Allgemeine Berufsbildende Schule

Jedes Jahr ein dickes Brett gebohrt

Zehn Jahre lang hat Frank Grönegreß die Allgemeine Berufsbildende Schule – die „Schule der zweiten Chance“ – geleitet. Nun geht er in den Ruhestand und meint: Auf seine Nachfolgerin kommen große Aufgaben zu.
16.07.2020, 05:00
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Jedes Jahr ein dickes Brett gebohrt
Von Anne Gerling

Die Band war schon bestellt. Wäre ihm Corona nicht in die Quere gekommen, dann hätte Schulleiter Frank Grönegreß gerne noch mal mit allen Kollegen groß gefeiert: Nach zehn Jahren an der Allgemeinen Berufsbildenden Schule (ABS) beginnt für ihn an diesem Donnerstag der Ruhestand.

Noch sei dies eine „schräge Vorstellung“, so der gebürtige Ostwestfale. Denn sein Job hat dem 64-Jährigen immer Spaß gemacht: „Die zehn Jahre waren in keinem Jahr langweilig. Es gab jedes Jahr ein großes Brett, das gebohrt werden musste. Ich bin froh, dass ich hier viel gelernt habe und ich war sehr gerne hier.“

Aus etwa 60 Klassen mit 650 Schülern waren mit der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 vorübergehend 1000 Schüler in 75 Klassen an fünf Standorten geworden, erzählt Grönegreß: „Wir waren zeitweilig die einzige Schule, die mit diesen Jugendlichen zu tun hatte und es war dann unter anderem meine Aufgabe, auch die anderen Schulen anzupiksen.

Mittlerweile haben alle 16 berufsbildenden Schulen auch sogenannte SpBo-Klassen zur Sprachförderung mit Berufsorientierung für Geflüchtete.“ Auch das Kollegium sei in dieser Zeit stark angewachsen, nämlich von 80 auf 100: „Es war eine schöne Zeit. Schöner, als wenn man wenig Schülerinnen und Schüler hat.“

In Grönegreß’ Amtszeit feierte die 1966 gegründete Schule ihr 50-jähriges Bestehen, wurde von „Allgemeine Berufsschule“ in „Allgemeine Berufsbildende Schule“ umbenannt und Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) kreierte bei einem Besuch am Steffensweg den Beinamen „Die Schule der zweiten Chance“. Ein Slogan, der auf den Punkt bringt, wie Grönegreß das Profil der ABS zu beschreiben pflegt: „Zu uns kommen Jahr für Jahr 300 bis 350 Schüler, die ihre Schulen ohne Abschluss verlassen haben. Bremen sollte stolz darauf sein, dass wir diesen Schülern eine zweite Chance geben – das hat kein anderes Bundesland.“ 60 Prozent des Kollegiums, das aktuell aus zwölf Sozialpädagogen, 25 Lehrmeistern und rund 50 Lehrern besteht , hat Grönegreß selbst in den vergangenen zehn Jahren eingestellt. Während seiner Dienstzeit wurde außerdem der seit vielen Jahren sanierungsbedürftige ABS-Standort Sebaldsbrück geschlossen und es kamen neue Dependancen in Huckelriede und Kattenturm dazu: 13 Klassenräume, eine eigene Turnhalle und eine schöne Aula. Dort wurden wegen Corona in diesem Sommer alle großen Konferenzen abgehalten. Die Lehrerschaft tickt übrigens Grönegreß zufolge an allen drei Standorten anders, mit einer Gemeinsamkeit: „Dieses Kollegium agiert nur dann, wenn es von etwas überzeugt ist. Hier wird klare Kante gesprochen. Wir haben sehr viel miteinander gearbeitet und voneinander gelernt. Diese Schule hat durchaus ein sehr selbstbewusstes Lehrerkollegium – da muss man einen fairen Umgang miteinander lernen.“ In Bremer Lehrerkreisen heiße es deshalb gelegentlich: „Wer die ABS leiten kann, der kann jede Schule leiten.“

Wie er an diesen Job kam? Nach dem Lehramtsstudium in Bremen und dem Referendariat am Alten Gymnasium – Fächerkombination Deutsch und Geschichte – hatte Grönegreß wegen des Lehrer-Einstellungsstopps in Bremen 1987 zunächst beim Arbeiter-Bildungs-Centrum der Arbeiterkammer in der Erwachsenen-Weiterbildung angefangen. 1996 übernahm er dort die Abteilung Jugendbildung, worüber er unter anderem mit der ABS und deren damaligem Leiter Werner Ratt in Kontakt kam.

15 Jahre später – Grönegreß hatte zwischenzeitlich bei einem Weiterbildungsträger in Bremerhaven gearbeitet, wurde 2005 stellvertretender Schulleiter am Schulzentrum Helsinkistraße und wechselte 2009 in die Leitung der Oberschule Lesum – rief Ratt ihn auf der Suche nach einem Nachfolger an: „Weil er dachte, es brauche hier jemanden, der ein Auge für diese Schülerschaft hat.“ Seither arbeitete Grönegreß daran, den Mädchen und Jungen an der ABS tragfähige Zukunftsperspektiven zu vermitteln.

„Diese Schülerschaft braucht Konstanz. Für uns ist Präsenz und Beziehungsarbeit sehr wichtig, um mit diesen Menschen zu arbeiten, die woanders gescheitert sind und hier wieder aufgerichtet werden müssen.“ Da dabei der persönliche Kontakt eine besondere Rolle spiele, sei es gut, dass ab August alle mit Leih-Tablets ausgestattet würden. Noch wichtiger aber seien Berufseinstiegsbegleiter, die beim Übergang vom Sekundarstufe-I-Bereich in die Sek II helfen: „Das halte ich für einen sehr großen Fortschritt. Ich verspreche mir davon, dass so ein Begleiter eine Konstanz im Leben eines Schülers abbildet und uns mit den Informationen versorgt, die wir brauchen.“

Die Aufgaben der ABS wiederum würden voraussichtlich noch wachsen: „Weil womöglich viele Ausbildungsverhältnisse doch nicht zustande kommen. Der eine oder andere Jugendliche wird dann froh sein, wenn er einen Landeplatz bei uns findet.“

Wohin es Frank Grönegreß selbst nun treibt, das steht noch nicht hundertprozentig fest. Nur so viel: „Ich werde etwas machen. Es wird aber nichts mehr mit Schule zu tun haben.“

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