Nautiker der Hochschule öffnen Simulator für Besucher / Bewährungsprobe für alle Verkehrs- und Wetterlagen

Schiffsmanöver auf dem Trockenen

Zwei Container-Frachter schippern ohne Kapitän an Bord auf der Weser. Was in der Realität ein unkalkulierbares Risiko wäre, kann im Schiffs-Simulator der Hochschule Bremen ausprobiert werden. Hans Pleister und Willi Wittig vom Studiengang Nautik Leihen führen Besucher in die Welt ihres Simulators ein.
14.02.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Schiffsmanöver auf dem Trockenen
Von Jörn Hüttmann

Zwei Container-Frachter schippern ohne Kapitän an Bord auf der Weser. Was in der Realität ein unkalkulierbares Risiko wäre, kann im Schiffs-Simulator der Hochschule Bremen ausprobiert werden. Hans Pleister und Willi Wittig vom Studiengang Nautik Leihen führen Besucher in die Welt ihres Simulators ein.

Neustadt. Hans Pleister steht im spärlichen Licht der Armaturen auf der Brücke des Schiffs-Simulators an der Hochschule Bremen. Drei Monitore und einige rote Digitalanzeigen, mehr Lichtquellen gibt es nicht. Dahinter verbergen sich unter anderem Radar, GPS-Ortungssystem und Geschwindigkeitsanzeige, erklärt er. Es ist nicht das erste Mal, dass der gelernte Schiffsmechaniker die Technik erklärt, die hinter den Fenstern der Brücke die Silhouette des Neustädter Hafens an die Wand wirft.

Am vergangenen Freitag waren rund 20 Besucher der Veranstaltungsreihe "Nacht in Bremen" bei Hans Pleister und Nautik-Professor Willi Wittig auf der Werderinsel zu Gast. Eingeladen hatten die Katholische Hochschulgemeinde und die ebenfalls von der Katholischen Kirche getragenen Jugendbüros aus Bremen und Twistringen.

"Wir organisieren jeden Monat eine Veranstaltung", sagt Christoph Lubberich von der katholischen Hochschulgemeinde. "Immer am achten um acht Uhr." Die Termine seien ein offenes Angebot. "Der Glaube spielt mal mehr, mal weniger eine Rolle." So haben Glauben und Simulator höchstens eine Gemeinsamkeit, sagt Lubberich: "Beide sind etwas abstrakt."

Alle Szenarien sind möglich

Auf der älteren der zwei Brücken des Schiffs-Simulators steuern zehn der Besucher ein 190 Meter langes Containerschiff. Nach Pleisters Erklärung besetzen sie Radar, Steuerstand und Funkgerät. Ihr Schiff haben sie auf den Namen "Titanic" getauft. Mit 3,5 Knoten fahren sie in Richtung Stahlwerke, ins Fahrwasser der Weser. "Ihr Ziel ist Bremerhaven", erklärt Pleister. Der Rest der Gruppe habe bereits mit der "Costa Concordia" in Bremerhaven losgemacht und fahre flussaufwärts.

Vom Kontrollraum aus koordinieren Hans Pleister und Willi Wittig die virtuelle Umgebung, die die Schiffsbesatzungen von ihren Brücken aus sehen. "Wir steuern, welche Schiffe sonst noch auf der Weser unterwegs sind", sagt Pleister. Die Palette an möglichen Gefährten ist immens groß. Von kleinen Sportbooten, über Schlepper und große Container-Schiffe bis hin zu Flugzeugen und Hubschraubern ist alles möglich.

Es gibt jedoch auch ungewöhnlichere Gefährte im Angebot: "Wir haben Bekanntschaft mit einem Wikinger-Schiff gemacht", sagt Nina Lubberich vom katholischen Jugendbüro aus Twistringen, die auf der "Titanic" Bremen verlassen hat. Kurz darauf meldet die Besatzung der "Costa Concordia" Sichtkontakt zu einem Untersee-Boot.

"Auf der Weser ist das natürlich selten", gesteht Willi Wittig, der über zehn Jahre zur See gefahren ist. "Aber wenn Sie beispielsweise vor Kiel unterwegs sind, können Sie durchaus auf U-Boote treffen." Mit dem Simulator können alle Szenarien dargestellt werden, die für die Ausbildung von Nautikern wichtig sind, sagt Hans Pleister.

Im Normalbetrieb werden die beiden Brücken von Studierenden der Hochschule genutzt. Eine komplette Woche müssen sie laut Studienordnung im Simulator verbringen. "In Echtzeit von morgens bis abends", sagt Pleister. "Das ist eigentlich viel zu wenig." Aber die vorgeschriebene Praxiszeit, von insgesamt zwölf Monaten auf See, gleiche dieses Manko aus. Mit ein paar Maus-Klicks auf der Übersichtkarte des Simulatorprogramms verdunkelt Pleister den Himmel über der "Titanic".

Die Besatzung findet sich plötzlich in einem kräftigen Gewitter wieder. Die Sicht ist gleich null. Sie müssen sich ganz auf das Radar und das GPS-gestützte Navigationssystem verlassen. Mit mäßigem Erfolg: "Bremerhaven für die Titanic", tönt Willi Wittigs Stimme aus den Lautsprechern der Brücke. "Titanic hört", lautet die Antwort. "Auf dem Monitor sieht es so aus, als ob ihr ziemlich quer auf der Weser steht." Das Gegenmanöver sei schon eingeleitet, meldet die "Titanic". Derweil bricht im anderen Simulator Gelächter aus. Wie in der Seefahrt üblich, hat die Crew der "Costa Concordia" mitgehört.

Was für die Besuchergruppe wie Spielerei wirke, sei für Nautiker ungeheuer wichtig, unterstreicht Hans Pleister. "Vor allem Lotsen üben bei uns." Sie müssten genau wissen, ab welchen Wetterverhältnissen die Weser nicht mehr zu passieren ist. "Deshalb testen sie im Simulator die Grenzen des Machbaren."

In der Wirklichkeit könne sich das niemand erlauben. "Das wäre viel zu teuer."

Weitere Informationen zur Veranstaltungsreihe "Nacht in Bremen" gibt es im Interent unter www.nachtinbremen.de.

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