Schöffe kennt Angeklagte Drogenprozess gegen Bremer Dealer könnte ausgesetzt werden

Kaum begonnen könnte der Prozess gegen fünf Drogenhändler am Landgericht Bremen gleich wieder ausgesetzt werden. Einer der Schöffen kennt vier der Angeklagten und könnte befangen sein.
02.03.2021, 16:57
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Drogenprozess gegen Bremer Dealer könnte ausgesetzt werden
Von Ralf Michel

Mit einem Paukenschlag endete am Dienstagnachmittag vor dem Landgericht der Prozessauftakt im Verfahren gegen fünf mutmaßliche Drogenhändler aus Bremen: Einer der beiden Schöffen könnte als befangen gelten – er kennt vier der fünf Angeklagten von seiner Tätigkeit in einem Fitnessstudio und von Kampfsportveranstaltungen. Nicht ausgeschlossen, dass der Prozess deshalb noch einmal komplett von vorne beginnen muss.

Auf der Richterbank wird es unruhig

Gut zwei Stunden dauerte die Verhandlung bereits, soeben hatten die beiden Staatsanwältinnen die über einstündige Anklageschrift verlesen, da wurde es vorne auf der Richterbank unruhig. Der Vorsitzende Richter unterbrach die Verhandlung, erklärte in dürren Worten, dass es Beratungsbedarf gäbe und zog sich mit seinen beiden Kollegen und den Schöffen zurück.

Eine halbe Stunde später folgte die Erklärung: Einer der beiden Schöffen hatte während der Verhandlung bemerkt, dass er vier der Angeklagten kennt. Zwei von ihnen seien Kunden in dem Fitnessstudio, für das er arbeite, zwei andere kenne er von Kampfsportveranstaltungen, teilte er dem Vorsitzenden Richter mit. Man habe gelegentlich miteinander gesprochen. Aber nichts Tiefgründiges, typische Fitnessstudio-Gespräche eben. Privat habe man sich nie getroffen. Gleichwohl fühle er sich den Angeklagten in gewisser Weise verbunden. Nicht zuletzt, weil diese ihm in der Vergangenheit mehrfach neue Kunden gebracht hätten.

Ausschluss beantragt

Für die Staatsanwaltschaft war die Sache damit klar. Sie beantragte, den Schöffen wegen möglicher Befangenheit auszuschließen. Es bestünde Misstrauen gegen dessen Unparteilichkeit. Die Gegenposition vertraten mehrere der Anwälte. Allein die Tatsache, dass man sich kenne, begründe keine Befangenheit. Es habe ausdrücklich keine privaten Kontakte gegeben, zudem habe der Schöffe das Thema selbst offen und klar angesprochen. Man habe keinen Zweifel, dass er sein Amt unbefangen ausüben könne. Zumal, so einer der Anwälte, auch schon der Vorermittlungsrichter, der die Haftentscheidung bei drei der Angeklagten getroffen hatte, zumindest einen von ihnen aus besagtem Fitnessstudio gekannt habe. „Und das hatte ja auch keinen Einfluss.“

An dieser Stelle wurde der Prozess am Dienstag unterbrochen. Das Gericht muss nun über den Antrag der Staatsanwaltschaft entscheiden. Gibt es ihm statt, beginnt der Prozess mit zwei neuen Schöffen noch einmal von vorne. Ein neuer Termin müsste gefunden, die Anklageschrift noch einmal verlesen werden. Dann aber droht dem Verfahren neues Ungemach, weil dadurch die Sechs-Monats-Frist verstreichen könnte, die Angeklagten maximal bis zum Prozessbeginn in Untersuchungshaft sitzen dürfen. Betrachtet das Gericht den Schöffen nicht als befangen, wird der Prozess wie geplant am Dienstag, 9. März, fortgesetzt.

Vorwurf: Im großen Stil mit Drogen gehandelt

Fast ein wenig ins Hintertreffen geriet angesichts dieser Entwicklung der Prozess selbst: Den fünf Angeklagten im Alter zwischen 28 und 43 Jahren wird vorgeworfen, im großen Stil mit Drogen gehandelt zu haben. Es geht um mehrere Hundert Kilo Marihuana und Kokain, mit denen die Angeklagten zwischen sechs und sieben Millionen Euro erwirtschaftet haben sollen.

Vier von ihnen sollen sich hierfür zu einer Bande zusammengeschlossen haben und arbeitsteilig vorgegangen sein. Demnach waren die beiden Hauptangeklagten für Bestellung, Verkauf und Organisation zuständig, während die beiden anderen eher für Kurierfahrten und bei der Lagerung der Drogen eingesetzt wurden. Den Fünften im Bunde zählt die Staatsanwaltschaft nicht zu der Bande. Er soll die Drogen aus dem Ausland beschafft und weiterverkauft haben – zum Teil an seine Mitangeklagten.

Auf die Schliche kamen die Ermittlungsbehörden den Angeklagten mit Unterstützung von IT-Experten der Polizei aus Frankreich und Holland. Denen war es gelungen, über Wochen hinweg die verschlüsselte Kommunikation europaweit agierender Rauschgifthändler mitzuhören. Einige der gehackten Gespräche führten nach Bremen, wo die Polizei im vergangenen September mehrere Hausdurchsuchungen vornahm und dabei sechs Männer festnahm.

Info

Zur Sache

Lieferung zu Lagerhalle in Achim

Den von der französischen Polizei abgehörten Telefonaten verdanken die Bremer Ermittlungsbehörden nicht nur die Festnahme mehrerer mutmaßlicher Drogenhändler, sondern auch Einblick in die Lieferketten sowie das aktuelle Rauschgift-Preisgefüge nebst Verhandlungsspielräumen. So bot einer der Angeklagten einem seiner Kunden ein Kilo Marihuana für 5050 Euro an. Dessen Antwort: „Fünf Kilo würde ich nehmen, aber nur für 4900 Euro das Kilo.“ Inklusive Lieferung nach Bremerhaven kostete ein Kilo Marihuana 5300 Euro.

Der Preis für ein Kilo Kokain schwankte zwischen 28.500 und 31.500 Euro (inklusive 500 Euro Kurierlohn für die Fahrt nach Bremerhaven), ein Kilo Streckmittel für Kokain war für 1500 Euro zu haben. Die Anlieferung des Marihuanas aus Spanien erfolgte zu einer Lagerhalle in Achim-Uphusen. Nach dort wurden die zum Teil dreistelligen Kilomengen von einem spanischen Lkw gebracht, auf Paletten, in schwarze Folie eingeschweißt. Noch vor Ort wurden die Drogen fotografiert und die Fotos an potenzielle Abnehmer geschickt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+