er- und 80er-Jahren gibt es eine erhebliche Zahl sehr erfolgreicher Juristinnen und Juristen. Deshalb wäre eine pauschale Kritik problematisch. Hinderlich allerdings war in vielen Fällen der Verzicht auf Noten. Es gibt bis heute Traditionen aus dieser Zeit, die wir aus gutem Grund fortführen. Dazu zählen eine Betonung der Grundlagenfächer Rechtssoziologie und Rechtsphilosophie sowie eine starke Verzahnung von Theorie und Praxis, so unterrichten bei uns mehrere Richter. Ein erheblicher Unterschied zu früher ist allerdings, dass wir damals 32 Jura-Professorinnen und -professoren hatten, heute sind es nur noch 14.

Wissen Sie eigentlich, was aus Ihren Studenten wird?

Einigen begegnet man später, nachdem sie Richter, Rechtsanwälte oder Angestellte geworden sind. Allerdings fragen wir natürlich bei Abschlussfeiern und ähnlichem, zudem führt die Universität seit einigen Jahren Absolventenbefragungen durch. Ein vollständiges Bild haben wir dadurch aber noch nicht.

Das Gespräch führte Silke Hellwig

Zur Person: Lorenz Kähler (42) ist seit 2011 Jura-Professor an der Uni Bremen und seit Juli 2015 Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaft. Er hat in Heidelberg, London und Göttingen studiert.

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