Friedo Stucke widmet sich in seiner Literaturshow im Antikolonialdenkmal dem Leben und Werk des Dichters

Rilke im Elefanten

„Echte Kreativität ist völlig out.“ Friedo Stucke Schwachhausen.
06.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sandy Bradtke
Rilke im Elefanten

Friedo Stucke bei seiner Show in der Krypta des Antikolonialdenkmals.

Petra Stubbe

Mit „Die Weise von Leben und Tod“ hat der Regisseur, Verleger und Autor Friedo Stucke ein Programm geschaffen, das das Leben des Lyrikers Rainer Maria Rilke mit dessen Werken eng verwebt. Es erlaubt eine biografische Reise, die an bestimmten Erzählungen und Dichtungen Rilkes Station macht und zudem sein Verständnis von Kunst beleuchtet. Stucke war nun mit seiner Literaturshow im Antikolonialdenkmal, dem Elefanten, im Nelson-Mandela-Park zu Gast.

Friedo Stucke steht im Halbdunkel neben dem steinernen Tisch in der Krypta des Antikolonialdenkmals. Die Lampe über ihm wirft einen grellen Lichtkegel auf den 54-Jährigen. Der Rest des Unterbaus des zehn Meter hohen Monuments ist in Kerzenschein getaucht. Während der nächsten 60 Minuten wird Stucke auf ungewöhnliche Weise das Leben des Lyrikers Rainer Maria Rilke nachzeichnen: den biografische Hintergrund des Dichters, gespickt mit Auszügen aus seinen Werken und Anekdoten über ihre Entstehung.

„Da Rilke viele seiner Werke über lange Zeit geschrieben hat, ist es nicht sinnvoll, sich chronologisch mit seiner Lyrik zu befassen“, betont Stucke. Während seiner Literaturshow rezitiert er unter anderem Gedichte aus den Frühwerken Rilkes wie dem „Stunden-Buch“ („Vom mönchischen Leben“) und „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, das namensgebend für Stuckes Programm ist.

Die Erzählung hat Rilke 1899 nach eigenen Angaben in einer einzigen Mondnacht in der „Villa Waldfrieden“ in Berlin-Schmargendorf geschrieben. 1904 überarbeitete Rilke den Cornet. Auf dieser Version basierte die erste Buchveröffentlichung von 1906, die in kleiner Auflage beim Verlag Axel Juncker veröffentlicht wurde, bevor der Insel-Verlag 1912 die Erzählung erfolgreich in einer Buchreihe herausbrachte.

„Der Cornet handelt von jemandem, der in den Krieg zieht und nicht wieder zurückkommt“, erklärt Stucke. „Das ist im Grunde ein sehr aktuelles Thema, denn auch heute gibt es immer noch jede Menge Krieg“. Trotz fortgeschrittener Zivilisation gingen auch heute noch Menschen Beziehungen ein, die dann vom Krieg auseinandergerissen würden.

Für sein überarbeitetes Programm, das Stucke seit Mai dieses Jahres in ganz Norddeutschland aufführt, sei es schwierig, passende Spielorte zu finden. „Das Thema ist sehr ergreifend und ernst, deshalb bin ich sehr froh, an diesem Ort rezitieren zu können“, sagt Stucke. Das Antikolonialdenkmal sei dafür ideal, denn das Mahnmal stehe zum Gedenken an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia. Um die Erinnerung an koloniale Ausbeutung, Krieg und Leid lebendig zu halten, organisiert der gemeinnützige Verein „Der Elefant“ regelmäßig kulturelle Veranstaltungen in der Krypta des Denkmals, so wie diese.

Stucke kommt gebürtig aus Wanna bei Cuxhaven und schreibt und produziert seit 2008 Theaterstücke für den Verein Theater-Spielorte. Der Verein fördere und veranstalte risikoreiche Theaterkunst, erklärt Stucke. Im Fokus der Produktionen wie zum Beispiel „Die Vagina-Monologe“ von Eve Ensler oder „Bildung für Rita“ mit der Schauspielerin Annika Stöver stehe die Schauspielkunst und deren Erforschung und Entwicklung.

Bei seiner Literaturshow wolle er Rilkes Texten durch Sprache und Betonung Ausdruck verleihen, sagt der Autor und Regisseur und erklärt, worum es ihm diesmal gehe: Heute seien die Menschen extrem rational veranlagt: „Das Geld ist das Maß der Dinge, die echte Kreativität ist völlig out“. Als Rilke im 19. Jahrhundert anfing zu schreiben, sei das der Anfang der Psychologie gewesen. Lange vor der Medizin und der Psychologie hätten Dichter wie Rilke charakterologische und psychodynamische Erkenntnisse in Dramen, Komödien, Romanen und Erzählungen vorweggenommen. „Ich möchte an diese Anfänge und dieses ganzheitliche Denken mit meinem Programm erinnern“, erzählt Friedo Stucke.

Doch auch die Schattenseiten kommen nicht zu kurz: Rilke sei ein außergewöhnlicher Dichter gewesen, der sein künstlerisches Schaffen über seine Beziehungen gestellt habe, sagt Stucke. Während eines Aufenthalts in Worpswede habe er die Bildhauerin Clara Westhoff kennengelernt und geheiratet. Ein übliches familiäres Zusammenleben habe aber wegen Rilkes künstlerischen Schaffens nicht stattgefunden. Stattdessen sei der Dichter die meiste Zeit seines Lebens durch Europa gereist, um den idealen Ort zum Dichten zu finden. „1902 kam Rilke zum ersten Mal nach Paris und beobachtete im Zoo stundenlang die Bewegungen der Tiere wie Bären, Löwen und den Panther“, erzählt Stucke bei seiner Literaturshow – und beginnt das Gedicht „Der Panther“ vorzutragen.

Am Sonntag, 20. September, präsentieren Friedo Stucke und Annika Stöver im Antikolonialdenkmal im Nelson-Mandela-Park, Gustav-Deetjen-Allee, „Die Vagina-Monologe“ von Eve Ensler. Beginn ist 19 Uhr. Kartenreservierung möglich unter Telefon 0171 / 333 54 96.

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