Einlass ab 10.30 Uhr Red-Bull-Flugtag: Wo selbst Kühe fliegen lernen

Sie nennen sich "La Maquina Con Carne" und wollen ihr Fluggerät in den Europahafen stürzen: Eine Gruppe Bremer Ingenieure nimmt am Red-Bull-Flugtag teil. Doch beim Flugzeugbau läuft nicht alles rund.
29.06.2018, 17:42
Lesedauer: 4 Min
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Red-Bull-Flugtag: Wo selbst Kühe fliegen lernen
Von Alice Echtermann

Als sie den zweiten Flügel aus der Garage tragen, gibt es ein Problem. „Wie konnte uns das denn passieren?“, fragt Marta Garcia Ruiz und bricht in ungläubiges Lachen aus. Die Tragflächen, die jetzt links und rechts von dem Flugzeugkörper auf der Auffahrt liegen, sind identisch. Zwei rechte Flügel. Einer ist richtig, aber der andere passt nicht, er ist seitenverkehrt.

Die Flugzeugbauer schauen sich einen Moment lang an, mit einer Mischung aus Belustigung und Ratlosigkeit. Was jetzt? In wenigen Tagen wird einer von ihnen mit diesem Flugzeug eine Rampe hinunter in das Becken des Europahafens fliegen. Und zumindest ein Stück weit durch die Luft gleiten. Das ist der Plan, der jetzt vor unerwartete Schwierigkeiten gestellt wird.

Einen Monat haben Pablo Bermudez, Roman Nikitin, Marta Garcia Ruiz, Santosh Navalagund und Amr Fadhel an ihrem Flugzeug gebaut. Beim Red-Bull-Flugtag am Sonntag, 1. Juli, in Bremen werden sie als Team „La Maquina Con Carne“ (Maschine mit Fleisch) antreten und sich mit anderen Hobbybastlern aus ganz Deutschland messen.

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40 Teams wollen am Sonntag ihre selbst gebauten Fluggeräte in das Wasser des Europahafens stürzen. Wer dabei am weitesten fliegt und zudem eine unterhaltsame Show abliefert, gewinnt. „Wie gut, dass Amr nicht da ist“, sagt Pablo Bermudez und lacht. Amr Fadhel ist der Pilot und fehlt an diesem Abend, an dem das Team letzte Arbeiten am Flugzeug vornimmt.

Er weiß also noch nicht, dass die Flügel, die ihn tragen sollen, nicht ganz richtig sind. „Er ist der Pilot, weil er der Leichteste von uns ist“, erklärt Bermudez. An dem Wettkampf teilnehmen werden er, Nikitin, Fadhel und Garcia Ruiz. An dem Flugzeug gebaut haben allerdings noch mehr Kollegen, wie Santosh Navalagund. Sie alle arbeiten beim selben Arbeitgeber in der Luftfahrtbranche, sie sind Systemingenieure. Mit Flugzeugen kennen sie sich aus, auch wenn sie noch nie ein Gerät wie dieses konstruiert haben.

Die Kuh kommt heil davon

Das Flugzeug, das in der Garage von Roman Nikitins Haus in Seehausen entstanden ist, soll einem fliegenden Fleischwolf ähneln. Deshalb der Name „La Maquina Con Carne“. Die Geschichte dahinter hat sich das Team liebevoll ausgedacht, und sie geht so: Am 1. Juli 1987 – am Wettkampftag vor genau 31 Jahren also – entkam eine Kuh einem Schlachter in Bremen.

Mit Unterstützung ihrer Kuhfreunde baute sie aus dem Equipment des Fleischers ein Flugzeug und floh. Einige Mexikaner, die zufällig vorbeikamen, tauften das wunderliche Fluggerät „La Maquina Con Carne“. Die Kuh wurde nie wieder gesehen – bis zum Flugtag, natürlich. „Die Geschichte zeigt ein bisschen unseren schwarzen Humor“, sagt Pablo Bermudez. „Aber ich möchte betonen, dass die Kuh nicht geschlachtet wird, sondern heil davonkommt.“

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Die Idee, beim Flugtag mitzumachen, entstand am Arbeitsplatz. Ein Kollege hatte die Ausschreibung ausgedruckt und an die Wand gehängt, wo Bermudez sie las. Da er noch nicht lange in Bremen arbeitet, sah er in dem Wettkampf eine gute Möglichkeit, Zeit mit den Kollegen zu verbringen. „Es ist eine Herausforderung, die man sich neben Beruf und Familie stellt, etwas Abgefahrenes zu tun“, sagt Roman Nikitin.

„Und wir haben uns Videos angeschaut und fanden es ziemlich cool“, ergänzt Marta Garcia Ruiz. Das Team ist international und jung, die Mitglieder sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Untereinander sprechen sie Englisch. Nur Garcia Ruiz verfällt manchmal ins Spanische, wenn sie aufgeregt ist, so wie jetzt. Nur wenige Handgriffe fehlen, bis das Flugzeug fertig ist.

An diesem Abend sollen die Flügel erstmals an den Rumpf montiert werden. Hätten sie die Tragflächen früher aus der Garage geholt, hätten sie das Problem vielleicht entdeckt, bevor die Flügel mit Folie bespannt wurden. Doch das Wetter war zu schlecht in den vergangenen Tagen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Die Kosten übernimmt ein Sponsor

Die Bügelfolie hat das Team extra im Internet bestellt; Ersatz zu besorgen wird nicht so einfach. „Wenn wir jetzt zwei Nächte durcharbeiten, können wir vielleicht einen neuen Flügel bauen“, schlägt Nikitin vor. Bermudez schüttelt den Kopf: „Ich bin dafür, wir bauen den Flügel einfach an.“ Theoretisch müsste das Flugzeug mit den zwei identischen Flügeln in der Luft eine Seitwärtsrolle machen. Aber vielleicht passiert auch gar nichts.

„Unseren Berechnungen zufolge sind wir eh viel zu schwer“, sagt Bermudez nachdenklich. Etwa 100 Kilo wiegt die Konstruktion aus Holz, Folie, Styrodur – einer etwas festeren Variante von Styropor – und Papier. Gekostet hat der Bau bisher etwa 1000 Euro. Geld, das die Firma Altran Deutschland als Sponsor des Teams übernimmt.

Ein wenig ist dem Team die Enttäuschung über den falschen Flügel anzumerken. Doch das überwinden die vier Flugzeugbauer schnell mit Humor. Das Basteln jeden Sonntag in der Garage, die gemeinsame Zeit und das Wissen, dass sie etwas geschafft haben, was sie vorher noch nie getan haben – das alles ist am Ende wichtiger als der sportliche Ehrgeiz. Und selbst wenn die Kuh in „La Maquina Con Carne“ am Europahafen nicht das Fliegen lernt, kann sie immer noch eine denkwürdige Show abliefern.

Einlass ab 10.30 Uhr

Den Flugtag gibt es seit 1992. Am Sonntag, 1. Juli, findet er am Europahafen in Bremen statt. Unter den 40 Teams nehmen auch mehrere aus Bremen und der Region teil. Einlass ist ab 10.30 Uhr, der Eintritt ist frei. Die ersten Flüge starten um 12 Uhr, die Siegerehrung soll um 16.30 Uhr stattfinden. Neben den Hobbypiloten tritt auch eine Gruppe um die Videospiel-Youtuber von „Pietsmiet“ an − in diesem Fall aber außer Konkurrenz, da sie teilweise auch in der Jury sitzen.

Die weiteren Jurymitglieder sind Betty Taube-Günter (Model und angehende Pilotin), Matthias Dolderer (Red-Bull-Air-Race-Weltmeister von 2016) und Daniel Abt (Formel-E-Pilot). Durch das Programm führen die TV-Moderatoren Vanessa Meisinger und Simon Gosejohann. Neben dem sportlichen Teil gibt es Show-Einlagen und eine Food-Truck-Meile an der Hoerneckestraße entlang des Schuppens 2. Die Straßenbahnlinie 3 fährt am Sonntag zwischen 10.30 und 18 Uhr alle fünf Minuten auf der Strecke zum Europahafen.

Info

Zur Sache

Ein Highlight des Flugtags wird der Flug eines Nachbaus der „Bremen“: Der legendäre Flieger des Typs Junkers 33 überquerte 1928 als erstes Flugzeug den Atlantik von Osten nach Westen. Eine Gruppe Bremer hat als Team „Trans Atlanticos“ die „Bremen“ nachgebaut, um damit am Europahafen abzuheben. Das Ziel? Natürlich Amerika!

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