In der Botanika experimentieren Erwachsene und Jugendliche mit selbst gemachten Pflanzenfarben Rotkraut färbt das Ei türkis

Horn-Lehe. Erwartungsvoll beobachtet Hildtraud Schmidt die Flüssigkeit im Marmeladenglas. Seit Minuten badet darin ein Ei mit einem Efeublatt, umhüllt von einem Stück Nylonstrumpfhose.
24.03.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Melanie Öhlenbach

Erwartungsvoll beobachtet Hildtraud Schmidt die Flüssigkeit im Marmeladenglas. Seit Minuten badet darin ein Ei mit einem Efeublatt, umhüllt von einem Stück Nylonstrumpfhose. Die beiden Schnüre, mit denen sie die Enden des Nylons verknotet hat, hält die Schwachhauserin fest in der Hand. Ab und zu zieht sie daran, damit das Ei an die Wasseroberfläche steigt. Kleine Wassertropfen perlen am Nylon ab, das sich inzwischen tief blautürkis gefärbt.

Das müsste doch reichen, oder? „Ich hol das Ei jetzt raus“, ruft Schmidt den anderen Kursteilnehmern zu. Die meisten starren ebenfalls wie gebannt in Gefäße. „Mal sehen, ob sich die Schale auch so schön gefärbt hat.“

Eierfärben in der Botanika. Ein Kursus nicht ungewöhnlich für die Zeit vor Ostern. Doch statt gekaufter Tütenfarbe, Farbblättchen oder Kaltfarbe in einer Schüssel Wasser aufzulösen, stellen die Teilnehmer selber Farben her: aus Roter Beete, Rotkohl, Spinat, schwarzem Tee, Hisbiscus- und Malvenblüten.

Ein nicht ganz ungefährlicher Prozess – zumindest für die Kleidung. Damit es keine ärgerlichen Flecken gibt, verteilt Kursleiterin Bettina Burfeind zu Beginn vorsichtshalber Regencapes und Einweghandschuhe an die experimentierfreudige Gruppe. Schon beim Reiben, Schneiden und Zerkleinern stellen sich die Zutaten als ungemein farbintensiv und färbefreudig heraus. Schnell sind die fleißigen Hände violett, grün und dunkelrot.

Farben aus natürlichen Substanzen herzustellen, hat eine lange Tradition. „Die ersten Farben haben Menschen wahrscheinlich aus Tonerde hergestellt“, sagt Bettina Burfeind. „Erst später wurden Pflanzen- und Tierextrakte verwendet.“ Heute werden Farbstoffe überwiegend synthetisch hergestellt. Einige Branchen greifen aber weiterhin auf natürliche Zutaten zurück. So verwendet die Kosmetik- und Lebensmittelindustrie beispielsweise den Zusatzstoff E120: echtes Karmin, der aus befruchteten und dann getöteten und getrockneten Weibchen der Scharlachschildlaus gewonnen wird.

Wichtige Urkunden und Staatsverträge werden noch heute mit sogenannter Kanzleitinte unterzeichnet. Ein Bestandteil: Galläpfel, die, zerstampft und mit Eisenvitriol vermischt, eine tiefdunkle Farbe ergeben. Laut Bettina Burfeind ist die Tinte farb- und lichtecht.

Hildtraud Schmidt bindet in ihrer Freizeit Bücher. Von der Farbwerkstatt erhofft sie sich viele neue Ideen für die Arbeit mit Papier. Mit Blättern von Roter Beete habe sie schon einmal experimentiert, erzählt sie. Allerdings ist das Ergebnis nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen: „Das Papier war am Ende grau statt rot.“ Umso gespannter ist auf die Farbe aus der Rote-Beete-Knolle, die sie und Peter Pfeffer fein gerieben haben und die der Vahrer gerade durch eine Stoffwindel presst. Lothar Schmidt aus Peterswerder zerstampft derweil Spinatblätter in einem Mörser. Viel leichter hat es da die Tee-Gruppe, die in flachen Schalen Hibiscus und Malvenblüten mit Wasser verrührt. Oder die Rotkohl-Gruppe, die den halben Kopf nur mit ein wenig Wasser im Mixer pürieren und danach abseien muss.

Dass sich aus dieser Brühe gleich mehrere, ganz unterschiedliche Farbtöne herstellen lassen, ahnen einige zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch Hildtraud Schmidt ist verblüfft, als sich die blauviolette Ausgangsfarbe ins Bläuliche oder Rötliche verändert – je nachdem ob Bettina Burfeind der Flüssigkeit Natron oder Essig hinzufügt. „Der Farbstoff Anthocyan reagiert sehr auf basische und saure Bestandteile“, erklärt die Agraringenieurin und Heilpflanzenexpertin.

Auch die Menge beeinflusst das Ergebnis: Je niedriger der pH-Wert ist, desto roter wird der Farbton. Bei einem hohen pH-Wert kann die Farbe sogar blau-grün werden. Ein Trick, der sich bei den anderen Pflanzenfarben nicht anwenden lässt. Als Burfeind Natron in den Rote-Beete-Saft gibt, tut sich – nichts.

Im Laufe der Geschichte haben die Menschen gelernt, Farben zu deuten – und ihnen selbst Bedeutung gegeben. „Farben fungieren als Signal oder drücken Gefühle aus“, sagt Bettina Burfeind. So sind grüne Beeren in der Regel unreif, rote reif. Schwarz ist die Farbe der Trauer, Blau die Farbe der Klarheit und Vernunft. Der Wissenschaft zufolge kann das menschliche Auge mehrere Millionen Farben unterscheiden. Zuständig für die Farbwahrnehmung sind die Zapfen, während die Stäbchen die Helligkeit einfangen. „Das Auge braucht Licht, um Farben überhaupt erst zu erkennen“, erklärt Bettina Burfeind. „Daher auch das Sprichwort: Bei Nacht sind alle Katzen grau.“

Hildtraud Schmidt hat ihr Ei inzwischen unter den neugierigen Blicken der anderen Kursteilnehmer aus dem türkisblauen Nylonstrumpf gepellt. Viel Farbe ist auf der Eierschale aber nicht zu sehen – da würde auch mehr Licht nicht helfen. Die engen Maschen der Strumpfhose haben einfach zu wenig Flüssigkeit durchgelassen. Auch der Abdruck, den das Efeublatt auf der Schale hinterlassen sollte, ist kaum zu erkennen.

„Naja“, meint die Schwachhauserin enttäuscht, „das Blatt muss man sich wohl denken.“ Vom Farbton ist sie allerdings begeistert – so sehr, dass sie das Ei kurzerhand noch einmal ins Marmeladenglas plumpsen lässt. Diesmal aber ohne Strumpf und Efeublatt. Und das Ergebnis kann sich am Ende dann wirklich sehen lassen.

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