Symposium in Elsfleth über Müll im Meer

Scholle mit fünfprozentigem Plastikanteil

Um die Verschmutzung der Meere mit winzigen Plastikteilchen ging es bei einem Symposion in Elsfleth. Umweltministers Stefan Wenzel ging mit 140 Gästen in der Jade-Hochschule der Frage nach, wie hoch der Handlungsbedarf in Niedersachsen ist.
26.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Bettina Dogs

Sie lauern überall. Sie purzeln aus Shampooflaschen oder fallen herab von Autoreifen, landen in unserem Trinkwasser und unseren Lebensmitteln. Winzige Plastikteilchen, für das menschliche Auge unsichtbar. Sie schwimmen sogar im Bier. Nur kaum jemand weiß davon.

Schon vor anderthalb Jahren hat der emeritierte Professor Gerd Liebezeit von der Oldenburger Carl-von-Ossietzky-Universität Alarm geschlagen und ein Verbot von sogenanntem Mikroplastik in Kosmetik, Zahnpasta und Putzmitteln gefordert. Der Wissenschaftler hatte zuvor in Honig, Mineral- und Leitungswasser winzig kleine Plastikteilchen entdeckt.

Inzwischen hat das Thema auch das niedersächsische Umweltministerium erreicht. Inwieweit der kaum sichtbare Kunststoff auf unseren Tellern zur ernst zu nehmenden Gefahr geworden ist, sollte am Donnerstag ein Symposium des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) klären, das auf Anregung des niedersächsischen Umweltministers Stefan Wenzel veranstaltet worden ist.

Zusammen mit 140 Gästen ist der Grünen-Politiker in der Jade-Hochschule der Frage nachgegangen, wie hoch der Handlungsbedarf in Niedersachsen ist. „Sehr hoch“, wie Herma Heyken, Pressesprecherin des NLWKN, bereits am Mittag die Ergebnisse zusammenfasste. „Das ist an diesem Vormittag bereits deutlich geworden.“ Da hatte Stefanie Werner vom Umweltbundesamt zu „Mikroplastik als Teilaspekt der Meeresvermüllung“ gesprochen, Martin Löder von der Universität Bayreuth und Gunner Gerdts vom Alfred-Wegener-Institut zu „Mikroplastik in Binnengewässern“ und „Mikroplastik in Klärwerken“. Denn was so wissenschaftlich neutral klingt, heißt nichts anderes als Kunststoffteile, die sich unerkannt auf unseren Tellern ausbreiten. So viel steht zumindest jetzt schon fest. Auch wenn das Gebiet bislang noch am Anfang seiner Erforschung steht.

„Wir haben es mit einem neuen Thema zu tun, obwohl Plastik und PVC ein Teil unserer Umwelt geworden ist“, sagte Umweltminister Wenzel, der ebenfalls an dem Symposium teilnahm. Klar sei, dass wir von einer Vielzahl von Plastikprodukten umgeben seien. Plastiktüten, PET-Flaschen oder auch Fleece-Jacken: „Hier lösen sich bei jedem Waschgang Fasern und gelangen über das Abwasser in unsere Meere.“ Und am Ende schließlich in unseren Bäuche. Unklar ist bislang noch, was die kleinen Plastikteile alles im menschlichen Organismus anrichten. Wenzel: „Noch wissen wir nicht, was es für Folgen hat, wenn wir eine Scholle mit fünfprozentigem Plastikanteil essen.“

Weiter sind die Erkenntnisse in der Tierwelt. „Meerestiere ersticken oder verhungern, weil ihre Mägen voll mit Plastikteilen sind“, schildert der Grünen-Politiker. Mehr als 250 Arten wie etwa Miesmuscheln, Krebse, Würmer, Seevögel, Meeressäugetiere und Fische würden winzige Kunststoffteilchen aufnehmen. Einige Plastik-Wirkstoffe binden zudem Gifte. Auch hier können die Forscher noch nicht sagen, was für Auswirkungen die auf den Menschen haben.

Als ersten Schritt zur Reduzierung von Plastikverschmutzung in unseren Gewässern will Stefan Wenzel ein Verbot von Mikroplastik in Kosmetik, Körperpflege- und Reinigungsmitteln umsetzen. So sind etwa Zahnpasta, Scheuermilch und Peeling-Cremes feinste Plastikteilchen für den Schleifeffekt beigemischt. Diese Teilchen landen über das Abwasser in den Kläranlagen – die in den meisten Fällen keine Filter haben, um sie herauszufischen. Und am Ende in unserem Leitungswasser oder im Klärschlamm auf den Feldern. Die Forderung des Ministers: „Dort, wo Mikropartikel in Shampoos und Kosmetik stecken, kann man sie schlicht verbieten.“ Eine Forderung, die auch auf europäischer Ebene umgesetzt werden soll.

Für Ute Schlautmann, Leiterin der NLWKN-Betriebsstelle Brake-Oldenburg, ist das Plastikmüll-Problem auch eine Frage des Bewusstseins. „Es bedarf mehr Aufklärung. So sind wir in Deutschland mit der Produktion und der Verwendung von Plastik etwa Spitzenreiter im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn.“

Wie allerdings eine weitere Verschmutzung der Umwelt durch kleinste Plastikteile vermieden werden kann, muss erst noch erforscht werden. Ideen dazu sollte das Symposium liefern. Illusionen einer schnellen Lösung macht sich Umweltminister Wenzel nicht: „Seit Jahren verschmutzt Plastikmüll unsere Meere. Es wird mindestens genauso lange dauern, ihn wieder aus der Umwelt zu entfernen.“

Mikroplastik im Meer: Rund 20 000 Tonnen Müll landen jährlich in der Nordsee, 75 Prozent davon sind aus Plastik. Durch Wellengang und Sonne werden Kunststoffflaschen und Co. zu kleinen Teilen – zu Mikroplastik gemahlen.

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