Bremer mit ungewöhnlichem Hobby Schnitzen als Lebenselixier

Horst Wesemann schnitzt Löffel. Nicht ab und zu, sondern eigentlich immer, wenn er Zeit dafür findet. 330 sind es bislang. Aber es ist nicht nur das Schnitzen, das ihn an seinem Hobby begeistert.
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Schnitzen als Lebenselixier
Von Ralf Michel

Da liegen sie, nebeneinander ausgebreitet auf einem kleinen Tisch. In allen Formen und Größen. Kleine, große, gerade, krumme, dicke, dünne. . . – rund drei Dutzend Holzlöffel, allesamt handgeschnitzt von Horst Wesemann. Die Vielfalt überrascht und schon auf den ersten Blick ist zu sehen, dass da jemand mit Sorgfalt und Liebe am Werk war. Aber viel Zeit bleibt dem Besucher nicht, um die Löffel zu bestaunen. „Sehen Sie den hier“, Wesemann greift nach einem tiefschwarzen Exemplar. „Mooreiche. 3000 Jahre altes Holz.“ Ein Praktikant aus seinem Büro hat ihm das Holz einst mitgebracht. „Der lebt auf dem Lande, sein Vater hatte das Holz ausgegraben.“

Und so geht es munter weiter. Der Eichenlöffel, der aus der äußerlich verwitterten Abdeckung einer Sickergrube stammt: „Im Urlaub entdeckt, wunderbares Holz.“ Der wunderbar glatte, auffallend geschwungene Löffel: „War mal ein Handläufer für eine Treppe.“ Der zwei Meter große Löffel, hoch oben an der Wand angebracht: „Eine umgestürzte Eiche im Italienurlaub. Der zweitgrößte Löffel, den ich je geschnitzt habe.“ Drei Dutzend Löffel. Und jeder hat seine eigene Geschichte.

Insgesamt sind es aber weit mehr Holzlöffel, die er geschnitzt hat. Alles in allem so etwa 330, schätzt Wesemann. An den ersten kann er sich noch gut erinnern. Im Dänemark-Urlaub. Es war Herbst oder Winter, auf jeden Fall lausekalt. Das Rohmaterial lieferte das Kaminholz, das vor dem Holz aufgestapelt lag. Sein erster Löffel wurde ein eher flaches Exemplar. „Da fehlte mir noch das geeignete Werkzeug.“ Eine Zeit lang verlegte er sich deshalb anschließend eher auf Wanderstöcke

Geschnitzt habe er schon immer gerne, von Kindheit an, erzählt Horst Wesemann. Zum intensiven Löffelschnitzer wurde der heute 68-Jährige aber erst Anfang der 1990er-Jahre. Was viel mit dem kleinen italienischen Ort Formine zu tun hat, im Piemont gelegen, 300 Meter über dem Lago Maggiore. „Auf der Terrasse sitzen, vor mich hin schnitzen, an nichts denken – das ist Entspannung pur.“

Entspannung pur? An dieser Stelle verdreht seine Frau ein klein wenig die Augen. Nichts gegen das Hobby ihres Mannes, aber es gab Zeiten, da hatte seine Leidenschaft dann doch leicht obsessiven Charakter, sagt sie und erinnert an die Suche nach der Löffelabteilung in ungezählten archäologischen Museen. „Na ja, ich habe halt Anregungen gesucht“, verteidigt sich Wesemann, greift nach einem kurzen, dicken Löffel und erzählt von den Dan an der Küste Westafrikas. Hier sind Löffel nicht nur Gebrauchsgegenstände, sondern erfüllen auch eine soziale, zeremonielle Funktion in der Gemeinschaft, erklärt er. So gibt es einen besonderen Festlöffel, deren Eigentümerin wunkirle genannt wird – die „Frau die auf Festen agiert“. Eine ehrenvolle Bezeichnung für die gastfreundlichste Frau des Dorfes. Verbunden ist mit dieser Ehre allerdings die Verantwortung, Feste vorzubereiten.

Solche Geschichten interessieren den Rechtsanwalt, sie faszinieren ihn. „Man kann da eine Wissenschaft draus machen und Spaß haben“, sagt er. Und das gilt keineswegs nur für die Kulturgeschichte des Löffels, sondern ebenso für die Holzarten, die er verarbeitet. Und erst recht für sein Werkzeug. Gerade hier hat sich einiges getan seit dem ersten Löffel damals in Dänemark.

Schleifstein, Löffeleisen und Schnitzmesser

Wenn Wesemann heute seinen Werkzeugkoffer öffnet, liegen da nicht nur Schleifstein, Löffeleisen, diverse Beitel und Heftpflaster, sondern auch eine japanische Zugsäge und ein 400 Euro teures japanisches Schnitzmesser. „Hab‘ ich mir geleistet. Das liegt einfach wunderschön in der Hand.“

Zum Einsatz kommt das Messer für die grobe Arbeit. Danach ist Schmirgelpapier gefragt. Zunächst das 80er-Papier. „Das ist so grob, damit kann ich noch die Form gestalten.“ Anschließend wird das Holz gewässert, dann mit 120er-Papier weiter bearbeitet. Wässern, 180er-Papier, wässern, 320er-Papier, zuletzt die extra feine 000-Stahlwolle. So bekommen seine Löffel ihre extrem glatte Oberfläche, manchmal kommt hierbei auch Leinöl zum Einsatz. „Ich habe den Ehrgeiz, jede noch so kleine Macke zu beseitigen“, sagt Wesemann. „Meine Löffel sollen Handschmeichler sein.“

Diebe sägten einen riesigen Holzlöffel ab

Der größte Löffel, den er geschnitzt hat, war definitiv kein Handschmeichler. Denn der maß stolze 2,65 Meter, geschaffen aus einem Lindenbaum in seinem Garten. Doch auch dieses Exemplar wusste zu gefallen. Zu gut sogar: Diebe sägten ihn ab und stahlen das Kunstwerk aus dem Garten.

Und so gäbe es noch Hunderte Geschichten mehr zu erzählen. Über die Tagebücher, in denen er jeden seiner Löffel dokumentiert, meist mit kleinen Geschichten versehen. Über eine Projektwoche in einer Schule, seine Workshops oder auch über die Löffelausstellungen, auf denen er seine Schnitzereien gezeigt hat.

Doch Wesemann erzählt am liebsten eine ganz andere Geschichte. Sie führt wieder zurück in das italienische Dorf Formine. Immer wenn er dort ist, bietet er den Kindern des Dorfes einen Löffel-Workshop an. Über mehrere Tage schnitzt jedes Kind unter seiner Anleitung einen Holzlöffel. „Und Sie sollten mal sehen, wie die am Ende stolz wie Oskar mit ihrem eigenen Löffel durchs Dorf laufen.“ Noch dazu mit einer kleinen Urkunde in der Tasche, ein „Löffelschnitzerdiplom“, die ihnen bescheinigt, erfolgreich einen wunderschönen Löffel geschnitzt zu haben. „Den Kindern macht das große Freude und mir auch.“

Von verwöhnten Kindern, Barbieren und Rotzlöffeln

Zu den vielen Facetten, die das Thema Löffel bietet, gehören auch Redewendungen. Horst Wesemann hat eine Vielzahl davon auf seiner Homepage (www.loeffelanwalt.de) aufgelistet.

So sagt man etwa arroganten Wichtigtuern und verwöhnten Kindern nach, dass sie mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurden. Freche Rotzlöffel müssen sogar fürchten, einen hinten die Löffel (Ohren) zu bekommen.

Womit dann „nur“ eine Ohrfeige gemeint ist und zum Glück nicht der Ursprung der Redewendung. Der nämlich bezieht sich auf Kaninchen, die auf diese Weise getötet wurden. Wer heute jemand über den Löffel barbiert, ist ein Betrüger. Doch die Herkunft dieses Wortes ist vollkommen harmlos: Barbiere schoben früher alten Männern einen Löffel in den Mund, um ihre wegen fehlender Zähne eingefallenen Wangen nach außen zu drücken und sie so einfacher rasieren zu können.

Die bekannteste Redewendung im Zusammenhang mit Löffeln dürfte der Satz „Den Löffel abgeben“ sein. Er geht auf das Mittelalter zurück, als jeder seinen eigenen Löffel hatte, der am Wandbrett seinen besonderen Platz fand. Wer den Löffel daran aufhängte, hatte seine Mahlzeit beendet. Wer den Löffel abgab, schloss sich aus der Tischgemeinschaft aus. In der heutigen Bedeutung steht dieses Ende der Nahrungsaufnahme für den Tod.

Der Satz „Schreib es Dir hinter die Löffel“ geht auf eine recht handfeste Methode zurück, sich etwas gut zu merken. Im Mittelalter gab es den Rechtsbrauch, bei wichtigen Regelungen wie beispielsweise der Festlegung von Grenzen die Kinder der Verhandlungspartner dazuzuholen. Sie sollten notfalls noch in der nächsten Generation als lebende Zeugen aussagen können. Damit sie die Lage der Grenzpunkte auch nicht vergaßen, gab man ihnen an jedem dieser Punkte ein paar Ohrfeigen – man schrieb ihnen die Position der Grenzpunkte „hinter die Löffel“.

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