Geiselnahmeprozess am Bremer Landgericht Schweigen im Gerichtssaal, aber nicht am Telefon

Viel hängt im Geiselnahmeprozess an der Aussage des Hauptbelastungszeugen. Der schweigt zwar vor Gericht, war dafür aber an anderer Stelle überaus gesprächig.
08.05.2020, 05:00
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Schweigen im Gerichtssaal, aber nicht am Telefon
Von Ralf Michel

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, den Geschädigten unter Beteiligung weiterer Personen gegen dessen Willen festgehalten und wiederholt körperlich misshandelt zu haben.“

Gewohnt nüchtern kam sie daher, die auf der Anklageschrift beruhende Ankündigung des Prozesses, der am 12. April 2018 vor dem Landgericht begonnen hat. Dabei fehlt es nicht an schillernden Details in diesem Fall: Von schwerbewaffnetem Raubüberfall und Geiselnahme, über Morddrohungen und Scheinhinrichtung, bis hin zu abgehörten Telefonaten im Drogenmilieu und Zeugen, die mit viel Geld mundtot gemacht werden sollten. Dieser Fall hatte von Anfang das Potenzial zum Kinothriller. Und daran hat sich auch nach fast zwei Jahren und 93 Prozesstagen nichts geändert.

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Im April 2016 gab es in der Kirchhuchtinger Landstraße einen Raubüberfall auf eine türkische Teestube. Die Opfer schnappten sich daraufhin kurzerhand einen Mann, den sie verdächtigten, von dem Coup gewusst zu haben, um aus ihm die Namen der Täter herauszubekommen. Zimperlich ging es dabei nicht zur Sache. Drei Tage lang hätten die Täter den Mann entführt, bedroht und misshandelt, sagt die Staatsanwaltschaft. Mehrfach habe er sich hinknien müssen. Die Täter hätten ihm eine Pistole an den Kopf gehalten und damit gedroht, ihn zu erschießen.

Dass sie den Mann vergleichsweise intensiv „befragt“ haben, räumen die Angeklagten durchaus ein, bestreiten aber die Gewaltanwendung. Und von Entführung oder Geiselnahme könne schon mal gar keine Rede sein – der Mann sei freiwillig mitgegangen.

Zweifel an Glaubwürdigkeit

Problem für das Gericht an dieser Stelle: Die schweren Anschuldigungen gegen die vier Angeklagten beruhen im Wesentlichen auf den Aussagen des Opfers. Abgegeben bei der Vernehmung durch die Polizei. Vor Gericht erwies sich der Mann jedoch als äußerst schwieriger Zeuge. Lange Zeit war er abgetaucht, und als er dann schließlich doch auf dem Zeugenstuhl Platz nahm, verweigerte er die Aussage. Sein gutes Recht, schließlich läuft wegen des Raubüberfalls auch gegen ihn ein Verfahren und er muss sich nicht selbst belasten. Dazu kommen Verstrickungen in diverse Drogengeschäfte, kurzum: Ein Zeuge, der den Verteidigern die Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit auf einem silbernen Tablett serviert.

Am Ende dann aber eben doch ein sehr geschwätziger Zeuge. Nicht im Gerichtssaal, dafür aber am Telefon. Wie überhaupt Telefonüberwachungen eine entscheidende Rolle in diesem Verfahren übernehmen sollten, wobei nicht zuletzt auch Kommissar Zufall großen Anteil hatte. So versuchte die Staatsanwaltschaft Wien mittels Telefonüberwachungen, Rauschgiftschmuggel von Holland nach Österreich aufzudecken. Die Ermittlungen verliefen im Sande, als Beifang ging der Behörde aber das Opfer aus dem Bremer Geiselnahmeprozess ins Netz. Der plauderte in einem überwachten Gespräch mit seinem Bruder in der Türkei recht ausführlich darüber, was ihm während der Geiselnahme in Bremen widerfahren war.

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Eine weitere Telefonüberwachung, die dem Gericht eher zufällig für die Aufklärung des Falles in die Karten spielte, betraf Ermittlungen in einer Drogensache, mit der die vier Angeklagten nichts zu tun hatten. Dabei wurde das Telefon eines Freundes des Hauptangeklagten von der Bremer Polizei abgehört. In einem Gespräch der beiden ging es darum, wie man mehreren Zeugen beibringen könnte, was sie vor Gericht aussagen sollten. Tatsächlich schwiegen im Gerichtssaal zahlreiche Zeugen. Wenn sie denn überhaupt zum Termin erschienen.

Und schließlich waren da noch abgehörte Gespräche, die erklärten, warum der ursprünglich durchaus aussagewillige Hauptbelastungszeuge vor Gericht schwieg. Der hatte über einen Dritten von seinen mutmaßlichen Peinigern 250.000 Euro für sein Schweigen gefordert. Über die Höhe dieses Schweigegeldes wurde zwar noch gefeilscht, schließlich einigte man sich auf 150.000 Euro als „Wiedergutmachung“.

70.000 Euro für „die Wahrheit“

Über die Verwendung all dieser Telefonmitschnitte vor Gericht entbrannte jeweils ein Zähes Ringen zwischen Anwälten und Richtern. Was den Prozess ebenso in die Länge zog wie immer neue Befangenheitsanträge gegen die Richter. Letztlich räumten die Angeklagten die Zahlungen an den Hauptbelastungszeugen ein. Allerdings seien es lediglich 70.000 Euro gewesen. Und die seien nicht dafür gedacht gewesen, sich das Schweigen des Opfers zu kaufen. Im Gegenteil, er solle ja vor Gericht aussagen, aber „die Wahrheit“.

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