Lücken am Wochenende Rechtsmedizin nicht immer besetzt

Bremen. Die Rechtsmedizin ist in Bremen nicht immer besetzt. Gerade am Wochenende fehlen Ärzte für Blutproben, Untersuchungen oder Leichenschauen.
28.07.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Rechtsmedizin nicht immer besetzt
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Die Rechtsmedizin ist in Bremen nicht immer besetzt. Gerade am Wochenende fehlen Ärzte für Blutproben, Untersuchungen oder Leichenschauen. Auch an diesem Wochenende ist es passiert. Der ärztliche Beweissicherungsdienst (ÄBD) war nach Informationen des WESER-KURIER von Sonnabend 8 Uhr bis Sonntag 20 Uhr nicht besetzt. Dieser Dienst ist zum Beispiel dafür zuständig, Verdächtigen Blut abzunehmen, wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sind. Er sichert Beweise bei Gewalttaten. Und er wird zu Leichen gerufen, wenn der Tote Opfer eines Verbrechens oder die Todesursache unklar ist.

Soweit die Theorie. In der Praxis allerdings war dieser Dienst in den vergangenen Wochen oft nicht besetzt. Gesundheitssenator Hermann Schulte-Sasse (parteilos) war bereits in einer Fragestunde der Bürgerschaft am 17. Juli darauf angesprochen worden. Damals gab er zu Protokoll, dass Engpässe beim ÄBD aufgefangen werden durch die örtlichen Krankenhäuser und, bei Kapitalverbrechen, durch die Gerichtsmedizin Hamburg.

Mehr als eine Notlösung ist das aber offenbar nicht. „Es kommt zu zeitlichen Verzögerungen, dadurch wird unnötig Personal gebunden“, sagt etwa Polizei-Pressesprecher Nils Matthiesen, „die hilfsweise tätigen Ärzte sind bemüht, aber letztlich mangelt es an der rechtsmedizinischen Kompetenz, zum Beispiel, wenn Atteste hinsichtlich der Haft- oder Vernehmungsfähigkeit erstellt werden müssen.“ Zudem könnten Blutuntersuchungen bei sehr langen Verzögerungen ungenauer sein. Und Karen Matiszick, die Sprecherin des kommunalen Klinikverbunds Gesundheit Nord, sagt: „Selbstverständlich funktioniert das, wenn es sein muss. Aber Notfallambulanzen sind dafür eigentlich nicht gedacht und nicht darauf ausgelegt.“

Zu wenig Aufträge

Dass es zu diesen Personallücken beim ÄBD kommt, hat laut Michael Birkholz, dem Leiter des Bremer Instituts für Rechtsmedizin, einen einfachen Grund. Er werde nebenberuflich von Ärzten des Instituts oder Medizinern mit entsprechender Fortbildung übernommen. Dafür gebe es nur eine geringe Pauschale, darüber hinaus würden die Ärzte pro Auftrag bezahlt. Und weil die Aufträge zurückgegangen seien, lohne sich das eben immer weniger. Man könnte dieses Problem lösen, sagt Birkholz, wenn man in Bremen das Gesetz ändern und die sogenannte qualifizierte Leichenschau einführen würde. Das heißt, dass nur noch rechtsmedizinisch fortgebildete Ärzte Totenscheine ausfüllen dürften. Für die Ärzte im Beweissicherungsdienst gäbe es dann wieder mehr Aufträge.

Das ist aber noch nicht einmal Birkholz’ Hauptargument. Er begründet seinen Vorschlag vor allem fachlich. Schon in den 1990er-Jahren habe es eine Studie gegeben, laut der jedes zweite Tötungsdelikt unentdeckt bleibe, weil die Leichenschau ungenügend sei, sagt er. Mit der neuen Regelung könne man Abhilfe schaffen.

Die Bremer Ärzteschaft widerspricht dem zumindest nicht prinzipiell. „Leichenschauen gehören nicht zu den normalen Aufgaben von Ärzten“, sagt die Hauptgeschäftsführerin der Ärztekammer, Heike Delbanco. Eine gute rechtsmedizinische Versorgung sei daher wichtig. Die Notwendigkeit für eine Gesetzesänderung sieht sie dadurch aber nicht zwangsläufig. Jörg Hermann, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung, könnte sich eine Änderung zwar vorstellen, allerdings mit einer Einschränkung: Wenn ein Arzt einen Patienten über einen längeren Zeitraum behandelt hat, sollte er auch weiterhin den Totenschein ausstellen dürfen, findet Hermann.

In der Gesundheitsbehörde sieht man hingegen keinen Anlass für eine Änderung. „Wir müssen da Nutzen und Aufwand abwägen und genau überlegen, wen wir mit einer solchen Regelung unter einen Generalverdacht stellen“, sagt Sprecher Jens Schmidt. Länderübergreifend sei diese Frage schon einmal erörtert und verworfen worden. Derzeit stimme man unter den norddeutschen Ländern gemeinsame Standards ab.

Dabei steht auch das Bremer Institut selbst auf dem Prüfstand. Eine Grundsatzentscheidung stehe an, hatte Schulte-Sasse in der Bürgerschaft erklärt, wenn Birkholz 2015 in den Ruhestand geht. Derzeit laufen Sondierungsgespräche mit dem Leiter der Hamburger Gerichtsmedizin. Auch deshalb soll es mit den Ressorts Inneres und Justiz Gespräche geben – um zu klären. was dort für nötig gehalten wird.

Diese Gespräche, so berichtet der Sprecher des Justiz-Ressorts, Thomas Ehmke, sollen nun vor dem Hintergrund der Ausfälle im ÄBD schnell geführt werden. Polizei und Staatsanwaltschaft sollten dabei festlegen, welche Ansprüche sie an eine funktionierende Rechtsmedizin stellen und was dafür gebraucht wird, sagt Ehmke. „Wir brauchen lokale Kompetenz, die kurzfristig verfügbar ist. Es gibt Fälle, da kann man keine drei Tage warten, manchmal hat man nicht einmal drei Stunden.“

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