Am Kippenberg-Gymnasium erinnert nun eine Gedenktafel an die Künstlerin und Mäzenin Aline von Kapff

Rilkes Gönnerin in Schwachhausen

Schwachhausen. Voll des Lobes war der Dichter Rainer Maria Rilke über seinen Aufenthalt in der neugotischen Stadtvilla an der Schwachhauser Chaussee, der heutigen Heerstraße. Das „märchenhafte Haus“ habe er „oftmals schon vor Jahren / im flüchtigen Vorüberfahren“ gesehen, reimte der Dichter im März 1902.
13.07.2017, 00:00
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Von Frank Hethey
Rilkes Gönnerin in Schwachhausen

Aline von Kapff mit einem Hausangestellten. Auch für Tiere konnte sie sich begeistern.

Schwachhausen. Voll des Lobes war der Dichter Rainer Maria Rilke über seinen Aufenthalt in der neugotischen Stadtvilla an der Schwachhauser Chaussee, der heutigen Heerstraße. Das „märchenhafte Haus“ habe er „oftmals schon vor Jahren / im flüchtigen Vorüberfahren“ gesehen, reimte der Dichter im März 1902. Begeistern konnte er sich aber nicht nur für das Bauwerk, auch seine Gastgeberin entlockte ihm wahre Lobeshymnen. Bei seinem Besuch habe er „so schöne Stunden“ verbracht und dabei „so lieben Sinn bereit gefunden, / mein stilles Streben zu verstehen“.

So „lieben Sinnes“ war Aline von Kapff, die Hausherrin. Nicht nur als Malerin hat sie sich einen Namen gemacht, fast noch bekannter war sie als Mäzenin. Zu ihren Schützlingen gehörte auch der damals 26-jährige Rilke, der in jenen Jahren in Worpswede wohnte und sich ein eher bescheidenes Zubrot als Feuilletonredakteur des „Bremer Tageblatts“ verdiente. An seine Förderin erinnert jetzt eine Gedenktafel im Eingangsbereich des Kippenberg-Gymnasiums – dort, wo einst das Domizil der generösen Geldgeberin stand. Gut sichtbar hängt die illustrierte und mit einem kurzen Text versehene Tafel an der Außenwand des naturwissenschaftlichen Trakts.

Gestaltet von einem Nachkommen

Erstellt wurde die Tafel auf Initiative der Familie von Kapff, gestaltet hat sie Hans-Jörg Pfitzner, ein Nachkomme des Bremer Zweigs der Familie. „Aline von Kapff hat es verdient, dass man in Bremen ihren Namen nicht vergisst“, sagt Philipp von Kapff in Vertretung des Familienverbandes. Tatsächlich ist der Name der Rilke-Förderin im Laufe der Zeit verblasst. Vielleicht kein Wunder, immerhin liegt ihr Tod bereits über 80 Jahre zurück. Im März 1936 ist Aline von Kapff im gesegneten Alter von 93 Jahren gestorben. Doch schon damals war es längst still geworden um die einst so umtriebige Mäzenin. Längst vergessen die Tage, als ihr Haus der Mittelpunkt eines Künstlerkreises namens „Goldene Wolke“ war.

Finanzielle Sorgen waren Aline von Kapff nicht in die Wiege gelegt. Als Tochter aus wohlhabendem Hause schien ihr ein sorgenfreier Lebensweg zu winken. Entstammte ihr Vater doch der gleichnamigen Weinhändlerdynastie. Im 19. Jahrhundert war er Oberhaupt eines weitverzweigten Wirtschaftsimperiums. So durfte seine Tochter Malerin werden, wie es ihrem Wunsch entsprach, und in München und Paris in die Schule bedeutender Künstler gehen. Durch das elterliche Vermögen sei ihre Zukunft gesichert gewesen, schreibt Kapff-Kennerin Ute Domdey. Darum verschwendeten die Eltern keinerlei Gedanken an eine „ernsthafte Berufsausbildung der Tochter“. Zeitlebens blieb Aline von Kapff ledig. Nach dem Tod ihres Vaters 1875 erbte sie das zehn Jahre zuvor als Sommersitz erworbene Landhaus an der Schwachhauser Chaussee und ließ es nach eigenen Plänen umbauen.

In den 1880er-Jahren machte Aline von Kapff als Stillleben- und Genremalerin auf sich aufmerksam. Eine Auswahl ihrer Werke befindet sich in der Obhut des Focke-Museums und der Kunsthalle Bremen. Das vielleicht bekannteste – ihr Selbstbildnis als Fischverkäuferin von 1887 – hängt als Leihgabe im „Haus des Reichs“.

In reiferen Jahren lag Aline von Kapff der Nachwuchs besonders am Herzen. „Ihr Lebensziel sollte sich in der Förderung anderer begabter junger Künstler erfüllen“, schreibt Domdey. 1897 ließ sie ein Atelier für sich und ihre jungen Maltalente bauen. Zugleich spielte ihre Villa eine bedeutende Rolle als Begegnungsstätte, immer wieder organisierte sie Kostümbälle, Teenachmittage, Musikabende oder Wohltätigkeitsbasare – und machte auch als Kunstkennerin ihren Einfluss geltend. Für einiges Aufsehen sorgte eine Versammlung prominenter Künstler und Kunstsachverständiger, mit der sie 1912 dem umstrittenen Leiter der Kunsthalle zur Seite sprang, Gustav Pauli. Der musste sich heftiger Kritik erwehren, weil er das „Mohnfeld“ eines gewissen Vincent van Gogh erworben hatte. Sich einzumischen gehörte schon vorher zu ihren besonderen Merkmalen, zumal wenn es um die Diskriminierung von Frauen ging. 1899 zählte Aline von Kapff zu den Mitbegründerinnen des „Bremer Malerinnenvereins“ – die Antwort auf die fragwürdige Aufnahmepraxis des „Künstlervereins“, der nur Männer in seiner Mitte duldete. Zugleich engagierte sich Aline von Kapff im sozialen Bereich als Ehrenvorsitzende des „Vereins Mütter- und Säuglingsheim“ in Tenever wie auch als Unterstützerin des „Vereins für Mütter mit unehelichen Kindern“.

Dass sie im Ersten Weltkrieg auch dem „Flottenbund deutscher Frauen“ beitrat, klingt martialischer als es war. Ging es dabei doch ausdrücklich um humanitäre Hilfe für Marinesoldaten und ihre Angehörigen. Bezeichnend genug, dass sie sich weigerte, einen Aufruf gegen die Teilnahme der Bremer Frauenrechtlerin Auguste Kirchhoff am Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag zu unterstützen.

Doch der Erste Weltkrieg ging natürlich auch an Aline von Kapff nicht spurlos vorbei, die Inflation von 1923 zehrte ihr Vermögen auf. Die Grande Dame der Bremer Kunstszene musste 1928 ihr liebgewonnenes Domizil verkaufen und ein bescheideneres Nachbarhaus beziehen – vorbei war es mit ihrem unermüdlichen Einsatz für den Künstlernachwuchs und für sozial Benachteiligte.

Eine Straße heißt noch nicht nach ihr

Als Organisator des diesjährigen Familientages in Bremen hatte sich Philipp von Kapff zum Ziel gesetzt, für eine würdige Erinnerung an Aline von Kapff zu sorgen. Auch ein Straßenname wäre ihm mehr als recht gewesen. An sich ein naheliegender Gedanke, weil neue Straßen seit 2008 bevorzugt nach Frauen benannt werden sollen. Dumm nur, dass es in Schwachhausen kaum neue Straßen gibt und Umbenennungen auch angesichts der jetzigen Diskussion über historisch belastete Namensgeber bislang nicht geplant sind.

Blieb die Gedenktafel am ehemaligen Standort der Kapff-Villa. Im Kippenberg-Gymnasium fand man Gefallen an der Idee. Zumal der betagte Prachtbau in den 1950er- und 1960er-Jahren noch Schulklassen beherbergt hatte. Nicht umsonst hieß es damals, man gehe zur „Kapff-Schule“. Das letzte Stündlein des einstigen Künstlertreffs schlug 1970, als es dem Zentralbereich des heutigen Kippenberg-Gymnasiums weichen musste.

Seither gab es im öffentlichen Raum nichts mehr, was noch an die Künstlerin und Kunstkennerin erinnerte. Doch durch die Gedenktafel lebt sie wieder ein bisschen auf, die „gute, alte Zeit“ der Aline von Kapff. Jene längst versunkene Zeit, als der später so berühmte Rilke sich im Gästebuch des Hauses verewigte.

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