Versuchter Totschlag

Schläge gegen Kopf des wehrlosen Opfers

Vor dem Landgericht hat am Mittwoch ein Prozess wegen versuchten Totschlags gegen einen 42-Jährigen begonnen. Im Publikum verfolgte seine Mutter fassungslos die Anklageverlesung gegen ihren Sohn.
25.07.2018, 17:03
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Schläge gegen Kopf des wehrlosen Opfers
Von Ralf Michel

Es ist wieder einer dieser Prozesse, die es in jüngster Zeit häufiger gibt am Bremer Landgericht: Ein Mann soll einem anderen mit unglaublicher Brutalität schwere Verletzungen zugefügt haben. Diesmal geht es nicht um Tritte, sondern um Schläge gegen den Kopf. Die aber fielen aus Sicht der Staatsanwaltschaft so heftig aus, dass der Täter den Tod seines Opfers zumindest billigend in Kauf genommen haben soll.

Weshalb die Anklage nicht gefährliche Körperverletzung lautet, sondern versuchter Totschlag. Der Prozessauftakt am Mittwochmorgen beginnt, wie meist am Landgericht, mit gehöriger Verspätung. Schuld ist in diesem Fall der psychologische Sachverständige. Der sitzt noch im Zug, teilt er telefonisch mit. Eine halbe Stunde wird es wohl noch dauern.

Nicht gut für die einzige Zuschauerin in den Besucherreihen von Saal 231, in dem das Schwurgericht tagt. Die Frau ist die Mutter des Angeklagten und ohnehin schon aufgeregt. Es geht ihr nicht gut, man merkt, wie sehr ihr das Ganze zu schaffen macht. Warum es denn jetzt nicht endlich losgeht, erkundigt sie sich bei der Protokollführerin. Noch hat die Nachricht von der Verspätung des Sachverständigen nicht die Runde gemacht.

Verbaler Streit eskaliert

Die Frau geht zurück zur Zuschauerbank, setzt sich, steht dann aber sofort wieder auf. Wenn schon warten, dann lieber stehend. Später wird sie fragen, ob sie ihren Sohn kurz umarmen darf. Der 42-Jährige befindet sich seit mehreren Monaten in Untersuchungshaft. Als er schließlich auf der Anklagebank sitzt, erlauben die Wachleute einen kurzen Kontakt zwischen Mutter und Sohn.

Es wird keine richtige Umarmung, aber immerhin eine kurze Berührung, begleitet von ein paar Worten. Dann geht sie Kopf schüttelnd zurück zu den Sitzreihen für Besucher. Fassungslos über die Tat, die ihr Sohn begangen haben soll. Am 26. Januar dieses Jahres habe er versucht, einen Mann zu töten, heißt es in der Anklageschrift.

Demnach gab es gegen 16.30 Uhr an einer Bushaltestelle unweit des Roland-Centers in Huchting zunächst einen verbalen Streit zwischen dem 42-Jährigen und seinem Opfer. Dann habe der Angeklagte dem anderen einen derart heftigen Faustschlag ins Gesicht versetzt, dass dieser erst rückwärts gegen einen Pfeiler stieß, dann zu Boden ging und dabei mit dem Kopf aufprallte.

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Schon zu diesem Zeitpunkt sei das Opfer stark benommen gewesen, eventuell auch schon bewusstlos, in jedem Fall aber wehrlos, sagt die Staatsanwältin. Trotzdem habe der Angeklagte den am Boden liegenden und bereits stark blutenden Mann weiter mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Zudem soll er den Kopf des Geschädigten mehrfach an den Haaren hochgezogen und dann auf den Steinboden geschlagen haben.

Nur aufgrund des beherzten Eingreifens mehrere Zeugen habe er von seinem Opfer abgelassen. Und selbst denen sei es nur mit erheblichem Aufwand gelungen, den 42-Jährigen von den am Boden liegenden Mann herunterzuziehen. Das Opfer erlitt durch die Attacke eine stark blutende Risswunde im Bereich der Stirn, ein blaues Auge und eine Gehirnerschütterung.

Angeklagter bleibt in Untersuchungshaft

Der Mann wurde im Krankenhaus behandelt, entließ sich dann allerdings laut Staatsanwaltschaft umgehend selbst aus der Klinik. Mit der Verlesung der Anklageschrift endet der Prozess am Mittwoch nach gerade zehnminütiger Verhandlungsdauer. Der Anwalt des 42-Jährigen kündigt an, dass sich sein Mandant zu den Vorwürfen äußern werde. Aber nicht heute, sondern erst am zweiten Prozesstag, der am Dienstag, 7. August, um 12 Uhr in Saal 231 beginnt.

Der Angeklagte bleibt in Untersuchungshaft, er wird aus dem Gerichtssaal geführt. Und noch einmal erfüllen die Wachleute einen Wunsch der Mutter. Sie würde gerne ein Foto von ihrem Sohn machen. Für seinen Vater, der krank ist und deshalb nicht zur Verhandlung kommen kann. Im Flur bleibt der 42-Jährige kurz stehen, dreht sich zum Smartphone seiner Mutter. "Grüß ihn von mir", sagt er. Dann wird er in Handschellen abgeführt.

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