Zahlreiche Schwachstellen

Polizei legt Abschlussbericht der Anti-Terror-Übung in Bremen vor

Insgesamt ist die Polizei zufrieden mit dem Verlauf der Anti-Terrorübung im Hauptbahnhof. Trotzdem werden im jetzt vorgelegten Abschlussbericht zahlreiche Schwachstellen aufgezeigt.
12.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Polizei legt Abschlussbericht der Anti-Terror-Übung in Bremen vor
Von Ralf Michel
Polizei legt Abschlussbericht der Anti-Terror-Übung in Bremen vor

Buden vor dem ­Eingang des Hauptbahnhofs. Sie könnten im Ernstfall aus Sicherheitsgründen ein Problem werden, sagt die Polizei.

Koch

Die Buden der Bürgerparktombola und die Verkaufshütten von Freimarkt und Osterwiese gehören jedes Jahr wochenlang zum gewohnten Bild vor dem Hauptbahnhof. Könnten aber bei einer Massenpanik im Bahnhof zu gefährlichen Hindernissen werden, warnt die Polizei in ihrem Abschlussbericht zur Anti-Terror-Übung im Herbst vergangenen Jahres. Aus einsatztaktischen Gesichtspunkten sei es erforderlich, dass die Flächen an den Ein– und Ausgängen des Hauptbahnhofes frei bleiben.

In der Nacht vom 12. auf den 13. September 2019 fand im Hauptbahnhof eine gemeinsame Übung von Landes- und Bundespolizei, Feuerwehr und anderen Rettungskräften statt. Im Bahnhofsgebäude schossen mehrere Täter wahllos auf Bahnreisende und weitere Passanten, lautete das Übungsszenario. Die ­Sicherheitsbehörden wollten sich für einen möglichen Terroranschlag oder Amoklauf wappnen. Ein Schiedsrichterteam beobachtete die Übung. Dessen Rückmeldungen ­wurden jetzt in einem internen Nachbereitungsbericht zusammengefasst, der dem ­WESER-KURIER vorliegt.

„Erkenntnisse von hoher Bedeutung“ gewonnen

Das Gesamtfazit der Großübung mit zeitweise rund 1200 Beteiligten fällt positiv aus. Der hohe Personal- und Zeitaufwand habe sich gelohnt, es seien „Erkenntnisse von hoher Bedeutung“ gewonnen worden. Insbesondere dort, wo nicht alles reibungslos funktionierte. Und so listet der Bericht eine Vielzahl größerer und kleinerer Ansätze für Optimierungen auf: Von Fragen der Koordinierung zwischen Bundes- und Landespolizei über das Kommunikationsverhalten („Stressbedingt fehlte die nötige Funkdisziplin“) bis hin zur technischen Ausstattung des Führungsstabes (fehlende Arbeitsplätze, Monitore und Smartphones).

Eine der Stellschrauben betrifft die Videoüberwachung im Bahnhof. Es geht dabei um die Frage, ob es technisch und unter datenschutzrechtlichen Gesichtspunkten möglich ist, Livebilder aus dem Bahnhofsgebäude in den Führungsstab der Polizei Bremen zu übertragen. Eigentümer und Betreiber der Videoanlage im Bahnhof ist die Deutsche Bahn. Sie stellt die Aufnahmen der im Hauptbahnhof zuständigen Bundespolizei zur Verfügung. Bei bestimmten Einsätzen, wie etwa dem in der Übung dargestellten Anschlagsszenario, übernimmt jedoch die Landespolizei die Führung und benötigt deshalb den direkten Zugriff auf die Aufnahmen. Zum Beispiel für Informationen über Bewaffnung und Verhalten der Täter, um entsprechende taktische Entscheidungen fällen zu können.

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Während der Übung wurde auch das Fluchtverhalten von Menschenmengen in Gefahrensituationen simuliert. Als die ersten Schüsse fielen, verließ ein Großteil der Beteiligten, die in die Rolle von Reisenden geschlüpft waren, das Bahnhofsgebäude fluchtartig in Richtung Bahnhofsvorplatz. Dass Menschen in Gefahrensituationen mit irrationalem Fluchtverhalten reagierten und es zu einer Massenpanik kommen könne, sei durch Katastrophenforscher erwiesen, heißt es hierzu im Bericht der Polizei. Ebenso hätten wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass es in so einer Situation nur wenige Möglichkeiten gebe, auf Menschen einzuwirken, wie etwa durch Lautsprecherdurchsagen oder ein entsprechendes Leitsystem in Form von Hinweisschildern zum nächsten Ausgang. Unerlässlich sei es daher, präventiv dafür zu sorgen, dass ausgewiesene Ausgänge, Flucht- und Rettungswege auch baulich freigehalten werden. Und dies zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Am Beispiel Hauptbahnhof umfasse dies auch den Bahnhofsvorplatz. Nur so könne sichergestellt werden, dass sowohl genügend Aufenthaltsraum für flüchtende Personen als auch ausreichend Aktionsraum für Rettungskräfte zur Verfügung steht. Woraus die Polizei ableitet, dass geprüft werden sollte, inwieweit temporär aufgebaute Verkaufshäuschen mitten auf dem Bahnhofsvorplatz das ungehinderte Abfließen von Menschenmengen behindern könnten.

Unübersichtliche Lage durch Buden

Zudem würden die in der Regel in zwei Linien parallel zum Gebäude aufgestellten Buden die Lage unübersichtlicher machen. Die Einsatzkräfte hätten durch sie keine freie Sicht mehr auf das Bahnhofsgebäude.

Überlegungen, die nicht zwangsläufig zum Aus der Verkaufsstände an dieser Stelle führen müssen. Schon ein größerer Abstand zum Eingang und ein Auseinanderziehen der Hütten und Informationsstände könnten die Situation verbessern, sagt die Polizei. Ähnliches gelte für die mobilen Verkaufsstände am Nordausgang des Bahnhofs, wo zudem die Fahrradabstellflächen zum Problem werden könnten. „Es wird angeregt, eine Lösung mit den beteiligten Behörden zu erarbeiten.“

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