Benefizessen der Villa Ichon

Scharfe Kritik an Erdogan

Die kurdische Exilpolitikerin Leyla Imret und Knut Schakinnis, Chef des Theaterschiffes und des Packhaustheaters, waren die Redner des 38. Benefizessens der Villa Ichon.
06.12.2019, 22:43
Lesedauer: 3 Min
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Scharfe Kritik an Erdogan
Von Sigrid Schuer
Scharfe Kritik an Erdogan

Benefizessen der Villa Ichon mit (von links) Nicola Hübotter, Klaus Hübotter, Jasmina Heritani, Leyla Imret, Knut Schakinnis und Luise Scherf.

Karsten Klama

Nein, das habe er sich bis vor 15 Jahren nicht träumen lassen: einen Trump, einen Erdogan oder einen Orban an der Macht zu sehen. Für ihn, das Nachkriegskind, das in einer absolut gesicherten, demokratisch geprägten Zeit aufgewachsen ist, sei das undenkbar gewesen, sagt Knut Schakinnis. Der Chef des Theaterschiffes und des Packhaustheaters hielt am Freitagabend die Herrenrede beim 38. Benefizessen der Villa Ichon. Mehr als 100.000 Euro wurden für die Kultur- und Friedensarbeit der Villa gespendet. Die Damenrede hielt die exilierte, kurdische Kommunalpolitikerin Leyla Imret. Beide kritsierten den türkischen Staatspräsidenten scharf.

So monierte Schakinnis, dass Erdogan und Konsorten mit ihrem unglaublichen Gebaren die Welt in Angst und Schrecken versetzten. Er skizzierte Fluch und Segen des Internets: „Als das Netz aufkam, war ich fest überzeugt, dass dieses Medium, dank seiner vermeintlichen Unzensierbarkeit, einen erheblichen Anteil zum Erhalt und Ausbau einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft beitragen würde“. Das Gegenteil sei der Fall. Dennoch gebe es mit der weltweiten Fridays for Future-Bewegung nun doch einen virtuellen Silberstreif am Horizont, betonte er.

Greta Thunberg als Heldin

Denn Schakinnis' Heldin ist nach eigenen Angaben Klima-Aktivistin Greta Thunberg: Dass sich die 16-jährige Schwedin immer wieder „einer Hexenjagd und Verschwörungstheorien ausgesetzt“ sieht, bezeichnete er als geschmacklos. Schakinnis' Appell: Die Überbevölkerung müsse in allen Ländern der Erde gestoppt werden. Denn jeder Mensch verbrauche Energie. Wie Thunberg fordert er, dass dabei die Klimagerechtigkeit beachtet werden müsste. Anderenfalls sei die Welt nicht mehr zu retten.

Leyla Imret, die zweite Rednerin des Abends, stammt ursprünglich aus Cizre, einer kurdischen Stadt in Südostanatolien, die im türkischen Grenzgebiet zu Syrien und dem Irak liegt. Als sie knapp vier Jahre alt war, starb ihr Vater als Widerstandskämpfer der PKK in einem Gefecht. Zwischen 1996 und 2012 lebte sie bei Verwandten in Osterholz-Scharmbeck. 2013 kehrte die damals 26-Jährige in die Türkei zurück und wurde schon ein Jahr später mit einer Mehrheit von 83 Prozent zur Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt Cizre gewählt. 2015 wurde Imret von der AKP-Regierung abgesetzt und ein Strafverfahren gegen sie eröffnet. Nach mehreren vorübergehenden Festnahmen flüchtete sie 2016 in den Nordirak und von dort zurück nach Osterholz-Scharmbeck.

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Dort lebt die exilierte Politikerin heute im Asyl und studiert an der Uni Bremen Politikwissenschaft. Außerdem engagiert sie sich als Co-Vorsitzende der pro-kurdischen Partei HDP in Berlin. 2018 wurde sie von der Internationalen Liga für Menschenrechte mit der Carl-von-Ossietzki-Medaille ausgezeichnet.

Türkei in eine Diktatur umgeformt

Imret schilderte die Situation in der Türkei und im Grenzgebiet zu Syrien in der Villa Ichon als verheerend. Erdogan habe es geschafft, die Türkei zu einer waschechten Diktatur umzuformen, sagte sie. Nach dem gescheiterten Putschversuch von 2016 sei nahezu die gesamte Opposition inhaftiert worden. „Die Presse wurde weitgehend gleichgeschaltet, der Rechtsstaat ist so gut wie abgeschafft, außerdem wurden Wahlen manipuliert und all dies, ohne dass die Türkei dafür gravierende diplomatische Folgen befürchten müsste“, kritisierte Imret die „Erpressbarkeit der westlichen Staaten“.

Sie prangerte die „schweren Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen“ in Rojava, der demokratischen Förderation Nord- und Ostsyrien an. „Seinen erbitterten Kampf gegen das multiethnische Leben und die kurdische Selbstverwaltung in Rojava führt Erdogan gemeinsam mit seinen Brüdern im Geiste, den IS-nahen Djihadisten“, so Imret. Und sie bedankte sich: „Ich erinnere mich noch gerne daran, wie der Kreistag des Landkreises Osterholz meine Freilassung als Bürgermeisterin von Cizre und die Einhaltung der Menschenrechte forderte“. Ihr Fazit: „Wir kämpfen für demokratische Autonomie und Selbstverwaltung in einem konförderalistischen Staat, in dem alle Menschen unabhängig von ihrem ethnischen oder religiösen Hintergrund gleichgestellt sind“.

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