Auf Spenden angewiesen Retter im Mittelmeer

Das Team der "Aquarius" ist immer wieder erschüttert darüber, dass sich Menschen freiwillig in eine solche Lage begeben, und tut sein möglichstes, um diesen Geflüchteten zu helfen.
03.09.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Retter im Mittelmeer
Von Kristin Hermann

Das Team der "Aquarius" ist immer wieder erschüttert darüber, dass sich Menschen freiwillig in eine solche Lage begeben, und tut sein möglichstes, um diesen Geflüchteten zu helfen.

Die Einsätze auf der „Aquarius“ haben das Leben von Klaus Vogel und seiner Crew verändert. Seit das Schiff der Hilfsorganisation SOS Mediterranee Ende Februar von Bremerhaven aus startete, ­retten der Kapitän und die anderen Helfer im Mittelmeer immer wieder Flüchtlinge, die von der afrikanischen ­Küste aus versuchen, nach Europa zu gelangen. Etwa 5800 Menschen haben sie damit schon vor dem Tod bewahrt. Beim Kapitänstag am Freitag im Rathaus hielt Vogel die Kapitänsrede.

Ein Ende ihres Einsatzes ist nicht in Sicht. „Wir ziehen erst ab, wenn keine Flüchtlinge mehr ertrinken“, betont Vogel am Nachmittag. An der Situation für die Menschen dort habe sich in den vergangenen Monaten nichts gerändert. Im Gegenteil, es seien noch mehr ­zivile Seenotretter hinzugekommen, was zeige, wie nötig dort Hilfe gebraucht wird. „Das wird wahrscheinlich auch so weitergehen“, sagt Vogel.

Eine dramatische Rettung

Vor einigen Tagen hat das Team auf dem Schiff eine besonders dramatische Rettung durchlebt. 430 Menschen saßen auf engstem Raum auf einem Holzboot – die Crew konnte alle in Sicherheit bringen. Mehr als 600 Plätze gibt es auf dem 77 Meter langen ehemaligen Fischereischutzboot. Diejenigen, die gerettet werden, seien zwar ­meistens nie länger als einen Tag in kleinen Holz- oder Schlauchbooten unterwegs, aber sie seien alle extrem erschöpft.

Einige kämen nur mit dem, was sie anhaben, darunter auch Menschen mit Schusswunden, die die ­Ärzte auf dem Schiff sofort behandeln müssen. Sie kommen aus Eritrea, aus Somalia oder dem Sudan. Und aus Libyen. „Libyen ist wie ein großes Konzentrationslager“, sagt Vogel. Die Menschen von dort erzählen von Folter, von Missbrauch und von Tod.

Bis zu zwei Tage sind die Flüchtlinge an Bord, bis sie von der „Aquarius“ in einen Hafen in Sizilien gebracht werden. Zeit genug, um mit den Helfern ins Gespräch zu kommen, jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte. „Wir sind dankbar, wenn wir die Menschen retten können“, sagt Vogel.

"Wir spüren die Todesangst, wenn wir sie retten."

Gleichzeitig sei das Team erschüttert ­darüber, wie sich jemand freiwillig in diese Lage begeben könne. Doch die meisten von ihnen sehen keinen anderen Ausweg für sich und ihre Familien, erzählt der Kapitän. „Wir spüren die Todesangst, wenn wir sie retten.“ Etwa 20 Prozent der Flüchtlinge sind nach Angaben von Vogel Frauen.„Es kommen auch immer mehr unbegleitete Minderjährige.“

Oft seien auch Kleinkinder mit an Bord. Mittlerweile wurde auf der „Aquarius“ sogar schon ein Kind geboren – zu den Eltern haben Vogel und die ­anderen Helfer immer noch Kontakt.

Helfer sind auf Spenden angewiesen

Damit die Arbeit der Besatzung wie bisher laufen kann, sind die Helfer von SOS Mediterranee auf Spenden angewiesen. Mittlerweile haben sie Mitarbeiter in Bremen, Berlin, Deutschland, Frankreich und in Italien.

Ein Tag auf dem Schiff kostet etwa 11.000 Euro. Momentan kommen sie mit den Rücklagen noch sechs bis acht Wochen aus, sagt Vogel. Er ist mittlerweile nicht mehr so oft auf dem Schiff, weil er als eine Art Botschafter umherreist, um die Arbeit publik zu machen und um neue Gelder zu werben.

Dass er irgendwann mal wieder als „normaler Seemann“ Frachtschiffe steuert, darauf hofft Vogel. „Solange wir da unten in dieser Art und Weise gebraucht werden, kann ich mir das aber nur schwer vorstellen.“

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