Augenarzt und Schmerzmanager sammeln Spenden für Neubau einer Schule / Ausstellung im St.-Joseph-Stift

„Schnobbls“ helfen Kindern in Bangladesch

Gleich zwei Initiativen, die sich um das Wohl von Kindern kümmern, präsentieren sich derzeit im Krankenhaus St.-Joseph- Stift. Der Oberarzt der Augenklinik und der Schmerzmanager des Stifts haben sich zusammengetan, um Spenden für den Verein „Kinder in Bangladesch“ zu sammeln. Der Arzt Murat Çil ist Mitbegründer des Hilfsprojekts und hat mit seiner Kamera die Zustände in dem südasiatischen Land dokumentiert. Um vor Ort eine Schule bauen zu können, soll auch ein Fantasiewesen helfen, das im St.-Joseph-Stift schon Tausenden Kindern die Angst genommen hat: der Schnobbl.
14.12.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Meyer
„Schnobbls“ helfen Kindern in Bangladesch

Der Arzt Murat Çil (links) und der Schmerzmanager Raimond Ehrentraut sammeln mit den Plüschfiguren „Schnobbls“ Spenden für ein Hilfsprojekt in Bangladesch. Dazu ist derzeit eine Fotoausstellung im Foyer des St.-Joseph-Stifts zu sehen.

Roland Scheitz

Gleich zwei Initiativen, die sich um das Wohl von Kindern kümmern, präsentieren sich derzeit im Krankenhaus St.-Joseph- Stift. Der Oberarzt der Augenklinik und der Schmerzmanager des Stifts haben sich zusammengetan, um Spenden für den Verein „Kinder in Bangladesch“ zu sammeln. Der Arzt Murat Çil ist Mitbegründer des Hilfsprojekts und hat mit seiner Kamera die Zustände in dem südasiatischen Land dokumentiert. Um vor Ort eine Schule bauen zu können, soll auch ein Fantasiewesen helfen, das im St.-Joseph-Stift schon Tausenden Kindern die Angst genommen hat: der Schnobbl.

Schüchtern lächeln sie in die Kamera: Eine Frau und vier Mädchen stehen nebeneinander in einem Hauseingang, alle tragen Flip-Flops und bunte Tücher, die ihr Haar zu einem Teil bedecken. Sie sind eine Familie, eine Mutter und ihre vier Töchter. Beinahe wären sie voneinander getrennt worden: Eines der Mädchen sollte verkauft werden. Rupi ist ihr Name, sie steht links, ganz nah an der Mutter. Im Alter von gerade mal sieben Jahren wäre sie als Haussklavin in einer reichen Familie geendet, ein typisches Schicksal für Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen in Bangladesch. Nicht selten werden sie schlecht behandelt, verprügelt, vergewaltigt.

Dass es anders kam, dass Rupi jetzt neben ihrer Mutter stehen und in die Kamera lächeln darf, dass sie eine Schule besuchen kann – all das hat sie Murat Çil zu verdanken. Der 42-jährige Oberarzt der Augenklinik des St.-Joseph-Stifts hat sie vor ihrem Schicksal bewahrt: Sein Verein versorgt die Familie um Rupi mit Geld, damit ihre Mutter sie oder ihre Geschwister nicht verkaufen muss.

Verein gegründet

Çil hat selbst zwei Töchter. Zu hören und zu sehen, wie es anderen Mädchen in ihrem Alter ergeht, macht ihn fassungslos – und er entscheidet sich, etwas dagegen zu tun: Als 2006 der Vater eines Freundes stirbt, übernehmen sie sein Engagement in Bangladesch. 2005 hat dieser dort eine Schule gebaut, 800 Euro zahlte er im Monat, damit 400 Schüler den Unterricht besuchen können. „Wir haben das lange Zeit alleine gestemmt“, sagt der Oberarzt aus Schwachhausen. „Aber dann merkten wir, dass wir an unsere Grenzen kommen.“

Anfang des Jahres gründen sie deshalb den Verein „Kinder in Bangladesh“, in dem sich bislang neun Mitglieder engagieren. „Wir wollen einen Teil der Schule neu bauen“, sagt Çil.

Bei Sturm fliegt das Haus aus Wellblech auseinander. Es aufzubauen kostet jedes Mal wieder 1000 Euro. Um die 40 000 Euro für den Neubau zusammenzubekommen, hat der 42-Jährige Arzt und Hobbyfotograf seine aussagekräftigsten Bilder auf Leinwand ziehen lassen und stellt sie nun im Foyer des Krankenhauses aus. Gedruckt wurden sie vom Medienhaven Bremen – kostenlos. Elf Motive hängen nun an Stellwänden und sollen in Verbindung mit Infotexten auf das Leben der Kinder in Bangladesch hinweisen. Die Geschichte von Rupi ist dabei nur eine von vielen.

Zu diesen berührenden Bildern will der frech grinsende Schnobbl auf der gegenüberliegenden Seite der Ausstellung nicht so ganz passen: In Karottenorange und mit zotteligen Haaren liegt das Fantasiewesen als Plüschtier auf einem Tisch. Der Schnobbl ist im Klinikum kein Unbekannter: Er weist den Weg durch das Krankenhaus, erzählt beruhigende Geschichten auf CD und wartet auf die Kinder in ihrem Krankenbett, bevor es in den Operationssaal geht.

Raimond Ehrentraut hat ihn erfunden, um die Kinder auf das Krankenhaus vorzubereiten. „Ich will ihnen damit die Angst nehmen“, sagt der Schmerzmanager, der für das Konzept bereits mit Gesundheitspreisen ausgezeichnet wurde. Ende 2009 wurden die Wesen im St.-Joseph-Stift eingeführt, mittlerweile finden sie sich in sechs Krankenhäusern deutschlandweit. Der Schnobbl soll als Kobold, der auf das Krankenhaus aufpasst, den Kindern Geborgenheit geben und sie durch ihren Aufenthalt im Krankenhaus begleiten. „Da das St.-Joseph-Stift keine Kinderabteilung hat, gehören die Kleinen eher zu einer Minderheit“, erklärt Ehrentraut. Etwa 600 Kinder besuchen das Klinikum jedes Jahr. „Und ihnen wollte ich als Randgruppe mit dem Schnobbl zeigen: Keine Sorge, so schlimm ist es nicht.“

Jetzt soll der Kobold nicht nur ihnen helfen, sondern auch den 500 Kindern in Bangladesch, die in die geplante neue Schule gehen sollen. Dafür verkaufte Ehrentraut sein jüngst erschienenes Schnobbl-Buch mit den Plüschfiguren zur Ausstellungseröffnung kürzlich persönlich an einem Stand – und spendete den gesamten Erlös an diesem Tag an das Projekt seines Kollegen Çil. „Ich finde es wichtig, einen karitativen Zweck zu unterstützen, den ich auch nachvollziehen kann“, sagt er. Çil selbst war zuletzt im März vor Ort in Bangladesch – bei der Grundsteinlegung zu dem Neubau der Schule. „Das wurde landesweit in den Medien übertragen“, sagt er, „sogar der Gouverneur war da, um uns zu begrüßen.“ Er hofft, dass die Schule durch die Spenden schnell fertig gestellt werden kann.

In ein paar Monaten will Çil wieder nach Bangladesch fliegen – dann aber, um in einem Camp in dem Malaria- und Monsungebeutelten Gebiet ärztliche Hilfe zu leisten. „Augenkrankheiten sind dort ein großes Problem“, sagt der Arzt. Es wird sein erster Auslandseinsatz sein. „Ich habe lange gewartet“, sagt er und lächelt. „Jetzt fühle ich mich bereit dafür.“

Die Ausstellung ist noch bis zum 20. Dezember im Foyer des St.-Joseph-Stift, Schwachhauser Heerstraße 54, zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Wer den Verein unterstützen will, kann vor Ort eine Spende geben. Infos dazu gibt es auch unter www.kinder-in-bangladesch.de. Informationen rund um den Schnobbl finden sich im Internet unter www.schnobbl.de.

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