Ingo Höricht im Interview „Schon die gesprochenen Verse sind Musik“

„Nimm mich hin. Dein Will“ der Bremer Gruppe Mellow Melange ist als beste englischsprachige CD 2017 beim Deutschen Rock und Pop Preis geehrt worden. Was Ingo Höricht von Shakespeare hält.
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Von Gerald Weßel

Wie würden Sie den musikalischen Stil beschreiben, für den die Band Mellow Melange steht?

Ingo Höricht : Das ist schwierig zu sagen, weil es so viel ist, was da reinspielt. Aber ich würde sagen, es ist akustische Musik, eine Mischung aus Chanson, Jazz, Folk, Pop, ein wenig Rock. Dabei ist sie sehr melodiös, aber durch ihre Vielstimmigkeit auch sehr anspruchsvoll. So wird ihr auch oft der Charakter von Kammermusik zugesprochen. Auf jeden Fall ist sie sehr eingängig und berührt die Leute.

Die CD „Nimm mich hin. Dein Will“ hat den ersten Preis als bestes englischsprachiges CD-Album 2017 bei dem Deutschen Rock und Pop Preis gewonnen. Ist das eine Premiere für Sie?

Nein und ja, wir haben schon einmal den Preis für das beste Instrumental-Album des Jahres beim selben Award gewonnen, aber damals war es nur der dritte Platz. Dieses Mal ist es also erstmals der erste. Wir freuen uns sehr, aber wundern uns auch etwas, denn wirklich als Rock oder Pop empfinden wir unsere Musik nicht. Es klingt zwar manchmal so, aber da ist eigentlich viel mehr Jazz und Chanson drin. Aber das mag man auch anders sehen, und natürlich sind wir stolz und auch sehr dankbar für die Auszeichnung.

„Nimm mich hin. Dein Will.“ Können Sie den Titel erklären?

Das ist die Übersetzung einer Zeile eines Sonettes von William Shakespeare, in dem er sehr viel von seinem und ihrem Will spricht. Will steht im Englischen als Slang-Name für das männliche oder weibliche Geschlechtsteil. Und es ist eine Abkürzung von William. Er spielt in diesem Text ziemlich direkt und unverfroren mit dieser Doppeldeutigkeit, und wir empfanden das als eine starke Zeile, als eine starke Liebesaufforderung.

Was zeichnet dieses Album für Sie aus?

Es ist eine Mischung von Literatur und Musik. Wir haben ja die englischsprachigen Sonette von Shakespeare vertont. Schon allein gelesen, klingen die von einem guten Sprecher vorgetragen wie Musik. Dieses rhythmische Heben und Senken der Sprache, der Text wie ein Herzschlag. Wir haben die von uns ausgewählten Sonette musikalisch sehr abwechslungsreich umgesetzt und eingespielt. Auch von der Instrumentierung her gibt es eine große Vielfalt, wir sind alle Multiinstrumentalisten.

Sie spielen also alle mehrere Instrumente?

Ja, genau. Matthias Schinkopf, der übrigens beim diesjährigen Rock- und Pop-Preis als „Bester Blasinstrumentalist“ und als „Bester Instrumentalsolist des Jahres“ ausgezeichnet wurde, spielt bei uns Saxofon, Querflöte, Blockflöte und Percussion, unser Bassist und Sänger David Jehn spielt auch noch Mandoline, Gitarre und Hapi (Anmerkung der Redaktion: eine kleine Steeldrum) und unsere Frontfrau und Sängerin Sonja Firker spielt Geige, Autoharp und sehr gut Blockflöte. Da David auch ein wenig Blockflöte spielt, lag es nahe, dreistimmige Blockflötensätze zu komponieren und in die Sonettvertonungen einzufügen. Das klingt dann sehr nach Renaissance und Shakespeare.

War dieses Album ein lang gehegtes Vorhaben?

Die Sonette von Shakespeare haben mich schon lange zum Vertonen gereizt, und dann kam 2016 das Shakespeare-Jahr. Wir haben aber bereits zuvor Projekte gehabt, in denen Musik und Literatur verschmelzen. Zum Beispiel die Vertonung des Orient Expresses zusammen mit Renato Grünig und Rainer Iwersen als Sprecher, Gründungsmitgliedern der Bremer Shakespeare Company. Rainer Iwersen hat uns mit Petra Janina Schultz zusammengebracht, die seine deutschen Übersetzungen der Sonette in die Vertonungen hineinspricht, wenn wir das Programm live spielen. Petra Janina singt auch einen Song auf der CD. Nur ganz zu Beginn haben wir einfach unsere Songs und Instrumentalstücke ohne eine verbindende Klammer auf Alben rausgebracht. Inzwischen finden wir den Ansatz, eine zentrale Idee und einheitliches Konzept bei einem jedem Album zu haben, einfach reizvoller.

Das Interview führte Gerald Weßel.

Ingo Höricht ist Gründungsmitglied der fünfköpfigen Combo „Mellow Melange“, die es seit 1996 gibt. Die Sängerin Sonja Firker wohnt in Berlin, Ingo Höricht in Schwachhausen, die anderen in Findorff und im Viertel. Höricht und der Bassist David Jehn komponieren, Höricht kümmert sich auch um die Organisation, spielt Geige, Bratsche und Gitarre.

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