Interaktiver Tisch: Anhand von Symbolen können Schmerzen lokalisiert werden Sag’s durch die Blume

Wie kann die Kommunikation zwischen Patienten mit Migrationshintergrund und Ärzten verbessert werden? Studierende des Fachs Digitale Medien haben einen Tisch entwickelt, der anhand von interaktiven Blumen den Schmerzzustand eines Patienten beschreibt. Über das Projekt und die Gesundheitsversorgung von Migranten gab es einen Vortrag "Wissen um elf" im Haus der Wissenschaft.
11.03.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ina Schulze

Wie kann die Kommunikation zwischen Patienten mit Migrationshintergrund und Ärzten verbessert werden? Studierende des Fachs Digitale Medien haben einen Tisch entwickelt, der anhand von interaktiven Blumen den Schmerzzustand eines Patienten beschreibt. Über das Projekt und die Gesundheitsversorgung von Migranten gab es einen Vortrag "Wissen um elf" im Haus der Wissenschaft.

Altstadt. Die gesundheitliche Lage von Menschen aus Einwandererfamilien unterscheidet sich in Deutschland in vielerlei Hinsicht deutlich vom Gesundheitszustand der Deutschstämmigen. So werden zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen sowohl im Alter als auch bei Neugeborenen von Migranten seltener in Anspruch genommen. Gründe dafür seien Informationslücken und Sprachprobleme, wie Tilman Brand, Jens Epe, Funda Klein-Ellinghaus und Carolin Reichherzer herausgefunden haben. Die Studierenden beschäftigen sich mit Fragen der Gesundheitsversorgung von Migranten.

Über ihre bisherigen Erkenntnisse sprachen die vier bei "Wissen um elf" unter dem Titel "Gesundheit von Migrantinnen und Migranten – erforschen und gestalten". Tilman Brand und Funda Klein-Ellinghaus sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen. Sie erforschen in der Fachgruppe Sozialepidemiologie die Zusammenhänge von sozialer Ungleichheit und Gesundheit. Jens Epe und Carolin Reichherzer studieren im Masterstudiengang Digitale Medien an der Universität Bremen.

In ihrem Masterprojekt "Priming Information for Medical Association" erstellen sie gemeinsam mit elf weiteren Studierenden – aus acht Nationen und mit Schwerpunkten in unterschiedlichen Anwendungsbereichen wie Programmierung, Gestaltung, Design und Sozialwissenschaft – eine interaktive Anwendung mit dem Ziel, die Kommunikation zwischen Patient und Arzt zu verbessern.

Zwischen 1955 und 1974 wurden gezielt im Rahmen der Anwerbepolitik die Gastarbeiter nach Deutschland geholt. Obwohl die Arbeitsverträge zunächst auf zwei Jahre befristet waren, kamen die Menschen mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Deutschland. Die Voraussetzungen, um Gastarbeiter zu werden: "Man musste gesund sein und eine fünfjährige Grundschulausbildung vorweisen. Mehr nicht", berichtete Funda Klein-Ellinghaus, deren Eltern vor rund 40 Jahren ebenfalls in Deutschland eingewandert sind. Junge Väter und Mütter, die zum Arbeiten ins Ausland gingen, mussten sich von ihren Kindern und anderen Angehörigen verabschieden und litten oft unter psychischen Erkrankungen. Manche heute noch.

Sprache ist ein Hindernis

Viele Gastarbeiter arbeiteten auf Niedriglohnniveau und hauptsächlich in Bereichen, die gesundheitsgefährdender sind als andere. Dadurch mussten viele von ihnen in Frührente gehen, mit dem Risiko der Altersarmut. Das alles habe gesundheitliche Folgen, erläuterten die Studierenden.

Migration, das ist der Wechsel des Lebensumfeldes im geografischen und sozialen Raum. Rund 19 Prozent der Bevölkerung haben inzwischen einen Migrationshintergrund, allerdings ungefähr ein Drittel ohne die entsprechende Erfahrung. "Die Türken leben bereits in der dritten Generation hier. Die Heimat ihrer Eltern ist ihnen fremd", sagt Funda Klein-Ellinghaus.

Doch vor allem für die Senioren sei die Sprache noch ein großes Hindernis. Damit ein Arzt eine genaue Diagnose stellen könne, werde meist nach dem Schmerz gefragt. "Schmerzen sind sehr komplex und subjektiv. Sind es klopfende Schmerzen, pochende, waren sie lokal oder haben sie ausgestrahlt, sind sie gewandert?"

Aber was sei, wenn man die entsprechenden Vokabeln nicht kenne? Selbst Muttersprachler hätten Probleme, ihre Schmerzen genauestens zu beschreiben. "Wir haben uns überlegt, wie man die Wartezeit beim Arzt sinnvoll nutzen könnte", sagte Jens Epe. Vor allem deshalb, weil die Wartezeiten immer länger würden und die Gesprächszeit mit dem Arzt immer kürzer.

Die Studenten haben einen kleinen Tisch entwickelt, der mit einem Monitor als Tischplatte ausgestattet ist und im Wartezimmer stehen soll. Mit Hilfe dieses Apparates könnten nun die Schmerzen anhand von Symbolen und Wörtern genau lokalisiert und definiert werden.

Als unterhaltenes Element wird der betreffende Schmerz als Blume dargestellt. Bei brennenden Schmerzen bekommt die eigene Blüte flammende Blätter, und wenn er stechend ist, ganz spitze, messerartige Blätter. Auch die Häufigkeit, Intensität und Qualität spiegeln sich in der Blume wider. "Je mehr Schmerzen man hat, desto schöner wird die Blume", betont Jens Epe.

Die Patienten lernen auch gleich die entsprechenden Vokabeln. Den Studenten war es wichtig, dass der Tisch unaufdringlich ist und zum Teil auch beruhigend wirkt. Doch hilft er wirklich den Patienten dabei, ihre Schmerzen besser zu beschreiben und werden sie durch diese neue Möglichkeit zufriedener? Das sind Fragen, die untersucht werden müssen, bevor der "Interaktive Tisch" tatsächlich in den Wartezimmern von Bremer Praxen steht. Außerdem gibt es diesen Tisch bisher nur in englischer Sprache.

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