Meine Haltestelle: Michal Freundt fährt am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) ab Reisestart mit Risiko

Bahnhofsvorstadt. Amsterdam, Paris, Prag, Riga. In diese und noch viele andere europäische Städte fahren Busse von der Haltestelle am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) am Breitenweg aus. Wer hier einsteigt, kann Tausende von Kilometer entfernt aussteigen. Besonders Ziele in Osteuropa sind seit einigen Jahren gefragt. Täglich fahren Busse dorthin - die Abfahrt ist meist in den frühen Abendstunden.
21.04.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Susanne LabatZKE

Bahnhofsvorstadt. Amsterdam, Paris, Prag, Riga. In diese und noch viele andere europäische Städte fahren Busse von der Haltestelle am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) am Breitenweg aus. Wer hier einsteigt, kann Tausende von Kilometer entfernt aussteigen. Besonders Ziele in Osteuropa sind seit einigen Jahren gefragt. Täglich fahren Busse dorthin - die Abfahrt ist meist in den frühen Abendstunden.

Über Fahrpläne und -zeiten informiert das Reisebüro Ost-West, Breitenweg 25, am ZOB. "Gerade ist nicht so viel los. Im Sommer und zu Ostern und Weihnachten ist der ZOB voller Reisegäste", sagt Halina Szyszpior, die hinter dem Schalter sitzt. Der Freitag sei der Hauptreisetag, denn Wochenenden werden für kurze Ausflüge oder für den Besuch bei Freunden und Verwandten genutzt.

Genau deshalb steht auch Michal Freundt mit seiner Reisetasche an der Haltestelle. In einer Stunde fährt er mit dem Bus der EST Busgesellschaft nach Polen in die Stadt Lebork. Seine Mutter ist dort geboren und viele der Familienangehörigen leben noch dort. Der 24-Jährige aus Aumund-Hammersbeck will seine Verwandten wiedersehen. "Ich möchte auch endlich wieder richtige Piroggen essen." Außerdem freue er sich, seine Muttersprache wieder zu hören und selbst zu sprechen.

Mit dem Bus nach Polen

Als Dreieinhalbjähriger ist Michal Freundt nach Deutschland gekommen. Seine Familie siedelte sich in Bremen-Nord an. Schon als Kind fuhr er immer wieder von der Haltestelle am ZOB in sein Geburtsland. Deswegen weiß er auch, wie der Busbahnhof früher ausgesehen hat, als die Busse noch vor dem Übersee-Museum hielten. Die Grünfläche heißt jetzt Platz der Deutschen Einheit, ein Stück der Berliner Mauer ist dort ausgestellt.

Der nächste Standort des Busbahnhofes war dann 13 Jahre lang zwischen dem Übersee-Museum und der Hochstraße mit den Haltebuchten vor dem Kino Cinemaxx. Michal Freundt versteht nicht, warum der ZOB an den Breitenweg verlegt worden ist. Die Situation dort findet er fahrgastunfreundlich. "Wenn es regnet oder schneit, gibt es keinen geschützten Wartebereich. Der Wartebereich ist der Fußgängerweg", sagt der junge Mann.

Auch ein richtiges Restaurant mit einer ordentlichen Toilette oder wenigstens einen Kiosk in der unmittelbaren Umgebung wie an anderen Busbahnhöfen vermisse er in Bremen. Seine Kritik geht noch weiter: "Die Situation am ZOB ist auch richtig gefährlich", findet der 24-Jährige. Am Breitenweg herrsche starker Verkehr. Außerdem liege der Fahrradweg genau zwischen den Wartenden und den Bushaltebuchten. Michal Freundt vermutet: "Es muss wohl erst etwas Schlimmes passieren, bis die Haltestelle wieder vor das Cinemaxx-Kino verlegt wird."

Bisher soll es nur leichte Zusammenstöße zwischen den Reisenden und Fahrradfahrern gegeben haben, aber die Situation, so schätzt ein älterer Fahrgast die Lage ein, sei unhaltbar. "Auch die Polizei hat schon auf die Verkehrsgefahren hingewiesen", sagt der Rentner, der nicht genannt werden möchte. Auf eine Unterschriftenaktion im Dezember 2010 hin hat sich nichts verändert. 400 Unterschriften sollen zusammengekommen sein.

Halina Szyszpior vom Reisebüro versteht den Ärger ihrer Kunden über die Verlegung der Haltestellen. Viele fänden den ZOB zu gefährlich. Und das Fehlen einer Toilette in unmittelbarer Nähe könne durchaus zum Problem werden.

Es sei schon vorgekommen, dass Leute ihren Bus verpasst haben, weil sie noch auf die Toilette gegangen seien. Das öffentliche WC steht in der Nähe des Übersee-Museums. Eine ältere Dame habe die Strecke zum Breitenweg nicht rechtzeitig zurück geschafft. Petra Redert erinnert sich gern an ihre ersten Fahrten vom ZOB nach Polen. Die Neustädterin fuhr vom Busbahnhof Bremen aus im Rahmen eines Studien- und Sprachschulaufenthaltes in den Jahren 2007 und 2009 in die polnische Stadt Krakau. Ihr Studium der Kulturgeschichte Osteuropa und Polonistik, der Wissenschaft über Sprache und Literatur, Kultur und Geschichte Polens, an der Universität Bremen hat sie abgeschlossen. Nun fehlt noch das Fach Arbeitswissenschaften. Deswegen hat sie auch keine Zeit, erneut eine solche Reise anzutreten.

Die 49-Jährige schildert ihre Eindrücke von damals: "Für mich war das, als ob das Land Polen eigentlich schon hier am ZOB anfing." Mit dem Bus seien fast ausschließlich Arbeitsmigranten aus Polen mitgefahren, die zwischen Arbeit und Familie hin und her pendelten. "Diese Menschenströme, die der Arbeit wegen immer wieder am ZOB ankommen und die dort auch wieder losfahren, um ihre Familien zu sehen, waren mir nicht so bewusst", sagt Petra Redert.

Eine Reise nach Krakau auf diesem Wege würde sie gerne wieder einmal machen machen, sagt die Neustädterin. "Man steigt nachmittags ein und ist am nächsten Vormittag in Krakau!"

Im Zweiten Weltkrieg wurde die polnische Stadt kaum zerstört, das historische Stadtbild ist weitestgehend erhalten. "Ein Besuch in der Königsburg, der sogenannten Wawel, ist sehr zu empfehlen", sagt die Expertin für polnische Kultur. In der Krypta liegen alle Nationalhelden versammelt - vom Gründer Polens, Józef Pilsudski, bis zu dem bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Präsidenten Lech Kaczynski.

Michal Freundt verabschiedet sich inzwischen von seiner Freundin. "Nach zwölf Stunden, morgen früh um 5 Uhr, bin ich dann am Ziel", sagt er. Während der Fahrt werde er sich Filme ansehen, schlafen oder Musik hören, sagt der Auszubildende. Als angehender Kfz-Mechatroniker lernt er gerade bei der Verkehrsgesellschaft Bremerhaven AG, heute BremerhavenBus genannt, und ist damit beruflich gar nicht so weit entfernt von dem Verkehrsmittel, in das er gleich mit seiner geschulterten Reisetasche einsteigt. Über Hamburg und Berlin bringt ihn der Bus in dieser Nacht nach Polen.

Seit 2008 werden Reisende auch an dieser Grenze aufgrund des Schengener Abkommens nicht mehr kontrolliert. "Das konnte manchmal stundenlang dauern", sagt Michal Freundt. Jetzt kommt er schneller von der neuen in die alte Heimat - und wieder zurück.

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