Im Café Rosengarten wurde die Bremer Film-Chronik der Jahre 1871 bis 1945 gezeigt Reizvolle Einblicke ins historische Bremen

Huchting. Die Produktion historischer Streifen ist die Passion des Bremer Filmemachers Hermann Pölking-Eiken. Die von ihm und dem Historiker Diethelm Knauf zusammengestellte Bremer Chronik der Jahre 1871 bis 1945 mit gesprochenen Texten von Peter Kaempfe wurde kürzlich im Café Rosengarten in der Antwerpener Straße gezeigt.
01.06.2015, 00:00
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Von Sigrid Schuer

Die Produktion historischer Streifen ist die Passion des Bremer Filmemachers Hermann Pölking-Eiken. Die von ihm und dem Historiker Diethelm Knauf zusammengestellte Bremer Chronik der Jahre 1871 bis 1945 mit gesprochenen Texten von Peter Kaempfe wurde kürzlich im Café Rosengarten in der Antwerpener Straße gezeigt. Jüngere Zuschauer konnten nur staunen, wie sich das Stadtbild in all den Jahren verändert hat. Für so manch einen der älteren Zuschauer hatten die historischen Filmaufnahmen dagegen einen hohen Wiedererkennungswert.

Nach der Reichsgründung durch Bismarck ergaben sich nach und nach einschneidende Veränderungen im Stadtbild, die durch die Eckpunkte 1871 und 1945 markiert wurden. Bremen habe sich dank „seiner fleißigen, frohen Bürgerlichkeit“ zum modernen Industriezentrum gewandelt, heißt es in der Chronik. Auf das Jahr 1255 geht die Schlachte zurück. Dort befanden sich Packhäuser und Speicher, in denen die klassischen bremischen Handelsgüter Tabak, Wolle, Bier, Wein, aber auch Kaffee direkt an den Schlachtpforten gelagert wurden.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert gelang Bremen dank der Ansiedlung mehrerer Großröstereien der Aufstieg zur Kaffeestadt. Klangvolle Namen waren auch die Bremer Wollkämmerei und die Nordwolle. Diese Handelsgüter bildeten den Grundstock für die internationalen Handelsbeziehungen Bremens. In einer Filmsequenz erinnerte Altbürgermeister Hans Koschnick daran, dass sich die Hansestadt damals noch im Zollausschluss befand und nicht dem Zollverein angeschlossen war.

Der Bremer Westen war der klassische Standort für Werften, die AG „Weser“ war mit rund 12 000 Beschäftigten die größte von ihnen. „Use Akschen“, wie sie auch genannt wurde, war im Jahr 1905 von der Stephanikirchenweide nach Gröpelingen umgezogen.

Bis 1914 veränderte sich der Industriestandort Bremen rapide. Nach 1900 begann mit dem Unternehmen des legendären Konstrukteurs Carl Borgward die Auto-Produktion in der Hansestadt. Das Motto an den Toren der Borgward-Werke „Wer schaffen will, muss fröhlich sein!“ nutzte dem Unternehmer später wenig, als der Bremer Senat in der Ära von Wilhelm Kaisen die Pleite mit relativ überschaubaren finanziellen Mitteln hätte verhindern können, es aber nicht tat.

Die Dokumentation zeigt auch, welch große Rolle Bremen als Auswanderungshafen spielte. Rund sieben Millionen Menschen verließen über den Auswandererhafen Bremen Deutschland. 1857 wurde der Norddeutsche Lloyd gegründet. Ab 1885 folgte der Ausbau der bremischen Häfen. 1906 entstand der Überseehafen, fortan die Heimat großer Atlantikriesen.

Zu einem weiteren Meilenstein in der Bremer Wirtschaft avancierte die Luftfahrtindustrie, immerhin ist die Hansestadt die Heimat der genialen Flugzeugkonstrukteure Henrich Focke und Georg Wulf. Die Begeisterung der Bremer kannte keine Grenzen, als Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld, Hermann Köhl und James C. Fitzmaurice im April 1928 als ersten Pionieren der Transatlantikflug gelang. Die Filmchronik zeigt, wie enthusiastisch der Empfang ausfiel, den die Menschenmassen den Flugpionieren auf dem Bremer Marktplatz bereiteten. Im selben Jahr begann am Columbusbahnhof in Bremerhaven das Kreuzfahrtgeschäft zu boomen.

Das Auto markierte die neue Zeit, auch wenn die Pferdewagen nach wie vor zum Stadtbild gehörten. In den historischen Filmaufnahmen ist zu sehen, dass damals die Obernstraße noch eine viel benutzte Verkehrsstraße war. Wenigen ist bekannt, dass der zuvor lange vernachlässigte Dom erst 1890 seinen zweiten Turm erhielt. In den historischen Filmaufnahmen war auch der alte Teichmann-Brunnen auf dem Domshof sowie das benachbarte Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. zu sehen – genauso wie der Wilhadi-Brunnen. In den 1920er-Jahren wurde auf dem Marktplatz noch Markt abgehalten, gehandelt wurden beispielsweise Körbe mit Granat. Gezeigt werden ebenso Aufnahmen vom Theaterberg. Auf ihm stand einst Bremens Opernhaus, das nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut wurde.

Erst 1893 wurde der Osterdeich als neuer Prachtboulevard für die Bremer Patrizier angelegt. Im Milchquartier im Ostertor wohnten dagegen vor allem Handwerker. In den hochherrschaftlichen Häusern am Dobben siedelte sich das wohlhabende Bremer Bürgertum an. Der Schnoor mit seinen kleinen, ärmlichen Häusern war ein urbanes Viertel, in dem Handwerker, Katholiken und Juden wohnten, wie Sprecher Kaempfe unterstreicht. Das größte klassische Arbeiterviertel Bremens war Gröpelingen. Vor 100 Jahren hatte es nur 2000 Einwohner, heute sind es rund 33 000. Der Verdienst lag gerade mal bei drei Mark am Tag, die Verelendung der Bevölkerung war programmiert. Die Ungerechtigkeiten des Achtklassenwahlrechtes begünstigte den Aufstieg der Gewerkschaften und der SPD, während sich das privilegierte Bürgertum kaisertreu zeigte, erzählt Hans Koschnick. 1918 brach in der Kaserne am Neu-stadtswall eine Soldatenmeuterei aus. Die am 10. Januar 1919 ausgerufene Bremer Räterepublik sollte nur 25 Tage halten, dann wurde sie von den Freikorps niedergeschlagen. Der Bremer Kaufmann Heinz Bömers erinnert in der Filmchronik daran, wie sein Vater Heinrich, der von 1909 bis 1931 ein Senatorenamt bekleidete, von den Räten im Keller des Rathauses gefangen gehalten wurde.

Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg existierten in Farge und Hemelingen noch gut besuchte Strände, wie die alten Filmaufnahmen zeigen. Besonders beliebt war Timmermanns Badeanstalt am Hastedter Lido. Die Sportarten Wasserski und Segeln waren allerdings den oberen Zehntausend vorbehalten. Aber auch das zeigt Pölking-Eiken in seiner Filmchronik: Das Elend, das der Zweite Weltkrieg in Bremen, der Metropole der Rüstungsindustrie, anrichtete. Seit Mai 1940 legten die Allierten in 173 Luftangriffen mit 900 000 Bomben Bremen in Schutt und Asche. Zuvor waren Tausende Zwangsarbeiter an Entkräftung und Unterernährung gestorben. Adolf Hitler, der Verursacher dieses ganzen Leids, hatte Bremen nur ein Mal besucht: Im Januar 1933 war er auf der Werft AG „Weser“ dabei, als der Ostasien-Dampfer „Scharnhorst“ getauft wurde.

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