Fit in den Frühling

Reiten erfordert vollen Körpereinsatz

Viele Bremer Vereine bieten Einsteigern und Fortgeschrittenen die Möglichkeit, auf eigenen Schulpferden Reiten zu lernen. Das Hobby ist zeitintensiv, nicht ganz billig, hält aber oft ein Leben lang.
17.04.2018, 16:10
Lesedauer: 4 Min
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Von Elke Gundel
Reiten erfordert vollen Körpereinsatz

Konzentriert bei der Arbeit: Fritzi (12) auf Rapp-Stute „Molly“.

Frank Thomas Koch

Der massige fuchsfarbene Kaltblüter „Werner“ weiß genau, was jetzt in der Anfänger-Reitstunde von ihm gefordert ist: eine Runde Galopp. Doch ein gutes Schulpferd tut immer nur so viel, wie es tun muss. Setzt sich der Reiter nicht durch, wird die Galopprunde eben im zügigen Trab absolviert, wobei die Ecken in der Reithalle eigenmächtig abgekürzt werden. Erst als Übungsleiterin Mareike Eickhoff der Reiterin eine Gerte reicht, fällt der Wallach in einen gemütlichen Schaukelgalopp.

Wer reiten lernen will, hat sich eine komplexe Aufgabe ausgesucht. Reiten ist Sport, fordernd für den ganzen Körper – und den Geist. Jedoch ist ein Pferd kein Sportgerät. Sondern ein Lebewesen. Und diese Lebewesen haben nicht nur ihren ganz eigenen Kopf, so wie „Werner“, sondern einen Bewegungsablauf, auf den man sich erst einmal einstellen muss. Als Anfänger geht es deshalb zunächst schlicht darum, oben zu bleiben und das Gleichgewicht zu halten.

Anfänger kommen erst einmal an die Longe

Deshalb, erklärt Natalie Schneider, die beim Reitclub Walle für das Büro zuständig ist, werden Anfänger in Walle erst einmal an die Longe genommen: Das Pferd läuft an einer langen Leine um den Übungsleiter herum, auf diese Weise kann sich der Reitschüler darauf konzentrieren, das Auf und Ab des Pferderückens im Schritt, Trab und Galopp zu erspüren und mit dem eigenen Körper in Einklang zu bringen. „In der Regel dauert es etwa ein halbes Jahr“, sagt Nathalie Schneider, bis die Einsteiger so weit sind, dass sie sicher mit den Bewegungen des Pferdes mitgehen und das Tier einigermaßen selbst lenken können. Erst dann, betont Christina Kremer, 2. Vorsitzende des Vereins, sind die Schüler in der Lage, in eine Gruppen-Reitstunde zu wechseln.

Dort übernehmen neben der Übungsleiterin „Werner“, das einstige Kutschpferd, „Tessa“, die große Scheck-Stute, „Molly“, die schwarze Ponystute, und die anderen Schulpferde die weitere Ausbildung. So muss man es wohl sagen. Denn mindestens genauso wichtig, wie die Anweisungen, die Mareike Eickhoff zum Sitz, zur Haltung der Hände, des Kopfes und zur Lage der Unterschenkel gibt, sind die unmittelbaren Rückmeldungen der Pferde an ihre Reiter.

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Wer dem Tier durch Zügel, Gewichtsverlagerung und treibende Unterschenkel keine exakten „Hilfen“ gibt, der bekommt mit seinem Vierbeiner keinen „Zirkel“ (Kreis) hin – sondern landet bei einer Bahnfigur in der Reithalle, die eher wie ein Ei aussieht. Das gefällt Mareike Eickhoff gar nicht. Deshalb macht sie – auf dem Hallenboden stehend – den Kindern vor, wie sie ihren Körper einsetzen müssen, um eine korrekte Zirkellinie zu treffen: „Ihr müsst euch mit dem Oberkörper in die Biegung hinein drehen. Eure Schultern richten sich dabei parallel zu den Schultern eures Pferdes aus.“ Es ist nur eine minimale Rotation, die äußere Schulter rückt leicht nach vorne, die innere zurück – für den Außenstehenden ist das kaum sichtbar. Doch ein Pferd, das jede Fliege auf seinem Fell spürt, merkt ganz genau: Das Reitergewicht verlagert sich nach innen, der innere Zügel übt etwas mehr Druck aus, während der äußere leicht nachgibt. Und das innere Bein des Reiters liegt deutlich fester und etwas weiter hinten am Pferdebauch, als das äußere. Auf diese Weise – sozusagen eingerahmt – folgt das Pferd der vom Reiter vorgegebenen Linie.

Die Kommunikation mit dem Vierbeiner ist also im Grunde einfach. Allerdings braucht es jahrelange Übung, gute Körperbeherrschung, Konzentration und ein feines Gespür für das Tier, um diese Hilfen zu erlernen und im richtigen Augenblick einzusetzen. „Man benutzt Muskeln, von denen man anfangs gar nicht weiß, dass man sie hat“, sagt Mareike Eickhoff. Der ganze Körper ist unablässig im Einsatz. Reiten ist – anders als viele denken – nicht nur ein passives „auf dem Pferd sitzen“, sondern aktive Einwirkung, und deshalb nicht nur anstrengend, sondern auch schweißtreibend. Den sechs Kindern und Jugendlichen in der Reitstunde von Mareike Eickhoff wird deshalb schnell warm: Schon nach etwa zehn Minuten muss die Übungsleiterin die eine oder andere Jacke ihrer Schützlinge einsammeln, dabei ist die Gruppe noch in der Anfangsphase, in der die Pferde im Schritt gelockert und aufgewärmt werden.

Der richtige Sitz ist wichtig

Die Trainerin achtet bei ihren Schülern vor allem auf den Sitz. Die Kinder sollen sich ausbalanciert im Sattel halten, vor allem im Beckenbereich locker sein, um gleichmäßig in der Bewegung des Pferdes mitschwingen zu können. Sie sollen „die Oberschenkel nicht festklemmen“ und trotzdem die Hinterhand des Pferdes mit den Unterschenkeln energisch herantreiben. So beschreiben Reiter das Phänomen, dass das Pferd mit seinen Hinterbeinen möglichst weit nach vorne unter den eigenen Schwerpunkt tritt. Das klappt nur, wenn der Vierbeiner seine langen Rückenmuskeln entspannen kann – also wenn der Reiter nicht bei jedem Schritt unbeholfen auf den Pferderücken plumpst. „Ich versuche, den Unterricht für die Pferde und Reiter möglichst gesundheitsschonend zu gestalten.“

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Zum Reiten gehört außerdem, Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen, sagt Christina Kremer. Deshalb wird im Reitclub Walle Wert darauf gelegt, dass die Reitschüler nicht erst fünf Minuten vor Beginn der Stunde erscheinen und auf das fertig gesattelte und getrenste Tier aufsitzen. „Die Reitschüler müssen eine halbe Stunde vorher da sein, die Pferde selbst aus der Box holen, putzen, satteln und trensen.“ Hufe auskratzen, den Putzplatz fegen, Sattelzeug und Trense nach der Stunde sorgfältig in der Sattelkammer verstauen und das Pferd versorgen gehört ebenfalls zu den Aufgaben der Schüler. So kommen schnell zwei Stunden Bewegung – überwiegend an der frischen Luft – zusammen. Egal ob es regnet, friert oder ob die Sonne scheint.

Schnupperkurse zum kennenlernen

Die Gruppen-Reitstunden beim Reitclub Walle bieten Platz für maximal sechs Teilnehmer, derzeit stehen acht Schulpferde zur Verfügung. Reithelm, Reithose und feste Schuhe mit Absatz – für sicheren Halt im Steigbügel – sind Pflicht. Einsteigern bietet der Verein einwöchige Schnupperkurse in den Ferien an. „Da können die Kinder den Umgang mit den Pferden und das ganze Drumherum kennenlernen“, sagt Nathalie Schneider. Statt Leistungsdenken pflegt der Verein am Waller Feldmarksee die respektvolle Partnerschaft mit dem Pferd. Wer nach der Schnupperwoche sicher ist, die richtige Freizeitaktivität gefunden zu haben, muss ein wenig Geduld mitbringen: Die Wartezeit für Longen-Stunden liegt derzeit bei etwa einem halben Jahr. Wer dabei bleibt, findet meist ein Hobby fürs ganze Leben.

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