25-jähriges Jubiläum Samba-Karneval holt Brasilien nach Bremen

Bremen. Prächtige Kostüme, südamerikanische Rhythmen und ein furioser Auftakt auf dem Marktplatz bildeten am Samstag den Höhepunkt des 25. Bremer Samba-Karnevals. Rund 20.000 Zuschauer säumten die Straßen während des bunten Umzugs.
06.02.2010, 12:23
Lesedauer: 4 Min
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Von Bernd Schneider

Bremen. Samba ist offenbar im Begriff, zur Volksmusik in Bremen zu werden. Über mangelndes Interesse jedenfalls konnten sich die Sambistas gestern nicht beklagen. 15.000 bis 20.000 Zuschauer säumten beim Samba-Karneval die Straßen, hieß es bei der Polizei, fast doppelt so viele wie erwartet: „Wir hatten ungefähr mit 10.000 gerechnet.“

Seit 25 Jahren zieht sich der bunte, lärmende Lindwurm im Februar schon durch die Stadt, „und ich war bestimmt jedes Jahr dabei“, blickt die Exil-Bremerin Annette Jaschke zurück. Anfangs sei die Rhythmus-Injektion in die Verkehrsadern der Stadt noch so überschaubar gewesen, „da hat man sich gefragt, wieso sperren die überhaupt die Straßen ab“. Eine einzige Sambagruppe und etwa 100 Zuschauer – so muss es anno 1986 ausgesehen haben.

Inzwischen kommen die Sambagruppen von überall her angetrommelt, nicht nur aus den Metropolen der Bundesrepublik, sondern auch aus den Niederlanden, aus Dänemark und der Schweiz. „1500 Aktive“ schätzte die Polizei Sonnabendnachmittag, in Kostümen, die teils schon extrem prächtig, bunt und phantasievoll waren. Allein aus Berlin und Hamburg sind je ein Dutzend Gruppen angereist, drei oder vier aus Holland, etliche aus dem Rheinland, und selbst die Samba-Diaspora München war vertreten.

„Die sind mit jedem Jahr perfekter geworden“, staunt Annette Jaschke, als eine beinahe klassisch kostümierte brasilianische Schöne mit leichtfüßigem Sambaschritt vorbeischwebt – das exotische Lächeln umkränzt von bunten Federn, nur eben viel dicker eingekleidet als in Rio: Ein Tribut an das Klima im Norden.

Ein Stück brasilianische Heimat

„20 Grad wärmer, das wäre schon schön“ räumt Antonia aus Brasilien ein, die dick eingemummelt mit Wollmütze in Höhe des Landgerichts zuschaut. Für sie sind die Rhythmen ein Stück Heimat, der Besuch beim Samba-Karneval hat für sie jedes Jahr einen hohen Stellenwert: „Das ist für mich wie der 7. September in Brasilien“, der Tag der Unabhängigkeit von Portugal. Früher ist sie selbst auch mitgelaufen, „aber dazu ist mir einfach zu kalt“.

„Es ist ein bisschen ähnlich wie zu Hause“, sagt auch ihre Freundin Vag Leide aus der zentralbrasilianischen Millionenstadt Goiânia. Seit sie in Bremen lebt, seit 2006, hat sie noch keinen Samba-Karneval verpasst. „Alles“ sei anders als in Brasilien, „Tanz, Stimmung, Wetter“. Aber der Samba-Karneval erinnere wenigstens ein bisschen an Brasilien – jedenfalls mehr als der Kölner Karneval.

Dass der Bremer Karneval etwas Besonderes ist, das hat sich sogar bis ins Rheinland herumgesprochen. Wie sonst ist es zu erklären, dass gestern eigens ein Fernsehteam des Westdeutschen Rundfunks (WDR) mit Sitz in Köln mitgelaufen ist? Die Journalisten haben eine Wuppertaler Samba-Gruppe durch die Straßen der Hansestadt begleitet, während ein zweites Team gerade in Venedig dreht, wo eine Gruppe aus dem Ruhrpott spielt. Das spezifische Wesen hanseatischer Begeisterung hat WDR-Autorin Katharina Gugel aber bis zum Mittag noch nicht so recht erfasst: „Am Straßenrand könnt’s schon noch ein bisschen lebendiger sein“, fand sie. Vielleicht kommt sie noch dahinter, die Sendung in der Reportage-Reihe „hier und heute“ ist ja erst für Sonnabend, 13. Februar geplant, um 18.20 Uhr im WDR.

„Apito Fiasko“ („Trillerpfeifen-Fiasko“) heißt übrigens die Gruppe, die sie begleitet hat. Überhaupt die Namen: Aus Lübeck waren die „Marzipanitas“ angekündigt, aus Berlin die „Sambaholics“, aus Bremen unter anderem die „Red Hot Knipp“, aus Hannover die „Crash-Test-Drummies“, aus Krefeld die „Play Mobilos“ und aus dem bäuerlichen Martfeld die „ovos di campo“, die Landeier.

Gerade auf diese Truppe hatte sich Roland Jaschke besonders gefreut, der mit Frau und zwei Kindern (8 und 10) extra aus Martfeld ans Landgericht gekommen war: „Ich stehe am liebsten hier, da kann der Schall nicht weg, da scheppert’s dann richtig.“ Und richtig Spaß macht es, wenn man merkt, dass der Rhythmus die Kinder erfasst und nicht mehr loslässt. Noch lassen sich die beiden zwar nichts anmerken, aber nach Erfahrungen aus früheren Jahren weiß Jaschke: „Das kommt noch.“

Derweil steht Marlies Gusek aus Ritterhude zum ersten Mal beim Samba-Karneval am Straßenrand. „Ich mag alles, was bunt ist“, bekennt die 74-Jährige, „Blumen, Deko“, und seit ihr Sohn ihr mal ein Video gezeigt hat, weiß sie, dass sie hier richtig sein wird. „Ich freu mich, dass ich gekommen bin“, sagt sie schon nach einer kurzen Weile, während bunt geschmückte Tänzer und Tänzerinnen auf Stelzen vorbei ziehen. Neptun mit dem Dreizack, eine riesige rote Krabbe, farbenprächtige Oktopusse, mit ganzen Büscheln von strahlenden LED-Lämpchen beleuchtete Fantasie-Figuren aus dem Meer. Einige schreiten würdevoll, andere tanzen ausgelassen – und sei es nur, um sich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt warm zu halten. „Die wissen heute Abend aber, was die getan haben“, meint Marlies Gusek mitfühlend. „Die sind bestimmt ganz schön kaputt.“

„Land unter“ auf dem Marktplatz

Die meisten Aktiven sind schon seit dem frühen Morgen auf den Beinen. Jedenfalls lange, bevor um zwölf Uhr mit dem Verstummen der Domglocken auf dem Marktplatz die Samba-Trommeln zum Gewitterbrausen anschwollen, als das Karnevals-Motto „Land unter“ auf einer riesigen Bühne in Szene gesetzt wurde.

Die Geschichte: Nach dem menschengemachten Klimawandel versinken die Städte unter dem Meeresspiegel. Die Menschen leben unter Wasser weiter. Aber anstatt aus ihren Fehlern zu lernen, vergiften sie auch dort wieder ihre Umwelt. Das Karussell aus Konsum, Profit, Ausplünderung und Vermüllung des Planeten dreht sich unter dem Meeresspiegel weiter.

Wer nicht mindestens 2,50 Meter groß ist oder einen der heiß begehrten Plätze auf den diversen Treppen rund um den Marktplatz ergattern konnte, stand allerdings manchmal recht hilflos vor der Bühne. Unter anderem, weil die bunt kostümierten Figuren, die nach und nach auftauchten, begehrte Foto- und Video-Motive waren – am liebsten natürlich aufgenommen mit dem nach oben ausgestreckten Arm. Sichtbehinderung für die hinteren Reihen inklusive.

Mit solchen Methoden arbeitet Alena Zeman nicht. Obwohl auch sie viel fotografiert hat – nicht zum ersten Mal bei einem Samba-Karneval. Jetzt aber hofft sie auf genügend Bilder für ihre Homepage. Dabei ist die gebürtige Tschechin allerdings sehr anspruchsvoll: „200 bis 300 Fotos schieße ich. Wenn am Ende zehn übrig bleiben, kann ich schon froh sein.“ Viele trübe Wolken, schwieriges Licht und damit nicht die leuchtenden Farben, die ein Fotograf sich wünscht – das waren die Bedingungen, unter denen sie gestern gearbeitet hat. Die Resultate will sie demnächst auf ihrer Homepage unter www.fotos-bilder.de zeigen.

Alles in allem ein Seelenwärmer mitten in der kalten Jahreszeit. Für Annette Jaschke aus Martfeld auf jeden Fall: „Kostüme, Musik, Stimmung – das bringt Licht in den Winter“, sagt sie. „Das alles macht ein ganz anderes Lebensgefühl. Der Februar ist doch sonst der trostlose Monat Nummer eins.“

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