Zum Welt-Down-Syndrom-Tag

Reportage: Sie will einfach nur tanzen

Neele Buchholz aus Bremen ist die erste deutsche Profi-Tänzerin mit Down-Syndrom. Wie sie zu leben hat, will sich die 27-Jährige nicht vorschreiben lassen. Sie geht lieber ihren eigenen Weg.
16.02.2019, 20:36
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Reportage: Sie will einfach nur tanzen
Von Imke Wrage
Reportage: Sie will einfach nur tanzen

Keine Berührungsängste: Zusammen mit „Tanzbar Bremen“-Mitglied Lars Mindt übt sich Neele Buchholz im Paartanz.

Shirin Abedi

Musik pocht wie ein aufgeregter Herzschlag aus der Anlage, als Neele Buchholz die Augen schließt und die Tanzfläche des Probenraumes betritt. Nacheinander wirft Buchholz beide Arme in die Luft, macht einen Sprung zur Seite, streckt ein Bein durch – ihr Körper stellt verschiedene Figuren dar. Vertieft in die eigene Schrittabfolge schaut sie kurz auf und sieht in den großen Spiegel an der Wand: Die Körper der drei Tänzer, die Buchholz bei der neu konzipierten Performance synchron umringen sollen, sind schon weiter in der Choreografie. „Macht nichts, einfach weitertanzen“, ruft die Leiterin der Tanzgruppe, Corinna Mindt.

Es ist ein Montagmorgen, kurz nach zehn Uhr. Gerade hat für Neele Buchholz, 27, das tägliche Tanztraining begonnen. Tanzen, das ist die große Leidenschaft von Buchholz, gleichzeitig aber auch ihr Beruf: Sie ist die erste deutsche Profi-Tänzerin mit Down-Syndrom.

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Mit dem Down-Syndrom, auch als Trisomie 21 bekannt, hat Neele Buchholz eine genetische Besonderheit. Normalerweise enthält jede menschliche Körperzelle 23 Chromosomen, die doppelt vorliegen, also 46 Chromosomen als Träger der Erbsubstanz. Bei Buchholz hingegen kommt das Chromosom 21 dreimal vor. In ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung ist Buchholz deshalb beeinträchtigt. Wenn die Tänzerin spricht, dann braucht sie länger als andere, muss manchmal innehalten, nach Worten suchen. Am Ende aber ist es da, das Wort, das sie sucht, oder auch einfach nur ein Lächeln. Buchholz lächelt immer ein bisschen, das wirkt aber nie aufgesetzt. Sie ist ehrlich und weiß genau, was sie will.

Neele Buchholz

Noch wohnt Neele Buchholz zu Hause bei ihrer Mutter (rechts). Schon bald will die 27-Jährige ausziehen und auf eigenen Beinen stehen. Sie träumt von einer inklusiven Wohngemeinschaft.

Foto: Shirin Abedi

Bereits mit drei Jahren auf der Tanzfläche

Sie hat schon getanzt, da war sie gerade mal drei Jahre alt, sagt Buchholz in der Pause. 2004 wurde sie Mitglied der Jugendtanztheaterkompanie „Die Anderen“ am Tanzwerk Bremen und sammelte dort erste Erfahrungen bei Auftritten. 2010, sechs Jahre später, beschloss Buchholz nach Abschluss der Schule, dass sie keinen Weg einschlagen möchte, der für Menschen mit Behinderung oft vorgezeichnet ist. „Ich wollte keinen Job in einer Behindertenwerkstatt“, sagt die Tänzerin. Sie wollte und will ihren eigenen Weg gehen.

Der führt sie seit 2013 in den Probenraum der Bremer Schwankhalle. Als feste Angestellte des Vereins „Tanzbar Bremen“, einem Kollektiv für Zeitgenössischen Tanz von Tänzerinnen und Tänzern, Choreografinnen, Tanz- und Sozialpädagogen sowie Kulturschaffenden mit und ohne Beeinträchtigung verdient Buchholz ihr eigenes Geld.

Zunächst entwickelte die junge Frau das inklusive Tanzprojekt „KompeTanz“ mit, seit April 2015 ist sie als Tänzerin, anleitende und künstlerische Mitarbeiterin tätig und tritt mit verschiedenen Stücken in Schulen, Theatern und Festivals in ganz Deutschland auf. Inzwischen hat sie mit Assistenz sogar ihr erstes eigenes Kursformat entwickelt.

Neele Buchholz

Mittendrin statt nur dabei: Während Neele Buchholz und Lars Mindt Freestyle-Tanzelemente proben, tänzeln die restlichen Gruppenmitglieder um sie herum.

Foto: Shirin Abedi

Ein eng getakteter Tagesablauf

Ihr Tagesablauf ist seitdem meist eng getaktet: Am Morgen Yoga zum Aufwärmen, dann Tanztraining, am Nachmittag geht Buchholz mehrmals die Woche zusammen mit ihrem Großvater ins Fitnessstudio. Später trifft sie Freunde, malt bunte Bilder oder singt in ihrem rosafarben gestrichenen Zimmer Lieder von Helene Fischer ins Mikrofon. Genau das will die quirlige, junge Frau: unterwegs sein, mittendrin sein.

Noch wohnt Neele Buchholz zu Hause bei ihrer Familie mit Blick auf die Weser. In diesem Jahr aber möchte die junge Tänzerin den nächsten Schritt wagen und ausziehen, sagt sie. Sie träumt von einer inklusiven Wohngemeinschaft, in der Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam leben. Nach langer Suche haben Buchholz und ihre Eltern eine passende Wohnung in der Überseestadt gefunden – ­Mitstreiter für das Projekt werden noch gesucht.

Neele Buchholz

Wenn Neele Buchholz tanzt, dann könne sie alles andere um sich herum vergessen, sagt sie.

Foto: Shirin Abedi

Nach dem Tanztraining landet Neele Buchholz erschöpft auf dem letzten freien Platz in der Straßenbahn, ein Zweisitzer nahe der Tür. Der Sitzbachbar – blonde Haare, Anzug, Aktentasche – schaut von seiner Zeitung auf und sieht sie lange an. Blicke wie diese kennt sie, wird Buchholz später sagen. Doch soll er ruhig gucken, sie hat nichts zu verstecken, sagt die 27 Jahre alte Tänzerin: „Ich habe das Down-Syndrom, aber ich leide nicht darunter. Ich bin glücklich.“ Nur eines wünsche sie sich von ihren Mitmenschen: Respekt.

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