„Messer-Peter“ vom Findorffmarkt ist einer der Letzten seiner Art Richtig scharf gemacht

Weidedamm. Das Ehepaar mittleren Alters, höflich, aber mit leicht vorwurfsvollem Blick: Das Messer! Erst vor drei Wochen hier erstanden, und schon fleckig geworden! „Das sieht überhaupt nicht schön aus“, reklamiert der Herr. Der rustikale Mann hinter seinem rustikalen Stand bleibt gelassen.
02.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Das Ehepaar mittleren Alters, höflich, aber mit leicht vorwurfsvollem Blick: Das Messer! Erst vor drei Wochen hier erstanden, und schon fleckig geworden! „Das sieht überhaupt nicht schön aus“, reklamiert der Herr. Der rustikale Mann hinter seinem rustikalen Stand bleibt gelassen. „Ist doch normal“, antwortet er. „Hat Euch das Eure Oma nicht erzählt?“ Messer-Peter ist wieder da. Er ist ein Unikum auf dem Findorffmarkt, und überhaupt einer der Letzten seiner Art.

„Gebt mal her“, sagt Peter Lebrecht, wie der „Messer-Peter“ mit vollem Namen heißt. Das kleine Schälmesser bekommt eine Behandlung in der Poliermaschine und ist Sekunden später wieder blitzblank. Lebrecht ist Messerschleifer. Man muss ihn schon suchen, um ihn zu finden. Er steht etwas versteckt, zwischen Käse- und Gewürzständen, in der ersten Reihe vor dem Marktbunker. Das gleichmäßige Summen und Surren seiner Schleif- und Poliermaschinen geht im Stimmengewirr des Markttreibens fast unter. Aber auch viele Marktkunden, die ihn gar nicht gesucht hatten, bleiben neugierig stehen und schauen zu, was hier vor sich geht.

Vor einigen Jahrzehnten kamen noch Leute seines Metiers in regelmäßigen Abständen in die Wohnstraßen, um in den Haushalten ihre Dienste anzubieten und bei Bedarf Scheren und Messer zu schleifen. Dann wurden die Besuche immer seltener, und schließlich ebbten sie ganz ab. An den Haustüren zu klingeln und abgewiesen zu werden, war noch nie Peter Lebrechts Sache. Er hält es lieber so: „Die Leute sollen zu mir kommen.“ Seit mehr als 50 Jahren ist er mit seinen Schleif- und Poliermaschinen unterwegs auf Märkten in ganz Norddeutschland und macht dort die Klingen von Messern, Gartenscheren oder Rasenmähern wieder richtig scharf. Den schweren Werktisch aus dickem Holz hat er mit eigenen Händen gebaut, erzählt er. Sonnabends macht er Station in Findorff. Der 70-Jährige, der in Kiel zuhause ist, weiß: Es gibt nicht mehr viele wie ihn. „Wenn ich aufhöre, ist wieder ein uraltes Handwerk ausgestorben“, sagt Messer-Peter. Er denkt allerdings gar nicht daran, aufzuhören. „Ich mache weiter, bis ich hinter meinem Schleifstein umfalle.“

Scherenschleifer, die waren schon immer fahrendes Volk. Schon vor Jahrhunderten zogen sie durch die Lande, und hatten ihre eigenen Tricks, um auf sich aufmerksam zu machen: Zum Beispiel, indem sie kleine dressierte Äffchen als Attraktionen mit sich führten. Die Redewendung „wie ein Affe auf dem Schleifstein“ soll nämlich darauf zurückgehen. Messer, Scheren, Dolche gab es früher allerorts zu schärfen. Heute ist das nicht mehr so, weil Messer nicht mehr als kostbare Besitztümer betrachtet werden. Es sind ja so viele Wegwerfartikel aus Massenproduktion auf dem Markt. Solche Billigmesser schleifen zu lassen – das kann man sich glatt sparen, weiß Peter Lebrecht. Die Messer, die er in vielen kleinen Holzschüben im Sortiment hat, sind nicht so billig, aber dafür sollen sie Jahrzehnte, vielleicht sogar ein Leben lang halten. Sie stammen aus Solingen, der Stadt, in der sich bereits im Mittelalter Klingenmacher niederließen, und deren Name an sich schon ein Qualitätssiegel ist. Es sei übrigens gar nicht mal vor allem die ältere Kundschaft, die so etwas wertschätzte, erzählt Lebrecht. „Du glaubst nicht, wie viele junge Kunden bei mir kaufen! Die haben nämlich begriffen, dass sie von der Industrie veräppelt werden.“

Bei ihm gibt es Messer in vielen verschiedenen Varianten. Filiermesser, Brötchenmesser, Spickmesser und wie sie alle heißen, Messer mit glatter Schneide, mit Wellenschliff oder mit dem konkav geformten „Vogelschnabel“. Das passende Spezialwerkzeug für jeden Bedarf: „Die Leute mögen das so“, erklärt Lebrecht. Doch man kann auch mit weniger auskommen, sagt der Fachmann: „Ein ordentliches Kochmesser, ein Messer mittlerer Größe und ein kleines Schälmesser – damit ist man schon gut aufgestellt.“ Seine Messer haben Griffe aus Olivenholz. Die Spülmaschine ist ihr größter Feind, und wer ihnen etwas Gutes tun möchte, reibt das hölzerne Heft hin und wieder mit etwas Olivenöl ein.

Das wichtigste Entscheidungskriterium ist seinen Modellen aber gar nicht auf den ersten Blick anzusehen. Wer pflegeleichte, nie rostende Messer möchte, in denen man sich permanent spiegeln kann, greift am besten zu einer Klinge aus Edelstahl. Carbonstahl ist dagegen der klassische Stoff für die härtesten, dünnsten und schärfsten Messer. Allerdings können solche Klingen Rost ansetzen und sich mit der Zeit verfärben. Schlimm sei die Patina aber nicht, sagt Messer-Peter. „So ein bisschen Eisen schadet niemandem.“ Und wenn sie dann noch regelmäßig nachgeschliffen werden, schneiden sich Fleisch und Gemüse fast wie von selbst. All das erzählt Messer-Peter seiner Kundschaft geduldig wieder und wieder. Aber nicht alle nehmen sich die Zeit, gut zuzuhören. „Das ist diese Selbstbedienungsmentalität“, erklärt es sich Lebrecht: „Aussuchen, bezahlen und schnell weiter“.

Für das Ehepaar mit dem nun wieder blitzblanken Carbon-Messer gibt es noch einen guten Tipp: „Zuhause ab und zu mit einem Korken abreiben“, rät Peter, „oder in Sand stecken. Das hat die Oma früher auch immer so gemacht“. Und gerade entdeckt eine neue Interessentin den Schleifer auf dem Findorffmarkt. „Gut, dass ich Sie sehe!“, sagt sie. Zuhause habe sie ein teures Messer, das gar nicht mehr gut schneide. Ob er denn am kommenden Sonnabend wieder auf dem Markt sei? Und wie jedes Mal, wenn eine nette Dame fragt, sagt Messer-Peter: „Für Dich komme ich nächste Woche wieder.“

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