Welterbetag

Riesiger Andrang beim Verkauf der Rathaus-Dachplatten

Eine mehrere hundert Meter lange Schlange zog sich am Sonntag durch Bremen. Alle wollten ein Stück grünes Rathausdach als Souvenir.
04.06.2017, 13:07
Lesedauer: 3 Min
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Von Kristina Bellach

Eine mehrere hundert Meter lange Schlange zog sich am Sonntag durch Bremen. Alle wollten ein Stück grünes Rathausdach als Souvenir.

In einem weiten Bogen windet sich die Schlange über den Grasmarkt, die Obernstraße hinunter bis hinter Karstadt. „Unglaublich, oder?“, raunen Passanten, knipsen eifrig Handyfotos und fragen sich: „Wofür stehen die Leute an?“ Ganz einfach: Stücke des alten Kupferdachs vom Rathaus sind es, die die Menschen zu Tausenden in das Gebäude locken. Klein und quadratisch, mit Gravur oder größer und rechteckig gibt es sie.

Stundenlang stehen viele an, um ein kleines Stück Bremen zu ergattern – für sich selbst, für Freunde und Verwandte, als Souvenir oder Weihnachtsgeschenk. Die Bremer feiern ihre Stadt, und die feiert wiederum sich selbst. Der Tag der offenen Tür im Rathaus ist zugleich Tag des Welterbes und Teil der Feier zum 70. Jahrestag der Wiedergründung Bremens nach dem Zweiten Weltkrieg. „Als das Dach letztes Jahr saniert wurde, gab es viele enttäuschte Stimmen“, erzählt Peter Lohmann von der Pressestelle des Senats. Den Ansturm werte er als Ausdruck der Verbundenheit zum Rathaus, das zusammen mit dem Roland seit 2004 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Führungen durch den Ratskeller, eine Ausstellung von Mercedes-Benz über 70 Jahre Automobilgeschichte vor dem Rathaus, Lieder des Unichors sowie eine von Mitarbeitern des Staatsarchivs und Focke-Museums präsentierte Bremen-Landkarte aus dem Jahr 1748 rundeten das Programm ab. „Aber die Schindeln sind und bleiben der Kracher“, bekräftigt Lohmann, und findet von vielen Seiten Zuspruch. „Die sind wirklich das Beste“, meint Josephine Mayer, die in der Eingangshalle von den größeren Exemplaren noch einige ergatterte. „Aber von den kleineren habe ich keine mehr bekommen“, fügt sie enttäuscht hinzu. Lange hat sie angestanden. „Aber als waschechter Bremer macht man das“, bekräftigt sie. Die vielen Intarsien und die Empore über der Güldenkammer, die sie besonders mag, spielen da eher eine Nebenrolle.

Auch Nachdrucke der historischen Landkarte, die das Gebiet der Hansestadt nach dem Erreichen endgültiger Unabhängigkeit zeigt, hat Mayer, wie viele andere, erstanden. „Die ist, wenn man so will, inoffizielles Welterbe“, findet Boris Löffler-Holte vom Staatsarchiv. „Der Tag ist eine Gelegenheit, solche Schätze, die bald wieder im Magazin verschwinden, zu zeigen.“ Dabei habe die Landkarte eine ähnliche Funktion wie das Rathaus: „Die Leute finden sich selbst darin wieder.“

Für ihren Sohn, der im Auslandseinsatz in Mali stationiert ist, hat Heike Kernchen eine Platte vom Dach gekauft. Nun nutzt sie den Nachmittag, um alle Räume zu besichtigen. „Die Obere Rathaushalle mit den Schiffen finde ich sehr beeindruckend. Es ist großartig, dass das Haus offensteht und ich alles angucken kann.“

Seinen Kindern in Berlin möchte Peter Beyer ein Stück grünes Dach zukommen lassen. „So etwas brauchen sie dringend“, ist er überzeugt und zeigt stolz die Schätze samt Echtheitszertifikat. Stolz ist er aber auch auf das Rathaus an sich. „Es ist so schön – und das nicht nur von außen. Es ist von Leben erfüllt, viele Dinge finden statt. Oft sind solche Häuser steril und abgeschottet. Aber dies ist wirklich ein Haus für die Bürger.“ Besonders der Kaminsaal weckt bei Beyer gute Erinnerungen: Hier wurde er am 11. November zum „lächelnden Ritter Roland zu Bremen“ geschlagen.

Einen Blick in die Güldenkammer, die sonst fest verschlossen ist, erhascht Janina Schröer. „Total toll“, sagt sie. „Aber die Außenverkleidung und die Wendeltreppe mit all den Schnitzereien finde ich auch wunderschön.“ Auch sie hat Dachschindeln gekauft, als ein Stück Heimat. „Für Freunde, die weggezogen sind“, erklärt die gebürtige Bremerin, die heute in Thedinghausen wohnt.

Die von der Decke hängenden Schiffsmodelle bewundert Bertil Kapff, der mit seiner Familie eine Führung macht. „Allein die Höhe lässt den Raum pompös wirken“, sagt er. „Ich mag Orte, wo Geschichte gelebt wurde. Das hier ist nicht wie ein Museum. Hier ist wirklich was passiert, hier wurden wichtige politische Entscheidungen getroffen.“

5200 Besucher später – die Kupferbleche sind längst ausverkauft – zieht Lohmann Resümee. „Für mich bestärkt es den Eindruck, dass die Bremer ein inniges Verhältnis zu ihrem Rathaushaben.“ Die Resonanz an diesem Tag freut den 47-Jährigen. Alle Einnahmen fließen übrigens in die Denkmalpflege des Gebäudes von 1405. „Ein Holzfußboden hier, eine Schnitzarbeit da: Bei so einem alten Haus gibt es immer etwas zu tun.“

Am Ende des Tages zeigt sich: Nicht jeder hat die Dachschindeln aus persönlicher Verbundenheit erstanden. Geschäftstüchtige Bremer boten die Kupferplatten, die am Sonntag für 8 bis 10 Euro zu haben waren, noch am selben Nachmittag per Kleinanzeige im Internet zum Verkauf an: Für bis zu 120 Euro.

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