Limousinenfahrer hört auf

Rolf Schlichting fährt seit 45 Jahren die Promis von „Drei nach Neun“

Rolf Schlichting fährt seit 45 Jahren die Prominenten von „Drei nach Neun“. Jetzt geht er in Rente und hat viel zu erzählen über seine Erlebnisse der vergangenen Zeit.
20.12.2019, 20:22
Lesedauer: 6 Min
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Von Alexander Bösch
Rolf Schlichting fährt seit 45 Jahren die Promis von „Drei nach Neun“

In diesem Auto hat Rolf Schlichting in den vergangenen Jahren viel Zeit verbracht. Nun will er es ruhiger angehen lassen.

Fotos: Alexander Bösch

Michael Jackson fuhr er ins Weserstadion zum Bremer Konzert der „History“­-Tour. Michail Gorbatschow nahm in seiner Limousine Platz. Ebenso Helmut Kohl, Willy Brandt, Franz Josef Strauß, Gerhard Schröder und Angela Merkel. Oder auch Größen aus der Unterhaltungsindustrie wie Wolfgang Joop, Heidi Kabel und Loriot. Die Liste ist endlos. Wer es im Showgeschäft oder Politbetrieb in den vergangenen 45 Jahren zu Rang und Namen gebracht hat, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens einmal in einem der Autos von Rolf Schlichting Platz genommen.

Seit der ersten Sendung im November 1974 chauffiert der 81-Jährige die Gäste von „Drei nach Neun“. Da die Produktion von Radio Bremen als bundesweit dienstälteste Talkshow gilt, ist der gebürtige Eutiner selbst eine Art Institution – wenngleich eine im Hintergrund wirkende.

„Ich persönlich glaube ja, dass Sie der Einzige sind, der die wirklich heißen News und Stories aus Hunderten Prominenten herausfragen konnte“, schrieb der Produktionsleiter der Talkshow anlässlich des 45. Jubiläums der Sendung im November an den Taxifahrer. „Im mit Nubukleder beschlagenen Fond Ihres Mercedes haben sie Ihnen alles erzählt.“

Keine leichte Entscheidung

Jetzt aber hat Schlichting aufgehört. Die am Freitag ausgestrahlte Sendung war seine letzte als „Promikutscher“. Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht. „Es ist zum Glück nie ein Unfall passiert, in meinem ganzen Berufsleben nicht. Das ist mit Anfang 80 aber nicht selbstverständlich“, sagt Schlichting. Er habe es vermeiden wollen, dass irgendwann jemand sagen müsse: „Wie konnten Sie denn auch einen so alten Fahrer beschäftigen?“

Die Bundeswehr war schuld, dass es den gebürtigen Holsteiner nach Schwanewede verschlug. Hier lernte er auch seine Frau Helma kennen. Nach einem kurzen Zwischenstopp als Fernfahrer machte sich Schlichting 1971 mit seinem Gewerbe als Taxifahrer mit eigenem Limousinenpark selbstständig.

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Drei Jahre nachdem er die Konzession bekommen hatte, empfahl eine befreundete Mitarbeiterin von Radio Bremen den damals 36-Jährigen als Fahrer für „Drei nach Neun“. Am 19. November 1974 ging die Talkshow erstmals auf Sendung. Seither waren Schlichting und seine Frau Helma Sendung für Sendung die Fahrer der Talkgäste. Gelegentlich half ein Mitarbeiter aus.

Und wer genau hingeschaut hat, konnte bei jeder Ausstrahlung mindestens einen der Schlichtings im Studio entdecken. „Einen Stammplatz habe ich nicht, oft sitze ich etwas weiter hinten. Wenn ein Gast mal früher weg muss, will ich den Ablauf ja nicht stören“, sagt Schlichting.

Zwei oder drei Tage bevor „Drei nach Neun“ auf Sendung geht, hat er die Informationen erhalten, welcher Gast wann und wo abgeholt werden muss. Das aktuelle Moderatorengespann Giovanni di Lorenzo und Judith Rakers reiste in der Regel schon am Donnerstag mit der Bahn an, Schlichting holte die beiden dann vom Bahnhof ab und brachte sie zur Vorbesprechung ins Studio.

Viel Stress am Sendungstag

Der Freitag, an dem die Sendung gegen 19 Uhr aufgezeichnet wird, war für Schlichting und seine Frau Großkampftag. Die Talkgäste müssen wahlweise in Bremen vom Flughafen, dem Hauptbahnhof oder auch schon mal aus ihrer jeweiligen Heimatstadt abgeholt, ins Hotel und später ins Studio gefahren werden. Hier warten dann meist schon Autogrammjäger. Dann geht es in die Maske.

Nach der Sendung fuhr Schlichting die Gäste ins Parkhotel und am nächsten Morgen wieder zum Flughafen oder Bahnhof. Talkmaster di Lorenzo wolle in der Regel Sonnabendvormittag direkt in die Redaktion der „Zeit“ gefahren werden. „Er telefoniert im Auto viel auf Italienisch. Vielleicht sind das Journalistenkollegen, ich versteh’ da ja nicht“, sagt Schlichting. Judith Rakers, die dem langgedienten Prominenten-Fahrer kürzlich das Du angeboten habe und ihn stets mit vielen Küsschen begrüße, bevorzuge indes, direkt nach der Aufzeichnung ins heimische Hamburg gefahren zu werden. „Sie sind einfach der Beste“, verewigte sich die Tagesschau-Sprecherin auf einer Autogrammkarte.

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„Roger Willemsen habe ich einmal nach der Show direkt nach Hamburg gefahren. Wir kamen erst gegen 3 Uhr nachts an, da hat er mich noch in seine Wohnung hochgebeten und einen Tee gemacht “, erinnert sich Schlichting. Loki Schmidt holte er aus dem Hamburger Domizil des einstigen Kanzlerpaars ab. „Sie fragte als erstes, ob sie rauchen darf.“ Helmut Schmidt verewigte sich mit der Bitte „Fahrt schön vorsichtig und kommt heil wieder!“ auf einer Autogrammkarte. Alice Schwarzer, erinnert sich der Mercedesfahrer, habe sich während der Fahrt ins Studio einmal mit Wasser bekleckert und ihren BH zum Trocknen aus dem Fenster seiner Limousine gehalten. „Für den fliegenden Schlichting!“, bedankte sich die Frauenrechtlerin.

Hunderte solcher Autogrammkarten, oft mit persönlichen Widmungen, hat der Chauffeur im Laufe der Jahrzehnte gesammelt. Hinzu kommen Biografien, die die Prominenten ihm signierten. „Das ergibt sich meist auf der Rückfahrt. Viele fragen, ob sie einem was Gutes tun können“, sagt er. Zu seinen Stammkunden zählten auch Spieler und Manager von Werder Bremen, der Bremer Senat, der Unternehmer Klaus Jacobs oder Kunden der Werft Abeking und Rasmussen. „Manche Scheichs gaben einem da 300 Euro Trinkgeld“, sagt der 81-Jährige.

Aber nicht mit jedem Prominenten komme man ins Gespräch. Sei es, weil die sich auf der Rückbank lieber mit Handy und Laptop auf den anstehenden Liveauftritt konzentrieren oder weil es – wie bei Gästen des Kalibers Michael Jackson oder Farah Diba – hinter der abgedunkelten Trennwand nicht zu einem Kontakt mit dem Taxifahrer komme und Leibwächter und Personenschützer anwesend seien.

Der „Mafiajäger“ musste in gepanzerter Limousine abgeholt werden

Brisant wurde es, als Schlichting Leoluca Orlando abholen musste. Der Bürgermeister von Palermo musste als berüchtigter „Mafiajäger“ direkt am Flughafen in einer gepanzerten Limousine abgeholt werden. „Da standen Polizisten mit Maschinenpistolen. Keiner durfte wissen, wo Orlando übernachtet“, erinnert er sich. „Ich hatte die Anweisung, direkt durch Einbahnstraßen zu fahren, mit einer Eskorte vorneweg.“

Wesentlich heiterer ging es da an der Seite von Jan Fedder zu. Mit ihm verbindet Schlichting nach eigenen Angaben eine persönliche Freundschaft. „Einmal ist er als Gag in den Kofferraum geklettert. Er war auch bei mir zuhause, weil er sich für meine alten Traktoren interessierte“, berichtet der Urgroßvater.

Auch mit Johannes Heesters fühlte er sich verbunden. Bereits 1985 war Schlichting beim Dreh des ersten Otto-Films in Emden als Fahrer vor Ort. „Mit Heesters und Otto haben wir auf einem Schiff mit ordentlich Genever gefeiert“, sagt er. „Jopie hat Sie sehr gemocht”, schrieb Heesters’ Witwe Simone Rethel als Reaktion auf ein Kondolenzschreiben Schlichtings für den an Heiligabend 2011 gestorbenen Heesters.

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Wer sich für die Politprominenz der Nation zwischen den frühen 70er-Jahren und heute interessiert, für den sind Schlichtings sorgfältig archivierte Autogrammmappen eine wahre Fundgrube. Von Brandt bis Bärbock, von Schmidt bis Schily reicht das Spektrum. Angela Merkel ließ ihm über das Kanzleramt zum 75. und zum 80. Geburtstag gratulieren, Schröder wünschte alles Gute zum 25. Dienstjubiläum. „Willy Brandt war nicht sehr gesprächig, Kohl schon eher. Regine Hildebrandt konnte unglaublich schnattern, aber das war eine ganz Liebe“, erinnert sich Schlichting.

„Am meisten Spaß hatte ich mit Gregor Gysi, den haben wir oft gefahren“, ergänzt Helma Schlichting. Als Schlichting einmal privat ein Knöllchen verpasst bekam, weil er am Berliner Reichstagsgebäude falsch geparkt hatte, nutzte er die Bekanntschaft zu dem Linken-Politiker: „Ich habe das an Gysi weitergeleitet und die Anzeige wurde tatsächlich eingestellt.“

Übrigens sorgte der Wahlschwaneweder bereits bei den Loriot-Sketchen der 70er-Jahre dafür, dass Vicco von Bülow und Evelyn Hamann sicher zu ihren Drehorten gelangten. „Evelyn Hamann musste ich eine Zeit lang jeden Abend von Bremen in ihre Hamburger Wohnung fahren und sie da am nächsten Morgen wieder abholen. Ihre Katze lag im Sterben und sie wollte sie einfach nicht alleine lassen“, erinnert er sich.

Nach weit mehr als zwei Millionen Kilometern auf den Tachos seiner S- und E-Klasse-Limousinen will es der Taxifahrer jetzt ruhiger angehen lassen. „Ich habe ja noch ein paar Stammkunden und bin ganz vernarrt in meine Urenkelin“. Und vielleicht komme er jetzt einmal dazu, ein paar der vielen Biografien zu lesen.

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