Dieter Schütt aus Obervieland und andere erzählen von Fern- und Heimweh / Videoaufnahmen sind Teil einer Ausstellung Reisende Sommer-Republik an der Sielwallfähre

Ostertor. Abschiedslieder erklangen am "Terminal Fernweh", wo sich neben Radfahrern und Familien mit Kindern auch Menschen eingefunden hatten, die von ihren Aufbrüchen erzählten. Die "Reisende Sommer-Republik" hatte Station an den Anlegern Ostertor und Café Sand der Sielwallfähre gemacht. Dort erzählte Dieter Schütt aus Obervieland aus der Zeit, als er als Bremer "Buttjer" die große Schwester in London besuchte.
13.09.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christiane Tietjen

Ostertor. Abschiedslieder erklangen am "Terminal Fernweh", wo sich neben Radfahrern und Familien mit Kindern auch Menschen eingefunden hatten, die von ihren Aufbrüchen erzählten. Die "Reisende Sommer-Republik" hatte Station an den Anlegern Ostertor und Café Sand der Sielwallfähre gemacht. Dort erzählte Dieter Schütt aus Obervieland aus der Zeit, als er als Bremer "Buttjer" die große Schwester in London besuchte.

Schon im Vorfeld hatten Peter Roloff und Oliver Behnecke, die künstlerischen Leiter der "Reisenden Sommer-Republik", einige Geschichten gesammelt. An dem Terminal, der für einen Tag an der Sielwallfähre (Anleger Ostertor) errichtet wurde, fanden sich aber auch spontan Frauen und Männer ein, die von einem bewegten Leben erzählen konnten.

Sylvia James ist gebürtige Engländerin. Ihre Eltern hatten sich während der Besatzungszeit kennengelernt. Als sie 15 Jahre alt war, zog sie mit ihren Eltern ins Ruhrgebiet, weil ihr Vater dort eine Arbeitsstelle fand. Sylvia James blieb, um ihre Schule zu beenden, während ihre Eltern nach zehn Jahren wieder nach England gingen.

"Hier sieht es ja aus wie in England!" Das war 1981 ihr erster Eindruck bei einem Besuch in Bremen. Die kleinen Häuser und die Nähe zum Wasser gefielen ihr so gut, dass Bremen ihre Wahlheimat wurde. Sylvia James wohnt im Ostertor und hat einen 17-jährigen Sohn, der gerade eine Ausbildung zum Koch absolviert. "Er spielt mit dem Gedanken, einmal auf einem Schiff zu arbeiten", erzählte sie lächelnd. Fernweh und Heimweh kennt sie gleichermaßen, und eine Fähre ruft in ihr immer viele Gefühle wach.

Auf der anderen Weserseite, am Café Sand, war das "Terminal Heimweh" aufgebaut, von dort aus ging es dann wieder mit der Fähre zurück. Mehrmals hin- und herfahren musste auch der Rentner Dieter Schütt aus Obervieland, bis er seine lange Geschichte erzählt hatte. Sie begann mit dem Bremer "Buttjer", der damals mit zwölf Jahren seine Schwester in London besuchte, mit 16 Jahren zu seinem Bruder nach Frankfurt radelte und ein Jahr später per Anhalter nach Italien reiste. Doch erst als junger Mann, Feinmechaniker von Beruf, fuhr er in die Welt hinaus. Dieter Schütt war in Österreich, Jugoslawien und Bulgarien, später dann in Südafrika. So schlecht und recht klappte es mit der Verständigung, denn: "Englisch hatte ich im Amerikahaus gelernt". Seine Frau kommt aus Swasiland, mit ihr ist er seit 42 Jahren zusammen. Nicht zuletzt wegen der Schwierigkeiten mit dem Apartheidsregime kehrte Schütt 1972 nach Hause zurück.

Wie alle Befragten, lehnte auch der geladene Gast Torsten Grünewald von der Handelskammer Bremen lässig an der Reling von "Halöver". Sein Fazit: Das Unterwegssein der Deutschen habe heutzutage hauptsächlich ökonomische Gründe, gemischt mit etwas Abenteuerlust. "Während im 19. Jahrhundert Auswanderung oft politische Ursachen hatte, gibt es das heute hier nicht mehr." Ob man sein Glück auch woanders finden könne, wurde er gefragt. "Ja, aber auch in Bremen!" Grünewald stellte heraus, wie wichtig der Standort mit seinen großen Handelshäusern für die Logistik-, Automobil- und Lebensmittelbranche ist.

Bis zum späten Nachmittag wurden auf der Sielwallfähre spannende Lebensgeschichten aufgezeichnet, zu denen sich 30 Menschen spontan eingefunden hatten – das Thema sprach sie an. Am Abend zeigte das Team Roloff und Behnecke das Video "Reisewege – Lebenswege" zum Thema Freud und Leid der Berufspendler in der Region.

Am Strand des Café Sand wurde es bei anbrechender Dunkelheit gemütlich, obwohl der Kreis von 50 Leuten schon recht groß war. Man rückte zusammen, und das Geschichtenerzählen ging weiter bei Lagerfeuer und Stockbrot. "Muss Wandern" hieß das Abschlusslied, es ist auch der Titel der Veranstaltung. Die Videoaufnahmen über den Sommertag an der Weser werden eingefügt in die Ausstellungsreise "Aufbruch in die Utopie. Auf den Spuren einer deutschen Republik in den USA", die im Frühjahr 2014 in der Kulturkirche St. Stephani Station machen wird.

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