Schiedsrichter beim SC Borgfeld im Gespräch

„Jeder Spieler braucht eine bestimmte Ansprache“

Hendrik Duschner ist Fußball-Schiedsrichter beim SC Borgfeld. Er erzählt von seinen Anfängen als Unparteiischer, dem Unterschied zwischen Jugend- und Seniorenbereich und seinem bisher schlimmsten Erlebnis.
31.05.2020, 04:59
Lesedauer: 7 Min
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Von Mario Nagel
„Jeder Spieler braucht eine bestimmte Ansprache“

Seit mehr als zehn Jahren als Schiedsrichter tätig: Hendrik Duschner.

Christina Kuhaupt
Herr Duschner, wieso sind Sie Schiedsrichter geworden?

Hendrik Duschner: Das war eher ein Zufall. Ich habe in meiner Jugend aktiv beim SC Borgfeld gespielt, genauso wie mein Bruder. Als mein Bruder dann in der D-Jugend ein Spiel hatte, aber kein Schiedsrichter da war, hab‘ ich das gemacht.

Einfach so, obwohl Sie noch keinen Schiedsrichter-Schein hatten?

Genau. Ich hab nach den Regeln gepfiffen, die ich da so im Kopf hatte. Das hat mir gleich Spaß gemacht und als ich erfahren hab, dass man dafür auch ein kleines Taschengeld bekommt, hab ich 2009 mit 15 meinen ersten Schiedsrichter-Lehrgang besucht.

Und dann haben Sie für sich entschieden, dass Sie der Schiedsrichterei nicht nur aus Jux nachgehen wollen?

Ja. Als Schiedsrichter fängt man im unteren Jugendbereich an. Ich habe von Kollegen, die meine Spielleitung gesehen haben, immer ein gutes Feedback bekommen. Außerdem wurde mir vom Bremer Fußball-Verband eine gute Perspektive aufgezeigt. Deshalb hab‘ ich dann mit 17 entschieden, mich voll auf die Schiedsrichterei zu konzentrieren.

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Gab es vor dieser Entscheidung keine negativen Erfahrungen?

Nein, nur wenige. Im Jugendbereich sind es vor allem die Eltern, die Kritik üben oder die Entscheidungen mal hinterfragen. Aber ich hatte immer eine gute Unterstützung und ein gewisses Selbstbewusstsein.

Wie wichtig ist es, als Schiedsrichter selbstbewusst zu sein?

Man muss schon an seine Fähigkeiten glauben. Ich hatte zudem das Glück, dass meine Familie mich extrem unterstützt hat. Mein Vater hat mich am Anfang zu vielen Spielen gefahren, da ich ja noch kein Auto fahren durfte.

Und es hat geholfen, weil man nicht alleine vor Ort ist...

Ja, denn letztlich steht ein Schiedsrichter zwei Mannschaften plus den Trainern und den Zuschauern gegenüber. Da hilft es natürlich, wenn du am Spielfeldrand noch eine vertraute Person hast.

Sie haben 2009 mit der Schiedsrichterei begonnen, seit 2019 pfeifen Sie in der Herren-Regionalliga. Das ist eine ziemlich steile Karriere...

Das stimmt. Ab 2013 wurde ich bereits in der Herren-Bezirksliga eingesetzt, ab 2014 dann in der Landes- und ab 2015 in der Bremen-Liga. Seit 2016 und 2017 werde ich auch in der B- und A-Junioren Bundesliga eingesetzt. Ich empfinde das als große Wertschätzung und bin da gewissermaßen stolz drauf.

Wollen Sie irgendwann mal in der Bundesliga pfeifen?

Jeder will so hoch wie möglich kommen, aber ich weiß auch, was ich schon erreicht habe. Ich pfeife jetzt in der vierten Liga, ab hier werden lediglich 0,8 Prozent aller Schiedsrichter eingesetzt. Man muss sich den Weg in die Bundesliga wie eine Pyramide vorstellen, oben wird es immer enger. Das Streben ist da, aber ich denke, ich habe ein gutes Selbstbewusstsein und gleichzeitig die nötige Bescheidenheit.

Gibt es eine Rangliste, nach der entschieden wird, welche Schiedsrichter in der Pyramide aufrücken?

Ja, gewissermaßen. Es gibt Schiedsrichter-Beobachter, die deine Spielleitung mit einer Note beurteilen. Da gibt es verschiedene Kriterien. Zum Beispiel wird geschaut, wie ein Schiedsrichter in kritischen Situationen reagiert.

Und wenn Sie eine gute Note erhalten, werden Sie dem nächsthöheren Verband empfohlen?

Genau. In meinem Fall gibt der Norddeutsche Fußballverband anhand der Noten seine Vorschläge an den Deutschen Fußball-Bund weiter, der für die dritte Liga zuständig ist.

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Steigt bei Ihnen dann die Nervosität vor einem Spiel, wenn Sie in der Woche zuvor eine Fehlentscheidung getroffen und deshalb eine schlechte Note erhalten haben?

Nein. Eine gewisse Anspannung hat jeder, aber ich bin nicht nervös. Die Note aus dem letzten Spiel darf man nicht im Kopf mitnehmen, das ist auch nicht der Sinn einer Benotung. Ich versuche eher, die positiven und negativen Dinge aus einer Beurteilung mitzunehmen und sie beim nächsten Mal umzusetzen.

Sie haben lange im Jugendbereich gepfiffen und leiten nun Spiele im Seniorenbereich – gibt es da Unterschiede?

Im Seniorenbereich haben die Spieler alle eine eigene Persönlichkeit, im Jugendbereich ist die noch nicht so ausgebildet. Einige Senioren merken sofort, wenn man als Schiedsrichter in einer Entscheidung mal unsicher ist und versuchen schneller, dich da zu beeinflussen. Die Junioren merken diese Unsicherheit eher nicht, da liegt der Fokus meistens voll auf dem Fußball.

Sind die Spieler im Seniorenbereich deshalb schwieriger im Umgang?

Sie sind nicht schwieriger im Umgang, aber als Schiedsrichter habe ich es dann mit 22 verschiedenen Persönlichkeiten zu tun. Jeder Spieler braucht eine bestimmte Ansprache, die ich auch in Stresssituationen schnell finden muss. In den Schiedsrichter-Lehrgängen lernen wir deshalb, wie wir mit unterschiedlichen Spielertypen umgehen können.

Die meisten Spielertypen haben also Merkmale, an denen Sie genau erkennen können, wie Sie den jeweiligen Spieler ansprechen müssen?

Genau. So wie die Spieler versuchen, den Schiedsrichter zu beeinflussen, können wir die Spieler ebenfalls beeinflussen. Auf dem Platz sind nur wenige der 22 Spieler exakt der gleiche Spielertyp, die Ausprägung ist ja unterschiedlich. Es ist deshalb eine Herausforderung, auch bei strittigen Entscheidung mit jedem Typ klar zu kommen, wenn plötzlich fünf Spieler auf dich zu stürmen.

Denken Sie vor einem Spiel manchmal, wenn Sie beim letzten Mal eine schlechte Erfahrung mit einem Spieler gemacht haben: „Oh, nicht der schon wieder“?

Nein. Wir Schiedsrichter versuchen eher, unsere Kommunikation zu verändern. Wenn es beim letzten Mal ein Problem gab, versuche ich meine Ansprache an den Spieler zu ändern. In der Hoffnung, dass der Spieler das merkt und wir die Situation lösen können. Wir Schiedsrichter versuchen nicht, gegen die Spieler zu arbeiten.

Nach dem Spiel wird oft über den Schiedsrichter diskutiert. „Der hat Tomaten auf den Augen“ ist noch eine der harmloseren Aussagen. Gibt es solche Unterhaltungen auch unter den Schiedsrichtern, die über schwierige Spieler sprechen?

Ich bilde mit zwei Kollegen ein Gespann, auf der Rückfahrt von einem Spiel tauschen wir uns natürlich aus. Wir haben auch eine Schiedsrichter-Gemeinschaft in Bremen, wo wir zusammen trainieren oder mal Fußball spielen. Da spricht man über Spiele oder einzelne Situationen. Aber wir rutschen da nie ins Extreme ab, selbst wenn wir nur untereinander sprechen. Wir bleiben immer respektvoll, denn wir wollen von den Spielern ja genauso respektiert werden.

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Egal welche Entscheidung ein Schiedsrichter trifft, irgendjemand sieht sich immer im Nachteil. Ist der Schiedsrichter deshalb die ärmste Sau?

Nein, auf keinen Fall. Ein Schiedsrichter kann nicht einhundert Prozent der Entscheidungen richtig treffen. Wichtig ist nur, dass man die Schwarz-Weiß-Situationen richtig beurteilt. Ob es ein Tor, ein Elfmeter oder eine Rote Karte war. Aber bei allen anderen Entscheidungen wird es immer einen Graubereich geben. Der macht den Fußball auch irgendwie aus, ansonsten würde es ja keine Diskussionen am Stammtisch oder sonntags den Doppelpass geben.

Hoffen Sie deshalb manchmal darauf, dass ein Spiel mit einem klaren 10:0-Sieg endet, damit der Schiedsrichter nicht im Fokus steht?

Nein, denn selbst bei einem 0:10 gibt es bestimmt ein Tor, dass nach Meinung der unterlegenen Mannschaft nicht hätte zählen dürfen. Ein Spiel mit einem klaren Ergebnis kann aber genauso entspannt sein wie ein 0:0.

In den letzten Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, Schiedsrichter würden immer häufiger beleidigt und körperlich angegangen werden. Was war bislang Ihr schlimmstes Erlebnis als Schiedsrichter?

Ich möchte gar nicht über negative Dinge sprechen. Die positiven Erlebnisse machen die Schiedsrichterei aus. Zudem habe ich viel mehr positive als negative Erlebnisse gehabt.

Zum Beispiel?

Wenn nach dem Spiel beide Teams, also auch die Spieler der unterlegenen Mannschaft, zu mir kommen und mich für meine gute Spielleitung loben, dann ist das ein positives Erlebnis. Dazu erlebt man als Schiedsrichter viele Highlights, wenn man besondere Spielen leiten oder an der Seitenlinie stehen darf.

Welche Spiele sind für Sie ein Highlight gewesen?

Ich stand in der Winterpause als Assistent beim Testspiel zwischen dem Hamburger SV und dem FC Schalke 04 an der Seitenlinie, da waren über 10 000 Zuschauer im Stadion. Im Februar habe ich das Regionalliga-Derby zwischen dem VfB Lübeck und Holstein Kiel II gepfiffen, da waren 2700 Zuschauer da. Das sind ganz besondere Spiele für mich.

Meistens wird nur von den negativen Erlebnissen berichtet. Führt das dazu, dass viele potenzielle Schiedsrichter aus Angst Abstand von der Schiedsrichterei nehmen?

Das kann natürlich ein Grund sein. Ich glaube aber, dass es keine Angst, sondern eher der Respekt vor der Aufgabe ist. Bei meinem Bewerbungsgespräch waren zum Beispiel alle erstaunt, dass ich als Schiedsrichter tätig bin. Das wurde sehr positiv aufgenommen, weil es ja auch zeigt, das ich mich durchsetzen kann und selbstbewusst bin. Das ist in meinem Beruf wichtig, da hat mir die Schiedsrichterei also sehr geholfen.

Das Gespräch führte Mario Nagel.

Info

Zur Person

Hendrik Duschner (26) ist seit 2009 als Fußball-Schiedsrichter für den SC Borgfeld tätig. Der angestellte Betriebsführer für Windkraftenergie ist als Bindeglied zwischen der Technik und den Investoren für die Kommunikation zuständig. Auch in der Schiedsrichterei ist sein Vermittlungsgeschick gefragt. Seit 2019 leitet er Spiele in der Herren-Regionalliga Nord, dazu ist er auch in der A- und B-Junioren Bundesliga an der Pfeife.

Info

Zur Sache

Schiedsrichter-Lehrgänge sind ausgebucht

Rund 500 Schiedsrichter, etwa 30 davon weiblich, pfeifen derzeit im Bremer Fußball-Verband (BFV). Die Zahl könne seit Jahren ungefähr gehalten werden, sagt Torsten Rischbode, Vorsitzender des Verbandsschiedsrichterausschusses des BFV. An Nachwuchs mangelt es aber nicht. „Die Nachfrage ist da, unsere Lehrgänge sind immer ausgebucht“, sagt Rischbode.

Die rund 60 Schiedsrichter, die jedes Jahr ihre Prüfung bestehen, würden aber nur aufgerissene Lücken füllen. „80 Prozent der Teilnehmer sind zwischen 14 und 17 Jahren alt. Viele Nachwuchsschiedsrichter verlassen uns, weil sie wegen ihrer Ausbildung oder ihrem Studium woanders hingehen“, sagt Torsten Rischbode. Das sei natürlich verständlich, doch die Anzahl der Schiedsrichter würde so stagnieren. „Im Vergleich zu den anderen Landesverbänden sind wir in Bremen aber gut aufgestellt.“

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