Schlösschen der Musik

Wie ein kreatives Paar das Storchennest verändert

Als Zollhaus und Ausflugslokal hat das Storchennest an der Ochtum einen festen Platz in der Bremischen Stadtgeschichte. Nun hat sich das 1577 erbaute Haus hat sich in einen Ort der Musikkultur verwandelt.
19.04.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Wie ein kreatives Paar das Storchennest verändert
Von Björn Struß
Wie ein kreatives Paar das Storchennest verändert

Reinhard Roehrs vor dem Lokal Storchennest an der Grollander Ochtum.

Karsten Klama

Der eiserne Storch begrüßt Passanten noch immer, die an dem historischen Gebäude an der Ochtum vorbeispazieren. Mit ausgebreiteten Flügeln thront das stolze Tier über einem ovalen Schild: Zum Storchennest. Darunter macht der Schriftzug „Haake-Beck“ Lust auf ein kühles Bier. Im vergangenen Jahrhundert hat Tante Minchen das Wirtshaus stadtbekannt gemacht.

Doch diese Zeit ist schon lange vorbei. In den Bremer Geschichtsbüchern hat das 1577 erbaute Zollhaus als zweitältester Amtssitz auch ohne Gastronomie einen festen Platz. Vor fünf Jahren hat ein Musikerpaar dann ein gänzlich neues Kapitel aufgeschlagen. Unter den wachsamen Augen der Denkmalschützer haben Reinhard Röhrs und Karin Christoph das Gebäude in einen Ort der Musik und der Kreativität verwandelt.

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Dieser Wandel ist von außen nicht gleich zu erkennen. Lediglich einen Notenschlüssel hat das Paar an der hellen Fassade angebracht. Aus Denkmalschutz-Gründen wäre wahrscheinlich auch gar nicht viel mehr möglich gewesen. Reinhard Röhrs schraubt an einem Motorrad, seine Partnerin schaut aus einem kleinen Fenster im ersten Stock zu.

Reinhard Röhrs nimmt einen Schraubenzieher und geht zu der weißen Frontfassade. Mit einer Handbewegung kann er an einigen Stellen den Putz abbrechen. „Dem Haus täte es gut, wenn diese Schicht abkommt“, sagt er. Das Mauerwerk hatten die früheren Besitzer vor Jahrzehnten versiegelt. In die Mauer gelangt nun Feuchtigkeit. „Weil die nicht wieder entweichen kann, bläht sich die Fassade auf“, erklärt Reinhard Röhrs. Der Heimwerker kann mit den Reparaturen aber nicht einfach so loslegen. So gut wie jede Veränderung muss mit dem Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt werden.

Abhängig vom Urteil der Denkmalschützer

Das Paar hat das Storchennest gekauft und wohnt seit 2015 darin. Wie die beiden ihr Leben in den eigenen vier Wänden gestalten können, hängt oft vom Urteil der Denkmalschützer ab. „Beim Sanieren einer Innenwand haben wir rätselhafte Pinselstriche entdeckt“, berichtet Reinhard Röhrs. Bevor es weitergehen durfte, schaltete sich zunächst eine Restauratorin ein. „Sie hat sich damit zwei Wochen beschäftigt und alles genau untersucht“, erklärt der Heimwerker.

In das Storchennest einzuziehen bedeutet, viel zu investieren und gleichzeitig nicht frei entscheiden zu dürfen. Darüber war sich das Paar von Anfang an bewusst. „Wir sind eher zufällig vorbeigekommen und haben einen Blick durch ein Fenster geworfen“, sagt Karin Christoph und erinnert sich an die erste Begegnung mit dem alten Amtssitz. Eine Nachbarin habe sie angesprochen und berichtet, dass die Immobilie zum Verkauf stehe. „Das konnten wir im ersten Moment gar nicht glauben“, sagt Karin Christoph. Vielleicht war es dieser Moment, als Amor zwei kleine Pfeile in die Herzen des Paares schoss. „Wir waren sofort verliebt.“

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So nahm das Wagnis seinen Lauf. Das erste Jahr nach dem Einzug war ein Leben auf der Baustelle, berichtet das Paar. Gerne erinnern sie sich an die Aufnahme eines Albums, bei dem die Musiker zwischen einer Kreissäge und anderem Werkzeug spielten. Der Einbau eines vollwertigen Badezimmers sei der erste Schritt hin zu einem Wohnhaus gewesen. „Alle Fenster waren nur einfach verglast. Die Wände waren null isoliert“, erzählt Reinhard Röhrs. Die Heizungen seien heiß gelaufen, ohne dass es spürbar wärmer geworden sei. Doch langsam aber sicher habe das Storchennest einen neuen Charme entwickelt.

Heute steht praktisch in jedem Raum ein Musikinstrument, wenn nicht gar gleich drei oder vier. Das Paar gibt Musikunterricht, deshalb ist die Auswahl an Instrumenten besonders groß. Der zentrale Saal im Erdgeschoss hat einen Holzofen bekommen und verbreitet leise knisternd seine Wärme. Auf dem Klavier liegt eine Geige, durch die Fenster im Fachwerk-Stil scheint die Frühlingssonne.

Wo Tante Minchen ihren kalten Korn getrunken hat

Im zweiten Teil des Erdgeschosses befand sich früher der Bierausschank. Hier hat Tante Minchen immer ihren kalten Korn getrunken, den die Wirtin natürlich auch den Gästen serviert hat. Nur noch wenig erinnert an die Bar von damals. Das Musikerpaar hat bei einer Trennwand in der Mitte des Raums das alte Mauerwerk freigelegt. Die Steine haben 443 Jahre Stadtgeschichte miterlebt.

Knapp einen Meter dahinter steht die moderne Technik des 21. Jahrhunderts. An einem Computer mit großen Lautsprechern kann das Musikerpaar Aufnahmen schneiden und verarbeiten. Beide spielen in professionellen Ensembles und geben regelmäßig Konzerte. Aktuell wären sie eigentlich für einige Auftritte in Frankreich gebucht. Doch die Corona-Krise hat sie an Bremen gekettet.

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Dadurch kann das Paar den Frühling nun an der Ochtum genießen. Direkt am Fluss gibt es eine Terrasse. „Die Enten sind unsere besten Nachbarn“, sagt Reinhard Röhrs. Als in einem Restaurant noch Gäste bewirtet wurden, fielen zur Mittagszeit immer ein paar Krümel ab. Diese Zeit wirkt bei den Tieren offenbar bis heute nach. Besonders unterhaltsam war für das Paar ein Winter, in dem die Ochtum zugefroren war. „Der Fluss war für die Enten eine Landebahn“, sagt Reinhard Röhrs und lacht.

Die Corona-Krise bedeutet für die Musiker aber nicht nur, mehr Zeit mit den Enten zu verbringen. Sie können sich auch intensiven Planungen widmen, wie es mit dem Storchennest weitergehen soll. Denn auch im fünften Jahr gibt es immer noch reichlich zu tun. Zwei seitliche Außenwände sind bereits saniert. Das nächste Projekt könnte die Front sein, die für das Gesamtbild des Gebäudes am wichtigsten ist.

Finanzielle Unterstützung

Den größten Teil der Baukosten bezahlen Karin Christoph und Reinhard Röhrs aus der eigenen Tasche, es gibt aber auch Fördermöglichkeiten. Aktuell läuft etwa ein Antrag bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz für weitere Sanierungsprojekte. So sind die Experten nicht nur in der Rolle einer Aufsicht, die über den Denkmalschutz wacht. Neben der Expertise gibt es aus unterschiedlichen Töpfen auch finanzielle Unterstützung.

„Die Zusammenarbeit läuft sehr gut“, betont Reinhard Röhrs. Die Abstimmung sei auch deshalb reibungslos, weil ihnen viel daran liege, die historische Substanz zu erhalten. Mit jedem Jahr würden sie selbst ein Stücken mehr zu Denkmalpflege-Experten.

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Mit dem Musikunterricht erfüllen Karin Christoph und Reinhard Röhrs einen Wunsch des Vorbesitzers. Mit den Musikschülern, die bei ihnen regelmäßig ein und aus gehen, kommen viele Menschen in den Genuss, diesen historischen Ort für sich zu entdecken. Trotzdem hat das Zollhaus an der Ochtum nun keine Gastronomie mehr. Der Charakter als Treffpunkt und Ausflugsziel ist deshalb verloren gegangen. „Da waren manche enttäuscht“, sagt Reinhard Röhrs.

Das Verhältnis zu den Nachbarn sei gut. Insbesondere zu dem Kanuverein bestehen freundschaftliche Verbindungen, sagt der Eigentümer. Dies liege wohl auch daran, dass unterhalb der Terrasse eigene Kanus deponiert seien. Wenn es für Klavier und Geige neue Impulse braucht, ist so auch ein spontaner Ochtum-Ausflug möglich. Das Storchennest schätzt das Paar als hervorragende Umgebung, um an den Instrumenten zu improvisieren. Der Plan, einen Ort der Musik und der Kreativität zu erschaffen, geht damit wohl voll auf.

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