Neuerfindung der Schule in Obervieland Reformgymnasium sucht Rektor

Bremen. Am Gymnasium Obervieland wird alles anders. Abitur nach 13 Schuljahren, und maximal 24 Schüler in einer Klasse. Doch wird wohl nicht mal die Hälfte der Schüler den Leistungskriterien gerecht. Im August geht es los, die Schule ist jedoch seit 13 Monaten ohne Direktor.
06.03.2010, 18:50
Lesedauer: 3 Min
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Von Bernd Schneider

Bremen. Am Gymnasium Obervieland wird alles anders. Das Abitur wird nach 13 Schuljahren abgelegt, nicht nach zwölf; und maximal 24 Schüler sollen eine Klasse bilden, nicht 30. Nicht mal die Hälfte der Schüler, so erste Erwartungen, werden den Leistungskriterien fürs Gymnasium gerecht - und doch soll der Unterricht durchweg Gymnasial-Niveau haben. Im August geht es los. Doch schon seit 13 Monaten ist die Schule ohne Direktor.

'Dramatisch für die schulische Entwicklung und das Kollegium' - so sieht Herbert Wehe vom Personalrat die Lage in Obervieland. Die Schule stehe vor einer enormen Herausforderung. 'Wie man das ohne Führung bewältigen will, ist mir schleierhaft.'

'Die Besetzung der Stelle duldet nach meiner Auffassung keinen Aufschub', schreibt auch Bernd Nehrhoff vom Schulelternbeirat an Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper. Es sei 'nicht hinnehmbar', dass 'in einer entscheidenden Phase des Übergangs' die Schulleitung 'personell nicht ausreichend besetzt' werde.

Die Herausforderungen in Obervieland sind nicht nur enorm, sie sind in Bremen auch einzigartig. Was dort entsteht, ist das einzige Gymnasium, in dem leistungsstarke Kinder ('über den Regelstandards der Grundschulen') eine Minderheit sein werden. Als unmöglich gilt das nicht, aber eine Herausforderung ist es, wie es sie kaum andernorts in Deutschland gibt.

Eine Art 'Gymnasium für alle'

An der Alfred-Faust Straße werden zwei bislang eigenständige Schulen verschmelzen, das Gymnasium und die Integrierte Stadtteilschule. Letztere ist - wie die neue Oberschule - eine Form der Gesamtschule. Die Verschmelzung ist schon lange gewollt. Externe Experten hatten nämlich festgestellt: 'So lange beide Schulen nebeneinander existieren, wird eine zur Restschule', so Elternsprecherin Gesine Cyl vom Gymnasium. Die CDU hat im Schulkonsens durchgesetzt, dass es acht Gymnasien in Bremen geben soll, von Obervieland will sie nicht abrücken. Das neue Schulsystem wäre also keine Lösung, auch Oberschulen brauchen leistungsstarke Schüler.

Das 'Reform-Gymnasium' ist der Kompromiss, eine Art 'Gymnasium für alle', ein Zwitter: Äußerlich wird es einer Oberschule zum Verwechseln ähnlich sein - kleinere Klassen, 13 Jahre bis zum Abitur. Doch Oberschulen unterrichten auf verschiedenen Leistungsniveaus - anfangs innerhalb der Klasse, später auch in getrennten Kursen. Die Idee: Die Schüler bleiben im Prinzip zusammen, aber wo sie Stärken haben, lernen sie an anspruchsvolleren Aufgaben, wo sie Schwächen haben, wird erst noch mal grundlegender gelernt. An einem Gymnasium in Bremen darf es diese Leistungsdifferenzierung dagegen nicht geben. Dort findet der Unterricht auf einem einzigen Leistungsniveau statt.

Damit das Gymnasium Obervieland seine schwachen Schüler nicht überfordert, braucht es also ein exzellentes Förderkonzept. Wie das aussehen soll, daran arbeitet derzeit eine Schulstrukturkommission unter Leitung von Konrektorin Jutta Albers. 'Eine begeisterte Pädagogin', die 'unglaublich gerne unterrichtet', sagt Elternsprecherin Gesine Cyl, und 'unglaublich gut'. Den Umbau zum Reformgymnasium treibt sie professionell voran, das bestätigt auch die Bildungssenatorin. Doch ob ihre Kräfte auf Dauer für zwei reichen? Elternvertreter Bernd Nehrhoff zweifelt: 'Man kann sie unmöglich alleine lassen.'

Vor einem Jahr wurde die Rektorenstelle zum ersten Mal ausgeschrieben, damals gab es keinen einzigen Bewerber. In der zweiten Runde gab es zwei, einer hätte zum 1. März anfangen sollen. Doch er zog seine Bewerbung zurück.

'Wenn wir jetzt in ein neues Bewerbungsverfahren eintreten, dann dauert das bis Herbst', fürchtet Herbert Wehe vom Personalrat Schulen. 'Das geht so nicht.' Unter den Eltern nimmt der Unmut spürbar zu. Sie fordern, die Stelle 'möglichst schnell zu besetzen'. Das will auch die Senatorin, die einräumt: 'Das ist sicher keine glückliche Geschichte.'

Doch pädagogisch muss der neue Rektor eine Art eierlegende Wollmilchsau sein - Fachmann in Sachen Gymnasium mit Oberstufe plus Experte für Förderkonzepte, also: Gesamtschulerfahrung. Und diese Kombination ergibt sich in einer Lehrer-Berufslaufbahn alles andere als zwingend.

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