Übersee-Museum zeigt Exponate aus Depot / Von 1,2 Millionen Objekten kommen fünf Prozent in die Ausstellung Schätze im Verborgenen

Das Übersee-Museum hat einen Fundus, der zum allergrößten Teil nicht zur Ausstellung gehört. Nur fünf Prozent der 1,2 Millionen Objekte können besichtigt werden. In der Reihe „Schatzkammer Übersee“ holt das Museum einige dieser Exponate ans Tageslicht. Zuletzt eine kunstvoll geschnitzte Pritsche von den Admiralitäts-Inseln in Papua-Neuguinea und demnächst einen Elefanten aus Afrika.
30.01.2014, 00:00
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Schätze im Verborgenen
Von Jürgen Hinrichs

Das Übersee-Museum hat einen Fundus, der zum allergrößten Teil nicht zur Ausstellung gehört. Nur fünf Prozent der 1,2 Millionen Objekte können besichtigt werden. In der Reihe „Schatzkammer Übersee“ holt das Museum einige dieser Exponate ans Tageslicht. Zuletzt eine kunstvoll geschnitzte Pritsche von den Admiralitäts-Inseln in Papua-Neuguinea und demnächst einen Elefanten aus Afrika.

Da liegt er, oder das, was von ihm übrig geblieben ist. Ein Haufen Haut, mehr nicht. Haut vom Elefanten, bretthart, grau und staubig. Irgendwer hat sie früher mal zusammengefaltet und in die Ecke verfrachtet. Wie ein alter, vergessener Teppich, der längst in den Müll gehört. Doch das geht natürlich nicht, nicht hier, im Übersee-Museum, wo Exponate lagern, die etwas über die Geschichte von Völkern und der Natur erzählen. In der Reihe „Schatzkammer Übersee“ wird in unregelmäßigen Abständen gezeigt und erläutert, was nicht zur Ausstellung gehört. Das nächste Mal ist es der Elefant.

Die Haut, ganz ehrlich, ist eine Enttäuschung. Doch erstens bleibt es nicht dabei, wie sich herausstellen wird, es finden sich später nämlich auch noch Schädel und Unterkiefer des Elefanten. Und zweitens gibt es Michael Stiller, den Mann, der weiß, wie genau es sich mit dem Tier verhält – wo es erlegt wurde, von wem und warum.

Stiller leitet im Museum die Abteilung Naturkunde. „Der Elefant ist etwas Besonderes“, sagt er. Nicht unbedingt das Tier selbst, auch wenn so ein Unterkiefer durchaus Eindruck macht. Es ist mehr die Art und Weise, wie etwas aus freier Wildbahn zum Sammlerstück in Deutschland wurde.

„Ganz selten, dass wir so einen Fall derart umfassend dokumentieren können“, sagt Stiller. Er zeigt Fotos von einer Expedition aus den 30er-Jahren. Ein Deutscher zusammen mit Einheimischen auf Safari in Afrika. Der Forscher hat es auf Zebras abgesehen, auf Leoparden, Kudus, Löwen und Nilpferde. Schließlich auch auf einen Elefanten, diesen einen, der heute mit Haut und Knochen im Museum ruht.

„Heute geht so etwas natürlich nicht mehr“, sagt Stiller. Schluss mit dem Gehabe von Kolonialherren und der Ausbeutung von Mensch und Natur. Expeditionen dieser Art, und wenn es 80 Jahre her ist, werden heute nur noch negativ gesehen. Den Wissenschaftler hält das freilich nicht davon ab, ein Lob auszusprechen: „Ich habe höchsten Respekt davor, ein Tier wie diesen Elefanten entsprechend herzurichten und von Afrika den langen Weg nach Deutschland zu schaffen.“

Ein riesiger Aufwand, und schon deshalb hütet das Museum auch diesen leicht vermoderten Schatz. Einmal, vor sechs Jahren, war er in große Gefahr geraten. Ein Rohrbruch hatte den Keller volllaufen lassen. Das Wasser leckte am Elefanten, konnte ihm letztlich aber nichts antun. „Generell gilt, dass wir alles im Lager möglichst kühl lagern müssen, sonst kommt der Museumskäfer“, erklärt Stiller.

Der Elefant und alles andere in den Katakomben des Museums machen den eigentlichen Bestand aus. Nur fünf Prozent der rund 1,2 Millionen Objekte der Sammlung sind in der Dauerausstellung zu sehen. Daher die Idee mit der „Schatzkammer“.

Vor zwei Monaten war es eine kunstvoll geschnitzte Holzpritsche von den Admiralitätsinseln. Längst liegt sie wieder im Depot und wird nun noch einmal hervorgeholt. Zweites Beispiel, was da alles schlummert, dieses Mal in der völkerkundlichen Sammlung.

Dorothea Deterts zieht Handschuhe an, bevor sie die Pritsche berührt. Das Holz verträgt keine direkte Berührung, schon gar nicht der Muschelkalk in den Ornamenten, ein Glück, dass er überhaupt noch da ist. „Schauen Sie“, sagt Deterts und hebt vorsichtig die Pritsche an, „für die Einkerbungen wurde viel mit Dreiecken gearbeitet, die sich zu Stern, Raute oder Kreuz zusammensetzen.“

Reines Schmuckwerk oder etwas mit Bedeutung? Deterts, die im Übersee-Museum als Ozeanistin arbeitet, hat keine Antwort, findet das aber nicht schlimm: „Man muss nicht jedes Dreieck runterbrechen“, sagt die 47-Jährige, „vielleicht war es einfach die Lust und Freude an der Ornamentik.“

Die Pritsche, schätzt Deterts, ist gut 100 Jahre alt. Sie ist nicht groß, eine für Kleine und eher zum Draufsitzen. Das Holz wird mit Steckverbindungen zusammengehalten. „Schrauben und Nägel gab es dort damals nicht.“

Wie das Stück ins Museum gelangt ist und durch welche Hände es vorher ging, weiß Deterts nicht. Dass es eine Pritsche von den Admiralitätsinseln ist, stehe aber außer Frage: „Das verrät der Stil.“ Die Ethnologin geht sogar so weit, sich auf eine bestimmte Insel festzulegen – auf Manus, die größte der Admiralitätsinseln. 100 Kilometer lang, 30 Kilometer breit.

Die Tragegriffe der Pritsche sind mit Figuren verziert. Mischwesen aus Krokodil und Mensch, die Rätsel aufgeben. Wird hier wer aufgefressen? Der Mensch vom Tier? Oder ganz anders? „Kann ja genauso gut sein, dass das Krokodil den Menschen ausspuckt“, sagt Deterts. Mythen auf Manus, die Hinweise geben könnten, hat sie keine gefunden.

Keine Antwort, ein Rätsel mal ungelöst – auch deshalb hat sich Deterts die Pritsche ausgesucht. „Ich wollte etwas offen lassen, zeigen, dass man nicht alles wissen muss.“

Die nächste Veranstaltung der Reihe findet am 22. März, 16 Uhr, im Übersee-Museum statt.

Eine Fotostrecke zu den verborgenen Schätzen im Überseemuseum finden Sie unter www.weser-kurier.de/freizeit

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