Wohnungslose in Bremen Schlaflager unter der Bundesstraße

Bremen. Vier Obdachlose haben ihr Lager unter der Bundesstraße 6 aufgeschlagen. Andere Standorte empfinden sie als weniger sicher, und Wohnungen sind für sie kaum zu bekommen. So ertragen sie Lärm und Abgase- jeden Tag.
05.01.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Engelken

Bremen. Schicksalsschläge brachten sie an den Rand der Gesellschaft. Vier Obdachlose haben ihr Lager unter der Bundesstraße 6 - und kaum Perspektiven. Andere Standorte empfinden sie als weniger sicher, und Wohnungen sind für sie kaum zu bekommen. So ertragen sie Lärm und Abgase des Stadtverkehrs rund um ihre "Platte".

Wenige Meter von den Straßen entfernt, führt eine kleine Treppe neben der mit Graffiti verzierten Betonwand hinab. Hier am Nordwestknoten, unter der Bundesstraße 6, haben Niko* (31 Jahre alt) und Sascha* (34) zusammen mit Sebastian* (38) seit gut einem Jahr ihr Schlaflager - "Platte machen", wie es im Obdachlosenjargon heißt. Aus Mitleid holten sie später den 71-jährigen Reinhard* hinzu, der zuvor im Bürgerpark übernachtet hatte. "Der wird sonst von falschen Freunden abgefüllt und hinterher ausgenommen. Allein kann er sich doch nicht wehren", sagen sie.

Bäume und Sträucher verhindern den Blick von der oberen Straße in ihr Lager. Auf der anderen Seite, vielleicht 15 Meter weiter, aber nur einen großen Bordstein tiefer, führt noch eine Straße vorbei. Der Verkehr fließt vom Schlaflager weg, sodass es auch aus diesem Blickwinkel kaum auffällt. Zusammengeschusterte Seitenwände aus Matratzen, Plastikplanen, Holzplatten und Wolldecken halten den Wind ein wenig ab, jedoch nicht den Lärm. Und den verursachen hier im Tagesdurchschnitt über 26000 Fahrzeuge. Von der Decke, der B6, tropft es ein wenig. Das macht die Matratzen, Schlafsäcke und Wolldecken klamm, die zwischen der Betonwand und den Seitenwänden auf rund 40 Quadratmetern verteilt sind.

Trotzdem wollen die Obdachlosen lieber hier schlafen als in Parks oder Notunterkünften. In einem Park werden ihre Sachen bei Regen nicht nur klamm, sondern nass. Und die Männer wähnen sich dort auf dem Präsentierteller, finden es gefährlicher. "Da werden Leute angepinkelt oder sogar mit Benzin übergossen", erzählen sie. Auch die Notunterkünfte sind für die vier Männer keine Alternative, "weil man die Zimmer nicht abschließen kann und schon mal beklaut wird".

Da fühlen sie sich in ihrem schwer zugänglichen Lager sicherer. Und in Nikos und Saschas Fall auch heimischer, weil sie früher in der Nähe wohnten. Behörden, Ärzte und Bahnhof sind fußläufig erreichbar. Auch das Jakobushaus, wo der Verein für Innere Mission den Wohnungslosen unter anderem mit einem Tagestreff hilft.

Momentan sieht es auf der Platte chaotisch aus. Die Feiertage haben ihre Spuren hinterlassen. "Wir müssen mal wieder aufräumen", sind sich Niko und Sascha einig. An der Betonwand steht ein kleiner Rattan-Tisch. Darauf ein Radio, Ketchup-Flaschen, Schokoladenkekse, Bücher, Dosen und Kleidungsstücke. Zahlreiche Tüten und Getränkeflaschen liegen zwischen den Schlafplätzen. An dem Wall Richtung obere Straße wächst ein Müllberg.

Die Alltagsroutine hat zwischenzeitlich einen Riss bekommen. Niko und Sascha, beide Teilnehmer eines Substitutionsprogramms für Drogenabhängige, haben kürzlich ihren Termin zur Vergabe des Heroin-Ersatzstoffes Polamidon versäumt. Aus Angst vor den teilweise bereits einsetzenden Entzugserscheinungen schnupfen sie nach dem Aufwachen billiges Heroin, dazu gibt es Whisky-Cola und Bier.

Ihre Lebensgeschichten ähneln sich. Beide erzählen vom frühen Tod ihrer Mütter. Saschas Vater machte sich aus dem Staub, Nikos Vater wurde Trinker, starb. Gescheiterte Beziehungen, Verlust von Arbeitsplatz und Wohnung, zu viel Alkohol, schließlich Heroin und Gefängnisaufenthalte.

"Keine Macht den Drogen", sagt Sebastian. Alkohol gehört für ihn nicht dazu. Über sein Leben will er nicht reden. Reinhard bekommt von all dem nichts mit, er schläft noch. Manchmal sorgen sich die Jüngeren um ihn, weil er kaum noch unterwegs ist, oft nur daliegt und die Decke anstarrt.

Ihre Perspektiven sind ein großes Fragezeichen. Sie sehen sich im Teufelskreis: ohne Job keine Wohnung, ohne Wohnung kein Job. Die Unterkünfte, die infrage kämen (siehe nebenstehenden Bericht), "sind eher Löcher", sagt Sascha. "Oder noch nicht mal das", meint Niko. Und "clean zu bleiben im Junkiehaus", sei extrem schwer.

Jetzt, in dieser ersten Woche des neuen Jahres, geht es erst einmal darum, wieder in ihren Alltag zu finden. Niko, Sascha und Sebastian werden sich im Jakobushaus preisgünstig mit Kaffee und Brötchen versorgen - und ihre Pflichten erfüllen. Dazu gehört, Amts- und Arztbesuche erledigen, am Bahnhof die Zeitschrift der Straße verkaufen und dem 71-jährigen Reinhard helfen, durchzukommen. Und auch mal wieder aufräumen. Auf ihrer Platte, unter der B6.

* Namen von der Redaktion geändert

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