Zirkus trifft in Bremen ein Roncalli kommt mit Sonderzug

Bremen. Der Zirkus Roncalli ist am Donnerstag in Bremen eingetroffen. Per Sonderzug sind rund 50 historische Wagen auf einer Gleisanlage im Industriehafen - eine Rarität in der Zirkuswelt.
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Roncalli kommt mit Sonderzug
Von Jörn Hüttmann

Bremen. Der Zirkus Roncalli ist am Donnerstag in Bremen eingetroffen. Mit einem Sonderzug kamen rund 50 historische Wagen auf einer Gleisanlage im Industriehafen an. Roncalli ist in Europa der einzige Zirkus, der sein Material noch hauptsächlich auf der Schiene transportiert.

Dichter Nebel hängt über den Gleisanlagen an der Reitbrake, die zum Industriehafen in Gröpelingen gehören. Hinter dem grauen Schleier ist ein kleiner orangefarbener Punkt zu erkennen, der immer größer wird. Erst langsam wird klar, dass es sich bei dem Punkt um einen Mitarbeiter von Bremen-Ports in Signalkleidung handelt, der auf einem Zug mitfährt. Hans-Dieter Hesemann heißt der Mann, der einen ganz besonderen Zug rangiert: Den Sonderzug des traditionsreichen Zirkus Roncalli, der für die nächsten drei Wochen in Bremen Station macht.

Die Anreise mit dem Zug sei früher bei allen Zirkussen Standard gewesen, sagt die Roncalli-Sprecherin Angela Weller. "Heute sind wir der einzige Zirkus in ganz Europa, der noch hauptsächlich auf den Schienentransport setzt." Bis zu 750 Meter könne der Sonderzug lang werden. "In diesem Jahr ist er aber etwas kürzer, weil unsere letzte Station in Hamburg war und die Vorteile der Bahnfahrt vor allem bei langen Strecken zum Tragen kommen."

Hans-Dieter Hesemann hält über ein Funkgerät, das er um den Bauch geschnallt hat, den Kontakt zum Lokführer am anderen Ende des Zuges. Mit klaren Kommandos dirigiert er die Waggons vor eine Laderampe. "Die Rampe können wir allerdings nur mit fünf Waggons gleichzeitig anfahren", sagt Hesemann, der als Schichtleiter bei Bremen-Ports sonst vor allem hinter dem Schreibtisch arbeitet. "Deshalb müssen wir immer wieder umrangieren, das wird noch den ganzen Tag dauern."

Zirkusteam wartet an der Rampe

An der Verladerampe endet der Verantwortungsbereich von Hesemann, und Oliver Schlisske übernimmt. Er gehört zum festen Team des Zirkus und ist für die Logistik zuständig: "Mein Job wird bei uns Verlademeister genannt", ruft der gelernte Zimmermann vom Sitz eines Treckers hinunter. Er hat sich mit dem rot lackierten Gefährt rückwärts direkt vor der Laderampe platziert, um möglichst keine Zeit zu verlieren. "Der Trecker ist ein Hanomag Brillant 600, der ist über 50 Jahre alt, das gehört mit zur Tradition bei uns", sagt Schlisske.

Tradition sei für den Zirkus besonders wichtig, sagt Angela Weller, das sei an der Ladung des Sonderzuges, der sich durch den Gröpelinger Nebel schlängelt, deutlich zu erkennen: Wie an einer Kette, ist auf den Waggons ein historischer Zirkus-Wagen nach dem anderen aufgereiht. "Insgesamt haben wir über 80 solcher Wagen, die alle zwischen 80 bis 120 Jahre alt sind", erklärt Roncalli-Sprecherin Weller. Viele seien Garderoben oder dienten als Schlafunterkünfte für die Mitarbeiter. "Meiner ist zum Beispiel der mit der Nummer acht", sagt Weller und zeigt auf einen dunkelbraun gestrichenen Wohn-Anhänger. Im Vergleich zu den meisten anderen sei ihr Quartier mit rund sechs Quadratmeter sehr klein. "Dafür ist er aber auch rund 120 Jahre alt und damit einer der Ältesten", berichtet die studierte Dramaturgin und Theaterwissenschaftlerin stolz. Über das Jahr verteilt verbringe sie insgesamt gut neun Monate in der Nummer acht. Dabei habe ihr der Wagen bisher immer gereicht.

Außerdem gebe es noch einen großen Bürowagen, in dem sie arbeite. Hinzu kommen Strom-, Wasch- und Küchen-Wagen sowie vieles mehr. Nur wenigen der alten Anhänger ist ihre Bestimmung von außen anzusehen. Dafür muss man die Nummern kennen, sagt Weller. "Wagen 19, der so einen schönen Balkon hat, steht zum Beispiel immer am Eingang."

Verlademeister Schlisske ist mit seinem Hanomag mittlerweile zum ersten Wagen die Rampe hinaufgefahren. Seine Mitarbeiter entfernen noch die letzten Keile, mit denen die Räder des historischen Gefährts fixiert waren, dann koppelt Schlisske ein und wartet. "Ich kann erst losfahren, wenn ich das Zeichen dafür bekomme. Meine Mitarbeiter sind für mich jetzt meine Augen." Zwei Pfiffe ertönen, das sei das Signal für Vorwärts, erklärt Schlisske und zieht den historischen Anhänger vom Eisenbahnwaggon. "Ein Pfiff steht für Stopp, nach drei soll ich rückwärts fahren."

Der Trafowagen, den der rote Hanomag langsam Richtung Parkplatz schleppt, sei einer der ersten Anhänger, die auf der Bürgerweide gebraucht werden", erklärt Schlisske. Bei seinem Job sei die Reihenfolge entscheidend: Was in Hamburg zuletzt abgebaut worden sei, bräuchten seine Kollegen beim Aufbau nun auch zuerst, erklärt der Verlademeister. Deshalb sei es besonders wichtig, dass der Zug auch in der richtigen Reihenfolge im Zielbahnhof ankommt.

Per Sattelschlepper in die Stadt

Über eine kleine Reißleine koppelt Schlisske den Anhänger los, den er zuvor auf der Brache hinter den Gleisen geparkt hatte. "Die Anhänger werden gleich von unseren Sattelschleppern abgeholt und die zehn Kilometer bis zu unserem Stellplatz gefahren." Bis zum Nachmittag wird Schlisske die Rampe 34-mal hoch und runter gefahren sein. "Ich entlade jeden der knapp drei Dutzend Waggons selbst, dabei bewege ich rund 50 der historischen Wagen." Die übrigen 30 Anhänger seien in diesem Jahr über die Straße transportiert worden. Einige Zirkus-Wagen seien schlicht zu groß für den Transport auf der Schiene, erklärt Schlisske. Und da es nach Hamburg nicht so weit ist, seien ein paar Wagen mehr auf der Straße nach Bremen gefahren worden. "So können die Kollegen auf der Bürgerweide schon arbeiten, während wir hier gerade anfangen."

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