Hochschule Bremen: Wo Nautiker und Lotsen ausgebildet werden, dürfen auch Besucher ans Ruder

Schiffsmanöver im vierten Stock

Rund 30 Personen nutzten am Wochenende die Gelegenheit, kostenlos den Schiffssimulator der Hochschule Bremen zu besichtigen. Auch ohne echten Seegang wurde den Besuchern auf der Übungsbrücke eines Containerschiffes mit 110 Metern Länge am Institut für maritime Simulation leicht schwindelig. Wer dieses Gefühl ebenfalls erleben möchte, hat am 20. April noch einmal Gelegenheit, den
11.04.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Katharina Hirsch

Rund 30 Personen nutzten am Wochenende die Gelegenheit, kostenlos den Schiffssimulator der Hochschule Bremen zu besichtigen. Auch ohne echten Seegang wurde den Besuchern auf der Übungsbrücke eines Containerschiffes mit 110 Metern Länge am Institut für maritime Simulation leicht schwindelig. Wer dieses Gefühl ebenfalls erleben möchte, hat am 20. April noch einmal Gelegenheit, den

Alte Neustadt. Kaum hat das Simulationsprogramm im Institut für maritime Simulation (IfmS) die virtuelle Fahrt die Weser hinauf aufgenommen, gibt es erstaunte Laute zu hören, denn es fühlt sich so an, als bewege sich das nicht vorhandene Schiff. Und das liegt nicht an dem erst 15 Jahre alten Moritz Jank, der den angeblich 110 Meter langen Containerfrachter nur auf der Übungsbrücke des Schiffssimulators im vierten Stock der Hochschule Bremen in der Werderstraße steuert. An dem Sonnabend haben Interessierte auf Einladung der Senatorin für Bildung und Wissenschaft und des Institutes für Seeverkehrswirtschaft und Logistik von der Universität Gelegenheit, ihre seemännische und technische Neugierde zu befriedigen.

Im Alltag werden am Institut Nautik-Studenten und Lotsen-Anwärter ausgebildet. Vielleicht wird Moritz eines Tages dort wieder am Ruder stehen. Dieses Mal will er sich einen Eindruck verschaffen, denn er möchte Schiffsmechaniker werden. Der zehnjährige Erik aus Horn-Lehe und sein Vater wollen aus Neugierde auf die Technik an Bord an der simulierten Fahrt teilnehmen, und Günter Geißler aus Woltmershausen freut sich, endlich mal auf einer Brücke zu stehen. In den 60er-Jahren ist er selbst zur See gefahren, aber sein Arbeitsplatz war unter Deck.

"Welche Strecken haben Sie denn hier so?", will er in Erinnerung an seine eigenen Reisen von Tim Dentler vom Institut für maritime Simulation wissen. "Theoretisch können wir alle Gebiete der Welt abbilden", bekommt Geißler zur Antwort, allerdings der New Yorker Hafenbereich sei bisher nicht "gebaut" worden. Er sei noch nicht zu Übungszwecken benötigt worden, und bei einem Entwicklungsaufwand von etwa einem Jahr für eine computerprogrammierte Umgebung müssten sich die Mitarbeiter vom IfmS auf die angefragten Gebiete konzentrieren. Aber unter den über 80 verschiedenen Simulationen stünden alle deutschen Seegebiete bereit. Bei den deutschen Flüssen sei die Hunte vor Kurzem hinzugekommen. "Sie ist zwar nur für kleinere Schiffe bis etwa 85 Metern Länge befahrbar, aber da ist immer was los. Das ist ein sehr kurviger Fluss und es gibt einigen Gegenverkehr", erklärt Dentler.

Die Weser hingegen ist recht einfach zu befahren. So scheint es zumindest am Anfang. Der von neun Beamern in einem Sichtfeld von 270 Grad an die Raumwand projizierte Himmel ist blau. Nicht nur der Flussverlauf ist präzise wiedergegeben, auch die detailgenaue Landschaft rechts und links verstärkt den Eindruck einer echten Weserfahrt. "Viele Nautikschüler orientieren sich sowohl hier wie draußen an ganz bestimmten Gebäuden oder Bäumen, da muss schon alles stimmen", erfahren die Besucher von Tim Dentler.

Nebelschwaden behindern die Sicht

Moritz fährt währenddessen bedacht und sicher in der Mitte der Fahrrinne. Doch später, nachdem der Junge aus Stuhr das Ruder bereits in die Hände von Autofahrern abgegeben hat, kommt dicker Nebel auf. Plötzlich wird das Radargerät wichtig, denn weiter auf Sicht zu fahren, ist unmöglich. Die anfänglich nur leichten Kurskorrekturen können durch die Reaktionsverzögerung des Containerschiffs nicht verhindern, dass das Schiff am Ufer landet. Da lobt die "Besatzung" doch die Eigenschaft des Simulationsprogrammes, das Schiff nach der Kollision einfach wieder kursgenau in die Flussmitte zu setzen. "Es ist ganz etwas anderes, als Auto zu fahren", sind sich die Erwachsenen einig, und Christiane Off-Heinrich vom Stadtwerder stößt trotz Segler-Erfahrung an ihre Manövriergrenzen.

Einen direkten beruflichen Gewinn aus diesem Nachmittag zieht Basti Smidt aus Findorff: Er arbeitet bei einer Reederei im kaufmännischen Bereich. Für ihn bedeutet der Simulatorbesuch die Gelegenheit, eine bessere Vorstellung von der Arbeit derer zu bekommen, die auf der anderen Seite tätig sind. "Dafür bin ich auch schon mal einen Tag auf dem Nord-Ostsee-Kanal mitgefahren", erzählt er.

Gegen Ende der Simulation geht es noch hinaus aufs offene Meer. Die Brückenmannschaft befindet sich nun auf einem großen Kreuzfahrtschiff, sogar das Schwesterschiff der zweiten Brücke taucht im Programm auf. Die Wasseroberfläche ist anfangs ruhig, doch dann nimmt der Seegang zu. Spätestens jetzt bemerken alle auf der Brücke, wie stark viele auf diese unwirkliche Bewegung reagiert. Es gibt sogar instinktive Gegenbewegungen zum seitlichen Rollen und Vorwärts- und Rückwärtsstampfen der an die Wand geworfenen Wasserbewegungen. Als schließlich auch noch ein großes Containerschiff direkt auf den Kreuzfahrer zufährt und es zum großen Knall kommt, halten die Teilnehmer die Luft an.

Der Schiffssimulator der Hochschule Bremen im Institut für maritime Simulation (IfmS), Werderstraße 73, lädt die Öffentlichkeit am Sonnabend, 20. April, noch einmal von 11 bis 13 Uhr ein. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung unter Telefon 0177/ 7524593 wird gebeten. Der Schiffssimulator kann auch von Privat-Personen und -Gruppen gebucht werden. Die Stunde kostet 230 Euro. Weitere Informationen gibt es unter www.ifms.hs-bremen.de oder bei Anfragen per E-Mail an tim.dentler@hs-bremen.de.

Die Ausstellung "Einfach Wissenswert: Logistik Bremen/Bremerhaven" vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik ist noch bis zum 25. Mai im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5, montags bis freitags von 10 bis 19 Uhr und sonnabends von 10 bis 14 Uhr zu sehen.

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