Bremer Firmen-Regatta am 5. Juli Rudern gegen die Sorgen

Die gefährlichsten Tage seines Lebens hat er wohl auf dem Wasser verbracht: der syrische Flüchtling Ammar Shinnar, der übers Meer nach Italien gekommen ist. Jetzt geht er erneut aufs Wasser – aber zum Spaß.
22.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Britta Schlesselmann

Sicherlich haben sie die gefährlichsten Tage ihres Lebens auf dem Wasser verbracht: die syrischen Flüchtlinge, die übers Meer nach Italien gekommen sind. Einer von ihnen ist der Ammar Shinnar.

Jetzt geht er erneut aufs Wasser – aber zum Spaß: Der Syrer nimmt an der Firmen-Ruderregatta am 5. Juli teil. „Es ist kein schlechtes Gefühl, wieder auf einem Boot zu sein, denn es ist ja ein ganz andere Situation. Hier ist keine Gefahr“, sagt er.

Der 22-Jährige bildet ein Team mit drei Landsleuten. Trainiert werden sie von Klaus Hartstock. Der leidenschaftliche Ruderer betreibt den Sport seit 38 Jahren. Vor vier Jahren hat er den Firmen-Rudertag ins Leben gerufen. Für die teilnehmenden Unternehmen sei es eine hervorragende Möglichkeit, den Teamgeist der Mitarbeiter zu schulen, ist Hartstock überzeugt. Die Idee, Asylbewerber an der Regatta teilnehmen zu lassen, hatte er Anfang des Jahres: „Da gingen die Bilder der Pegida-Demonstrationen durch Deutschland. Und ich war gerade dabei, Einladungen für die Regatta zu schreiben“, erinnert er sich.

Der Bremer Ruderverein wollte mit der Einladung der Flüchtlinge ein Zeichen setzten und wandte sich über das Sozialressort an Asylbewerberwohnheime. Am Anfang sei die Reaktion etwas verhalten gewesen, räumt Hartstock ein. Doch inzwischen hätten die vier Ruderer in ihren Wohnheimen von ihren positiven Erfahrungen berichtet. „Heute hätten wir sicher keine Probleme, weitere Teilnehmer zu finden.“

Hartstock will den Asylbewerbern zum einen den Spaß am Rudern vermitteln, aber er sieht für sie darin auch eine gute Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. Schließlich nehmen 30 Firmen an der Regatta teil. Zahnarztpraxen, Metallbaufirmen, Lürssen und Airbus stehen auf der Teilnehmerliste. Sie alle trainieren derzeit regelmäßig bei den drei Rudervereinen an der Weser. Damit die Syrer bei der Regatta gut mithalten können, geht der Bremer Personalberater jeden Freitag mit ihnen aufs Wasser.

Die erste Unterrichtseinheit fand allerdings auf dem Trockenen statt, denn das richtige Einsteigen ins Boot will gelernt sein: Erst die rechte Hand an die Ruder, den rechten Fuß an Bord. Die linke Hand ist am Boot, während sich der linke Fuß abstößt. Klingt kompliziert, ist es auch. „Das muss auch geübt werden, denn so ein Boot kostet 12 000 Euro. Da kann ein Fehltritt teuer werden“, so Hartstock. Was an Land noch reibungslos funktioniert, ist auf dem Wasser schon schwieriger. Windstöße und Wellen machen aus dem ersten Schritt eine wackelige Angelegenheit. Eigentlich sollen alle zeitgleich einsteigen, es klappt aber nicht. „Klappt bei Anfängern aber nie“, weiß der Experte.

Ist das Einsteigen als erste Hürde genommen, geht es weiter. Die Männer müssen die Balance halten. Immer wieder bringt Hartstock die Syrer dazu, die Ruder aus dem Wasser zu nehmen und ruhig sitzen zu bleiben. Eine Lektion haben sie schon in der zweiten Stunde gelernt: Die Kraft kommt nicht aus den Armen, sondern wird aus den Beinen geholt.

Weil es recht schwer ist, zu viert eine synchrone Bewegung hin zu bekommen, lässt Hartstock immer wieder in Zweier-Teams in Richtung Weserwehr rudern. Erst auf dem Rückweg tauchen alle vier ihre Ruder gleichzeitig ins Wasser und rollen gleichzeitig mit ihren Sitzen nach hinten. Immer wieder gibt Hartstock Kommandos auf Englisch, die Ammar Shinnar ins Arabische übersetzt. Denn die vier können bislang kaum Deutsch, und nur Shinnar spricht englisch. Der 22-Jährige ist von der neuen Sportart begeistert: „Das wollte ich schon vor langer Zeit einmal ausprobieren, toll, dass ich es nun machen kann.“

„Langsam fängt es an, Spaß zu machen“

Die Begeisterung wird nur ein wenig gedämpft, als ein kräftiger Schauer auf den Ruder-Vierer niederprasselt. Auch das diene der Teambildung, sagt der Trainer anschließend mit einem Schmunzeln – als erfahrener Ruder kann ihn das Wasser von oben nicht schocken. Er ist mit den Trainingsfortschritten der Syrer zufrieden: „Langsam fängt es an, Spaß zu machen.“

Das Rudern helfe auch, die Sorgen ein wenig zu vergessen, meint Ammar Shinnar. Denn derzeit muss er befürchten, wieder nach Italien geschickt zu werden. Gerade versuche er dies mit Hilfe eines Anwalts zu verhindern, verrät er. Sein Wunsch ist es, in Bremen zu bleiben. „Ich habe in Syrien Management studiert, das möchte ich hier weiter machen. Ich spreche mehrere Sprachen, ich kann etwas tun für Deutschland“, sagt er.

Seine Teamkollegen erleben die gleichen Sorgen und Nöte: Sie warten auf einen Platz im Sprachkurs, suchen eine eigene Wohnung und hoffen, dass ihre Abschlüsse anerkannt werden. Nur wenn sie übers Wasser gleiten, haben sie ein anderes Zeil vor Augen: eine erfolgreiche Teilnahme an der Ruderregatta am Sonntag, 5. Juli.

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