Bremen und Hamburg auf einer Welle

Neuer Seenotrettungskreuzer der DGzRS in der Weser getauft

Die vielbeschworene Rivalität zwischen Bremen und Hamburg hatte an diesem Tag Pause. Denn in Bremen wurde der jüngste Seenotrettungskreuzer auf den Namen „Hamburg“ getauft.
29.07.2020, 05:00
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Neuer Seenotrettungskreuzer der DGzRS in der Weser getauft
Von Sigrid Schuer
Neuer Seenotrettungskreuzer der DGzRS in der Weser getauft

Da zerschellt die Flasche Sekt: Der neue Seenotrettungskreuzer "Hamburg" wurde am Fluss vor der Bremer Leitzentrale der DGzRS getauft. Der Kreuzer kommt im Küstenvorfeld und auf hoher See zum Einsatz, um Leben zu retten.

Martin Stoever

Blau-weißer Himmel, eine nicht zu steife Brise und einer der Täuflinge über die Toppen geflaggt und girlandengeschmückt: Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) hatte am Weserufer die perfekte Welle an einem perfekten Tag erwischt, um ihren jüngsten Seenotrettungskreuzer für Borkum auf den Namen „Hamburg“ taufen zu lassen.

Die Taufpatin, Moderatorin und Journalistin Anke Harnack ließ eine Flasche Sekt an dem Schiff zerschellen und wünschte ihm „allzeit gute Fahrt und stets eine sichere Heimkehr“. Mit den gleichen Wünschen taufte Charlotte Haack, Tochter des zweiten Vormanns des Seenotrettungskreuzers, das acht Meter lange Tochterboot auf den Namen „St. Pauli“. Begleitet vom Mittagsgeläut des nahen St. Petri-Doms ertönten darauf die Schiffssirenen.

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Für die Verbundenheit von Bremens Schwesterstadt mit der DGzRS, die seit 150 Jahren ihren Sitz an der Weser hat, spricht, dass sich 9000 Hamburgerinnen und Hamburger an einem Online-Voting zur Benennung des Tochterbootes beteiligt hatten. Von der oft beschworenen Rivalität zwischen Bremen und Hamburg war da keine Rede mehr. Mit an Bord auf dem Fahrstand der „St. Pauli“: Ein Porträt des 2019 verstorbenen Hamburger Schauspielers Jan Fedder, auf dem er in Seenotretter-Wetterzeug zu sehen ist. Der überzeugte St. Paulianer war seit 2007 Botschafter der DGzRS.

Frank Horch, früherer Hamburger Wirtschaftssenator, hatte gemeinsam mit den Seenotrettern die Aktion „Spendenmanöver: Hamburg wird Seenotretter“ ins Leben gerufen. 2018 gab er im Hamburger Rathaus einen Senatsempfang zu Ehren der Seenotretter. Bei den Hamburgern sei er damit auf große Resonanz gestoßen, unterstrich Ingo Kramer, stellvertretender Vorsitzer der DGzRS, in seiner Ansprache. Sie spendeten genauso fleißig wie die Bremer. Immerhin ist es bereits der vierte Seenotrettungskreuzer, der auf den Namen „Hamburg“ getauft wurde. Horch selbst sandte zur Zeremonie eine Videogrußbotschaft.

Im März konnte gerade noch rechtzeitig die Kiellegung des Seenotrettungskreuzers im Herzen Hamburgs erfolgen, am Jungfernstieg. Die Einlegung einer Ehrenmünze des Senates, einer portugiesischen Goldmünze, soll dem Schiff und seiner Mannschaft stets Glück bringen. Normalerweise sei die Taufe eines neuen Seenotrettungskreuzers ein öffentliches Ereignis von erheblicher Strahlkraft, das immer viele Schaulustige anziehe, sagte Kramer. Nicht zuletzt die Spender aus aller Welt, von Deutschland über Frankreich bis Singapur, die erst den Neubau ermöglicht hätten.

„Normalerweise hätten wir bei der Taufe einen ganzen Tag mit ihnen verbracht“, betonte der Vorsitzer. Immerhin konnten Mitglieder des Beirates und des beschlussfassenden Gremiums der DGzRS Flagge bei der Taufe zeigen – wie die Besatzung und Mitarbeiter alle maskiert. Doch allen weiteren Plänen machte die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Insofern konnten die perfekte Welle und der perfekte Tag an der Weser nur ein schwaches Trostpflaster sein.

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Denn eigentlich war die Taufzeremonie ganz anders geplant gewesen: Statt vor der Bremer Leitzentrale sollten die „Hamburg“ und die „St. Pauli“ schon am 19. April vor der Kulisse der Elbphilharmonie getauft werden. Ursprünglich wollte die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die der DGzRS seit 2015 als Botschafter verbunden ist, ein Benefizkonzert in der Elbphilharmonie zugunsten der Seenotretter geben. Die Matinée war bereits ausverkauft. Nun bedankte sich Ingo Kramer bei dem Trio der Kammerphilharmoniker, das zur Taufe ein Haydn-Divertimento spielte, dass es ein „Hauch von Elbphilharmonie“ mit an die Weser gebracht habe. Die frische Brise, die mitunter die Notenblätter durcheinanderwirbelte, passe gut zur bewegten Musik Haydns, meinte Alexander Röder, Hauptpastor am Hamburger Michel.

Er war eigens nach Bremen gekommen, um beiden Schiffen Gottes Segen und Schutz mit auf den Weg zu geben. „Diese Premiere ist eine große Ehre für mich, eine Herzensangelegenheit“, sagte er. Der Pastor wünschte der Besatzung und ihrem Schiff allzeit glückliche Fahrt und glückliche Heimkehr. Neben Werftchef Harald Fassmer nahm auch Albert Schmitt, Geschäftsführer der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, an der Zeremonie teil. Die Taufe eines Seenotrettungskreuzers in Bremen ist eher selten. „Meistens werden die Schiffe direkt auf der Station getauft“, sagt Pressesprecherin Antke Reemts. „Zuletzt wurde 2016 die ,Berlin' hier getauft“.

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Harald Fassmer erläuterte, das Schiff bestehe aus mehreren 100 000 Bauteilen, die in Handarbeit zusammengesetzt worden seien. Er freue sich über die Kontinuität der Zusammenarbeit mit der DGzRS: „Das ist eine erstklassige Referenz für uns, die uns schon viele weitere Aufträge beschert hat.“ Denn auch die Fassmer-Werft ist von der Corona-Krise in Mitleidenschaft gezogen worden. Trotzdem konnte die „Hamburg“ pünktlich ausgeliefert werden. 2017 lieferte Fassmer drei ähnliche Kreuzer aus.

Den göttlichen Segen können die „Hamburg“ und die „St. Pauli“ auch brauchen, die auf der Fassmer-Werft in Berne auf dem modernsten Stand der Technik gebaut wurden. Wie lebensgefährlich die Einsätze der größtenteils ehrenamtlich tätigen Seenotretter-Crews sein können, das betonte Ingo Kramer in seiner Ansprache. Er erinnerte daran, wie die „Alfried Krupp“ in der Neujahrsnacht vor 25 Jahren in schwerer See kenterte und zwei Crew-Mitglieder bei einem Einsatz getötet wurden.

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Übrigens: Die „Hamburg“ ist bereits vor ihrer Taufe zu Seenot-Einsätzen vor Borkum ausgelaufen. Die Mannschaft konnte der Crew eines havarierten Schiffes, das mit einer Windkraftanlage kollidiert war, das Leben retten. Der Seenotrettungskreuzer hat die „Alfried Krupp“ abgelöst, die 32 Jahre im Dienst war. Die Flotte der DGzRS hat 60 Seenotrettungskreuzer. Im Schnitt werden zwei Neubauten pro Jahr in Dienst gestellt.

Info

Zur Sache

Daten des neuen DGzRS-Kreuzers

Die „Hamburg“ ist der vierte 28-Meter-Neubau der DGzRS. Ihr Einsatzgebiet sind das Küstenvorfeld und die hohe See, bei jedem Wetter und unter extremsten Bedingungen. Sie sind vollständig aus Aluminium gebaut, haben eine doppelte Außenhaut und besitzen die Eigenschaft, sich im Falle eines Durchkenterns auf See wieder selbst aufrichten zu können. Die „Hamburg“ ist 6,20 Meter breit und hat zwei Meter Tiefgang. Sie ist 4000 PS stark und 24 Knoten schnell. An Bord befindet sich ein Mini-Hospital sowie eine Feuerlöschpumpe zur Bekämpfung von Bränden auf See.

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