Arbeitskreis stellt im Beckedorfer Schmiedemuseum handgefertigte Messer aus

Schau für Scharfes

Schwanewede. Das kleinste Messer misst gerade einmal mal drei Zentimeter. Ein Damen-Trio bewundert den Winzling im Plastikröhrchen.
15.02.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gabriela Keller

Das kleinste Messer misst gerade einmal mal drei Zentimeter. Ein Damen-Trio bewundert den Winzling im Plastikröhrchen. Gar nicht mehr aus dem Staunen heraus kommen die drei Frauen, als Jens Krössig erklärt, woraus er den Griff gefertigt hat: „Er besteht aus einem Hasenzahn.“

Das Mini-Messer ist eine Spielerei. Nichts für den Hausgebrauch wie die anderen Messer auf den Tischen, um die sich an diesem Nachmittag vor allem männliche Besucher im kleinen Raum des Beckedorfer Schmiedemuseums drängen. Der Arbeitskreis der Messermacher aus Bremen und umzu stellt seine handgefertigten Werke zur Schau. Das „umzu“ im Namen ist dabei weit gefasst. Von Bremerhaven bis Westfalen und Hannover sind Teilnehmer angereist.

„Meines Wissens sind wir im nordwestdeutschen Raum der einzige Kreis“, sagt Jens Krössig. Der Referent für historisches Schmiedehandwerk im Förderverein des Schmiedemuseums hat die Messermacher-Zunft vor zwei Jahren zusammengeführt. 20 Teilnehmer zählt der Arbeitskreis inzwischen. In lockerer Folge trifft sich die Gruppe, um zu fachsimpeln und einander ihre Arbeiten vorzustellen. Normalerweise bleiben die Messermacher dabei unter sich. An diesem Nachmittag in Beckedorf ist das anders. In der Waldschmiede steht die Tür für jeden Interessierten offen.

Neun Messermacher haben im kleinen Museumsraum ihre Schätze ausgebreitet und beantworten bereitwillig Fragen zu ihrem Handwerk und ihren scharfen Werkzeugen. Heinz Schaumann aus Uetze bei Hannover fertigt seit 35 Jahren Messer. „Ich suchte damals zum Schnitzen eines Vorderladers ein gutes Messer.“ Handelsübliche Schneiden stellten ihn nicht zufrieden. Also fertigte er sich kurzerhand sein eigenes Werkzeug. „Früher schmiedete ich die Klingen selbst, heute kaufe ich Bandstahl und bearbeite ihn.“ Seine Messer benutzt er täglich, schneidet damit Brot oder Wurst. Eines trägt er immer bei sich. Auch heute. In der Lederscheide am Gürtel steckt eine Klinge aus Explosionsdamaststahl mit einem Griff aus Wüsten-Eisenholz.

„Damaststahl zu schmieden ist eine Herausforderung für einen Schmied“, weiß Norbert Krause aus eigener Erfahrung. „Unterschiedliches Stahlarten werden in mehreren Lagen bei sehr hohen Temperaturen auf dem Amboss feuerverschweißt“, erklärt der Vorsitzende des Beckedorfer Schmiedemuseum-Vereins. Anschließendes Ätzen mit Säure greift die Oberflächen der verschiedenen Stahlschichten unterschiedlich stark an. „Dadurch bekommt die Klinge eine besondere Musterung.“

Nichts für Anfänger, die in Kursen des Vereins die Kunst des Messerschmiedens erlernen können. Zehn Kurse mit rund 40 Teilnehmern waren es im vergangenen Jahr. „In diesem Jahr bieten wir acht Kurse an, die sind alle schon ausgebucht“, erzählt Krause. In Kleingruppen vermitteln er und andere Mitglieder zwei bis vier Teilnehmern an einem Wochenende das kleine Einmaleins der Messerherstellung, vom Schmieden, Schleifen und der Klinge bis zu Griffgestaltung und -montage.

Jörg Anke hat vor einer Woche sein erstes Messer in Beckedorf geschmiedet. „Damit schnitze ich jetzt Stöckchen für meinen Hund.“ Extra aus Hannover ist er zum Treffen der Messermacher angereist, um zu sehen, was die Profis aus Stahl fertigen. Die Klappmesser von Hermann Meyer interessieren ihn. „Die bestehen aus pulvermetallurgischem Stahl. Das Material hat eine sehr feine Körnung, damit lassen sich sehr feine und scharfe Schneiden fertigen“, erläutert der Fachmann. Neben Standard- und Klappmessern zeigt der Messermacher aus Lengerich in Westfalen schlanke, aus einem Stahlstück gefertigte Integralmesser. Die Klingen fertigt er in der alten Schmiede eines Landmaschinen-Museums. Aus ungewöhnlichem Holz gemacht ist der Griff einer Damastklinge: „Das ist amerikanische Eiche aus einem schottischen Whiskeyfass. Als ich das Holz durchbohrte, um die Klinge einzuschieben, konnte ich den Whiskey noch riechen.“

Messer mit Griffen aus Mammut-Elfenbein und Hirschhorn sind bei Jens Krössig zu finden. Der Messermacher experimentiert mit verschiedenen Hölzern. Für den Griff einer Stahlklinge hat er Büffelhorn, kunststoffdurchtränkten Torf und mit Kunstharz verpresste Heide verarbeitet. Das Ganze steckt in einer selbst gefertigten Scheide aus Rindsleder.

Nicht jeder ist seines Messers Schmied. Peter Sellerberg setzt seine Klappmesser aus gekauften Einzelteilen zusammen. „Mich interessieren vor allem die unterschiedlichen Klappmechanismen“, erzählt der Messermacher aus Hude. Besucher konnten sich von ihm die feinen Unterschiede zwischen einem „Back Lock“, einem „Liner Lock“ und einem „Slip Joint“ erläutern lassen. Zum Messermacher wurde der selbstständige Zahntechnikermeister durch seinen Sohn. „Der hatte bei den Pfadfindern ein Klappmesser gesehen. und wollte, dass ich ihm auch eines baue.“

Norbert Fährmann aus Bremen möbelt alte Küchenmesser auf. Den noch funktionstüchtigen Schneiden gibt er eine andere Form und peppt sie mit neuen Griffen auf. Auf die Idee kam er durch Messer, die er in einer Küchenschublade seines Großonkels fand. „Die Holzgriffe waren alle kaputt, da habe ich neue gedrechselt.“ Heute bearbeitet er den Vierkant direkt an der Klinge mit Raspel, Feile und Schleifpapier. „Den Griff kann ich so besser der Form der Klinge anpassen.“ Mit Leinöl und Bienenwachs wird das Holz gegen Feuchtigkeit imprägniert. Die alten Messer ersteigert er meist im Internet, auch auf Antik- und Flohmärkten wird er fündig. Für die Hölzer verwendet Fährmann, was ihm gerade in die Hände kommt: Fundsachen vom Wegesrand, Äste von gefällten Bäumen oder Rhododendron-Schnittreste aus dem Park. Seine Messer benutzt er auch selbst: „Für alle Küchenarbeiten, vom Gemüse- bis zum Fleischschneiden.“

Jens Krössig zeigt eines seiner handgefertigten Messer. In der Beckedorfer Schmiede bietet er mit anderen Mitgliedern des Museumsvereins auch Kurse in der Kunst des Messerschmiedens an.

GKE·FOTOS: GABRIELA KELLER

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