„Fridays For Future“ in Bremen

Rückenwind für Schülerstreiks

Mehrere Tausend Schüler haben am Freitag in Bremen für einen besseren Klimaschutz demonstriert. Unterstützung haben sie dieses Mal auch von dem ein oder anderen Erwachsenen bekommen.
15.03.2019, 19:08
Lesedauer: 4 Min
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Von Elke Hoesmann und Chantal Moll
Rückenwind für Schülerstreiks

Rund um den Roland versammelten sich am Freitagmittag Schüler und ihre Unterstützer aus Bremen und dem Umland zu einer Klima-Kundgebung.

Christina Kuhaupt

Viele Eltern und Großeltern sind am Freitag zusammen mit Schülern für eine bessere Klimapolitik auf die Straße gegangen. Zeitweise waren es laut Polizei 5000 Menschen, die im Protestzug vom Hauptbahnhof zum Marktplatz mitliefen – die bislang größte Bremer Demonstration der Schüler-Klimabewegung „Fridays For Future“. Die Organisatoren gingen sogar von 8000 Teilnehmern aus. Auf der Abschlusskundgebung mittags vor Rathaus und Bürgerschaft zählte die Polizei noch 500 Teilnehmer. In Zelten auf dem Marktplatz informierten sich die Jugendlichen nach der Demo bei sogenannten Teach-ins über Themen wie Klimawandel und Klimagerechtigkeit.

In mehr als 200 deutschen Städten wurde am Welt-Protesttag der Klimaschutzbewegung gestreikt. Dazu aufgerufen hatte unter anderen die neue Initiative „Parents for Future“ – ein Zusammenschluss von nach eigenen Angaben mehr als 60 Ortsgruppen. Die in Nordrhein-Westfalen entstandene Initiative findet inzwischen auch in Bremen viele Unterstützer. Vor allem Eltern stellen sich dabei hinter ihre Kinder, die seit Wochen immer freitags demonstrieren gehen. Die Protestaktionen sind umstritten, weil die Jugendlichen dafür den Unterricht schwänzen.

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Doch auch Großeltern finden die Schülerproteste gut. „Opa und Oma für ein enkeltaugliches Klima“ – am Bahnhof hielt eine Seniorin ein Plakat mit der Parole hoch. „Die Jungen machen endlich was“, sagte sie anerkennend. Viele ältere Demoteilnehmer warteten hier schon vor dem Demostart um zehn im Nieselregen. „Das Thema ist existenziell geworden“, findet Elke Krause, „wir freuen, dass wir mitmachen dürfen“. Sie habe sich vorher bei den Veranstaltern erkundigt, ob Ältere bei der Demo erwünscht seien. Denn die seien ja auch Mitverschulder der Klimakrise.

Erste große gesellschaftliche Bewegung seit den Montagsdemonstrationen

„Wir wollen uns da nicht anhängen, erklärte Lars Uwe Lenk, ein Mittvierziger, “sind aber froh, dass etwas passiert.„ Die letzte große gesellschaftliche Bewegung habe es an Montagen gegeben, sagte er mit Blick auf die Montagsdemonstrationen 1989/90 in der DDR. Dass jetzt immer freitags für eine bessere Klimapolitik demonstriert wird, sei den angeblich so unpolitischen Schülern zu verdanken. “Die haben etwas auf die Beine gestellt.„ Eine ältere Frau sagte, dass sie nun mitmache, bedeute ja nicht, dass sie nicht auch in anderen umweltpolitischen Bewegungen aktiv sei.“ Dabei zeigte sie auf das Plakat einer Initiative gegen Gasförderung. „Wir wollen hier unsere Solidarität bekunden.“

Mütter und Väter mit kleinen Kindern an der Hand, Lehrer, die ihre streikenden Schüler unterstützen wollten, ältere Ehepaare – sie alle reihten sich ein in den Protestzug, der über Herdentorsteinweg und Violenstraße verlief. Busse und Bahnen standen rund um den Bahnhof etwa eine halbe Stunde still, sagte ein BSAG-Sprecher auf Anfrage. Immer wieder skandierten Schüler: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Und diese Umweltsünder machen jetzt mit bei der Demo? Schadet das nicht der Glaubwürdigkeit?

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Die meisten der befragten Schüler haben dazu eine differenzierte Meinung. Das Thema Klimaschutz sei generationsübergreifend, hieß es, von einem Generationskonflikt könne man nicht sprechen. Viele Ältere, die jetzt mitdemonstrierten, seien immer schon umweltbewusst gewesen, sagte ein 15-Jähriger aus Brinkum. „Und ein gesunder Altersdurchschnitt ist doch gut“, meinte sein Mitschüler, der auch nicht mit Namen genannt werden wollte. „Je mehr mitmachen, desto besser für die Klimabewegung.“ Durch die Teilnahme von Älteren könnten weitere Menschen ihre Verhaltensweisen schneller ändern. Ganz praktisch sah es ein anderer 15-Jähriger: „Die Klimabewegung braucht auch Geld.“

Zum Teil noch vor Demobeginn in der Schule gewesen

Die Brinkumer Schulfreunde waren im Bus zur Demo gekommen, zum ersten Mal, sagten sie. Im Unterricht waren sie nicht am Freitag. Anders dagegen eine Mädchengruppe vom Gymnasium an der Hamburger Straße. Erst kurz vor Demobeginn hätten sie die Schule verlassen, erzählten sie. „In unserer Klasse sind sechs von 28 geblieben.“ Die würden aber nicht als Streikbrecher kritisiert, versicherten die Mädchen. „Sie sind auch alle für besseren Klimaschutz, wollten aber die letzte Stunde vor einer Klassenarbeit nicht verpassen.“

Es war genau fünf vor zwölf, als eine Domglocke läutete und die Menschen auf den Marktplatz strömten. Dort hatte zuvor Jule Stahlhut mitgeholfen, fünf Zelte für die Teach-ins aufzubauen. Sie sei beim Bildungswerk der Schülervertretung aktiv, sagte sie, mit den Workshops wolle man ein Zeichen setzen – dafür, dass Bildung den Schülern wichtig sei. In den Zelten sollten sich jeweils 20 Besucher gut anderthalb Stunden mit klimarelevanten Themen beschäftigen. Eine Idee der Jugendlichen, betonte die Schülerin. Dass so viele Ältere den Klimastreik unterstützten, sei zwar positiv, er müsse aber in der Hand der Jugendlichen bleiben.

Dauerregen und Kälte machten vielen Demonstranten zu schaffen, die Reihen hatten sich schon stark gelichtet, als die Kundgebung begann. Mehrere Redner traten auf, eine ältere Sprecherin bat die nächste Generation um Entschuldigung: „Verzeiht, dass wir die Meere so verschmutzt haben, dass ihr nicht mehr darin schwimmen könnt. Verzeiht uns unsere Denkweise.“

Info

Zur Sache

Weltweit Protest auf der Straße

Von Melbourne bis Madrid, von Kapstadt bis Köln: Am Freitag haben bei einem weltweiten Aktionstag Hunderttausende Schüler für mehr Ehrgeiz beim Klimaschutz demonstriert. Kundgebungen unter dem Motto „Fridays For Future“ gab es in fast allen europäischen Metropolen.

Auch in vielen deutschen Städten gingen Jugendliche und ihre Unterstützer auf die Straße statt zur Schule - die Veranstalter schätzen ihre Zahl bundesweit auf rund 300.000. Allein in Berlin nahmen laut Polizei 15.000 bis 20.000 Menschen teil. Die Veranstalter sprachen von rund 25.000 Teilnehmern. Die Kernforderungen: ein schnelles Aus für die klimaschädliche Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, keine Subventionen mehr für diese „dreckigen“ Energieträger, mehr Investitionen in erneuerbare Energien aus Windkraft und Sonne.

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