Die Waller Pharmazeutin Christa Kling wünscht sich auch Brillen und Sonnenbrillen für Menschen in Tansania

Sammeln für die Buschapotheke

Walle. Eben noch schnell eine kleine Portion aus der Handcremetube. Hitzebläschen, erklärt Christa Kling.
06.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Sammeln für die Buschapotheke

Christa Kling in der Apotheke der Buschklinik Endulen.

Christa Kling

Walle. Eben noch schnell eine kleine Portion aus der Handcremetube. Hitzebläschen, erklärt Christa Kling. Die bekommt man in unseren Gefilden zurzeit natürlich nicht. Sie sind eine Erinnerung an Tansania – Durchschnittstemperatur im Februar: rund 32 Grad Celsius. Aber sie sind längst nicht die Einzige und bestimmt nicht die Nachhaltigste. Vor wenigen Tagen kehrte die Pharmazeutin, die sich auf Reisemedizin spezialisiert hat, von einer zweiwöchigen Afrika-Expedition zurück. Dort hat sie mit einer internationalen Reisegruppe tropische Krankheiten erforscht, an Orten, die Touristen nie zu sehen bekommen. Mitgebracht hat die Leiterin der Waller Neptun-Apotheke jede Menge Eindrücke – und das Bedürfnis, wenigstens einigen der Menschen in Tansania das Leben leichter zu machen. Und dabei können viele Bremerinnen und Bremer ihr ab sofort helfen: Indem sie Brillen und Sonnenbrillen, die sie selbst nicht mehr tragen, in der Apotheke an der Elisabethstraße abgeben.

Sie werden dringend benötigt, und zwar, genau gesagt, in der Buschklinik von Endulen. Das 72-Betten-Haus liegt im Norden des ostafrikanischen Landes, fernab von Fortschritt und moderner Infrastruktur, mitten im Stammesgebiet der Massai. Rundherum verstreut liegen die Nomadendörfer mit ihren traditionellen Lehmhütten. Die Klinik ist nur mit robusten Geländewagen über holprige Feldwege zu erreichen, erzählt Christa Kling. Aber die Patientinnen und Patienten kommen ohnehin zu Fuß, oft kilometerweit. So wie der junge Massaikrieger, der stationär behandelt wurde, weil er von einem aggressiven wilden Bullen schwer verletzt worden war. Die behandelnden Ärzte erklärten den Besuchern: Solche Kollisionen seien so häufig, dass sie als „Buffalo accidents“ einen eigenen Namen haben.

Die Tansania-Expedition wurde geleitet von dem bekannten Tropenmediziner und Forscher Kay Schaefer, der selbst jahrelang in Afrika praktiziert hat. Seit mehr als zwanzig Jahren nimmt der Kölner Mediziner kleine Gruppen von Fachkolleginnen und Fachkollegen mit auf Fortbildungsreisen in verschiedene afrikanische Länder. „Tropmedex“ nennt sich seine medizinische Reiseagentur. Diesmal bestand die Gruppe aus praktizierenden Ärzten und Wissenschaftlern aus den Niederlanden, der Schweiz, aus Hongkong, Kanada und den USA – und aus der Apothekerin aus Walle, „die erste Apothekerin, die je bei einer solchen Tour mitgemacht hat“, weiß Christa Kling.

In den zwei Wochen besuchten die Expeditionsteilnehmer ein Krankenhaus, das auf Schlangenbisse spezialisiert ist. Sie lernten Patienten mit fortgeschrittener Schlafkrankheit kennen, und viele Fälle von Elefantiasis, einer Infektionskrankheit, bei der sich durch Lymphstau Körperteile abnorm vergrößern. Auf einer Leprastation wurden sie über die Diagnostik der Krankheit aufgeklärt, die in Tansania noch immer grassiere, obwohl ein großer Pharmakonzern längst kostenlos Medikamente ausgebe, erzählt Christa Kling. Die Krankenschwestern vor Ort zeigten, wie sie die typischen Symptome erkennen. Auf Sansibar informierten sich die Besucher über ein Projekt der Weltgesundheitsorganisation, das die Ansteckung mit Bilharziose eindämmen soll. Der Krankheitsursache kommt man dort ganz nah: Sie wird von Saugwürmern verursacht, die als Zwischenwirte eine Schneckenart in stehenden Gewässern befallen. Wie verbreitet die Krankheit trotz behördlicher Aufklärungsmaßnahmen ist, davon konnten sich die Besucher bei einer Untersuchung überzeugen, an der Kinder einer Schule in Kinyasini teilnahmen.

Nun kann man sich wohl fragen: Was hat das alles mit unserer Welt zu tun, wo solche Krankheiten extrem selten oder längst ausgerottet sind? Zunächst sei es das Interesse, mehr zu erfahren, als es die klassischen Lehrbücher hergeben, erklärt Christa Kling. Reiseleiter Kay Schaefer geht noch weiter: Er hält solche klinisch orientierten Fortbildungen für „unentbehrlich“, weil auch deutsche Ärzte es immer häufiger mit Krankheiten zu tun bekommen, die sie bislang nicht kannten oder noch nie mit eigenen Augen gesehen haben. Sie können im touristischen Reisegepäck oder mit Zuwanderern aus anderen Teilen der Erde mitkommen, aber auch Folge des Klimawandels sein, erklärt der Wissenschaftler auf seiner Internetseite tropmedex.de.

Doch neben dem wertvollen fachlichen Input haben sie vor allem auch die Menschen beeindruckt, die sich mit großem Einsatz und einfachsten Mitteln für ihre Patientinnen und Patienten einsetzen, erzählt Christa Kling. Statistisch kommen auf einen Arzt in Tansania 50 000 Patienten. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt das Verhältnis eins zu 300. Sie erzählt vom „Flying Doctor“ Pat Patten, der seit mehr als 35 Jahren mit seiner kleinen Cessna Kranke und Unfallopfer aus abgelegensten Gegenden des Landes in die Kliniken fliegt. Außerdem habe der gebürtige US-Amerikaner eine Einrichtung für behinderte Kinder und Erwachsene aufgebaut, die in dem bitter armen Land sonst chancenlos wären, berichtet Christa Kling. Auch den Ärzten und Pflegern von Endulen mangele es an vielem – an medizinischen Geräten, an Hilfsmitteln, an Medikamenten und an modernem Komfort. An außergewöhnlichem Engagement mangele es ihnen nicht, weiß die Waller Apothekerin. „Viele haben auf guten Universitäten im Ausland studiert, wo sie sicher auch Arbeit gefunden hätten.“ Obwohl sie es sich anderswo viel leichter machen könnten, leben sie an diesem abgeschiedenen Ort für ihren Beruf und für die Menschen, die sie brauchen.

Wer gut erhaltene Brillen und Sonnenbrillen für Erwachsene und Kinder abgeben möchte, die für die Buschklinik Endulen gesammelt werden, kann das ab sofort bei Christa Kling in der Neptun-Apotheke, Elisabethstraße 41, tun. Das Team von Newport Optik ist an der ehrenamtlichen Aktion beteiligt. Die Augenoptiker aus der Überseestadt haben sich bereit erklärt, die gespendeten Sehhilfen zu prüfen und systematisch zu kennzeichnen.
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