Serie Genuss regional - Teil 5

Von Anglerrindern und Bentheimern

Manche Züchter und Viehbauern aus dem Bremer Umland verzichten auf Massentierhaltung. In der Vermarktung ihrer Produkte gehen sie neue Wege – und freuen sich über Besucher, die wissen wollen, woher ihr Fleisch kommt.
04.07.2020, 05:49
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Von Anglerrindern und Bentheimern
Von Catrin Frerichs
Von Anglerrindern und Bentheimern

Wer kommt denn da? Eine Anglerrindmutter mit ihrem Kalb.

Foto: Heiko Gerken

Für Heiko Gerken hat das Wort „Lebensmittelpunkt“ zwei Bedeutungen. Sein Lebensmittelpunkt ist Hepstedt, ein kleiner Ort im ­Elbe-Weser-Dreieck, östlich von Bremen. Dort züchtet Gerken mit seiner Familie seltene Anglerrinder der alten Zuchtrichtung – wie die Rasse genau heißt. „Der Lebensmittel-Punkt“ heißt auch Heiko Gerkens Firma. Dahinter verbirgt sich ein Onlineshop, in dem Kunden nachhaltig und biologisch erzeugtes Fleisch kaufen können – das von ­Gerkens Anglerrindern, aber auch Rind-, Geflügel-, Lamm- und Schweinefleisch von Partnerbetrieben. „Die Ware wird ausschließlich in unserer Region erzeugt.“

Anglerrinder kommen ursprünglich aus Schleswig-Holstein und sind ein bisschen in Vergessenheit geraten. So lange, bis sie die Organisation Slow Food in die Arche des Geschmacks aufgenommen hat. Das internationale Projekt für Biodiversität der Slow-Food-Stiftung schützt weltweit rund 4800 regional wertvolle Lebensmittel, Nutztierarten und Kulturpflanzen, die aus der Mode gekommen sind oder sich nach den Maßstäben moderner Produktionstechniken nicht rechnen.

Seit Frühjahr 2020 ist der Betrieb der Familie Gerken voll bio-zertifiziert. Das Geschäft mit dem Versand von Biofleisch wachse, ist Gerken überzeugt. Seine Ware wird in gekühlten Kartons per Paketdienst verschickt. Zur Isolierung verwendet Gerken Stroh oder Hanf anstelle von Styropor, das sei nachhaltiger.

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In der Region gibt es mehrere Stellen, an denen sich Verbraucher die Produkte abholen können: direkt bei Gerkens in Hepstedt, in Lengenbostel in der Samtgemeinde Sittensen und auch in Bremen, in der Markthalle acht am Domshof. Dort steht zudem ein Automat mit einer Auswahl an Wurstwaren aus Hepstedt. Wer möchte, kann den Hof Am Brink 10 in Hepstedt auch anschauen. Nah dran sein an den Menschen, das möchte Gerken trotz des Onlinehandels. Zeigen, was er macht.

So paradox es scheinen mag: Nur, wenn das Fleisch nachgefragt wird, kann die Zucht gelingen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends gab es weltweit kaum 60 Muttertiere. Heute sind es mehr als 350. Die regionale Nutztierart zu erhalten, findet Familie Gerken sinnvoll. Das Fleisch sei eine Spezialität, sagt Gerken. In Hepstedt leben die Tiere das ganze Jahr über auf großen Weiden. Dabei ist weniger mehr, ist Gerkens Überzeugung. Er ist auf einem konventionell betriebenen Bauernhof groß geworden und hat diesen nach der Übernahme vom Vater aufgegeben. 2016 begann der Züchter mit einem Tier. Heute versorgt er 13 eigene Rinder. In diesem Jahr hat sich bereits dreimal Nachwuchs angekündigt.

Tiernachwuchs im Tiergehege des Bürgerparks

Nachwuchs bei den Bunten Bentheimern: Die Ferkel sind im
Tiergehege des Bremer Bürgerparks zur Welt gekommen.

Foto: Christina Kuhaupt

Auch die wuscheligen schottischen High­landcattles von Markus Sparre und Jennifer Schröter-Sparre verbringen das ganze Jahr auf der Weide und haben genug Zeit und Platz zu wachsen. Vor fünfeinhalb Jahren beschlossen der studierte Landwirt und die Erzieherin, gemeinsam eine alternative Landwirtschaft aufzubauen. Ihr Ziel: das Tierwohl in den Mittelpunkt stellen. Mit der Ankunft der ersten drei Kälber Amanda, Yellow und Emma war das Projekt Highlandcattle Westertimke geboren. Seit 2017 betreiben die beiden zudem eine überschaubare Schweinemast mit Bunten Bentheimern – ebenfalls eine alte Nutztierrasse aus Norddeutschland. Wer das Fleisch kaufen möchte, kann vorbestellen oder sich per Whatsapp, E-Mail, SMS oder Telefon über Schlachttermine informieren lassen. Und wer den Hof besuchen möchte, macht einen Termin mit der Familie aus.

Alle draußen? Claas Blendermann bringt seine Tiere täglich auf die Weide. Sonst leben sie in einem 1600 Quadratmeter großen Kompostierstall auf Hackschnitzeln.

Alle draußen? Claas Blendermann bringt seine Tiere täglich auf die Weide. Sonst leben sie in einem 1600 Quadratmeter großen Kompostierstall auf Hackschnitzeln.

Foto: Catrin Frerichs

Neue Wege ist auch Claas Blendermann aus Stendorf gegangen. Sein Hof Auf der Lieth ist in der sechsten Generation in Familienbesitz. Blendermann hält 100 Kühe. Er vermarktet kein Fleisch, sondern ihre Milch. Die Tiere leben in einem Kompostierungsstall mit einer Liegefläche von 1600 Quadratmetern, die mit Hackschnitzeln eingestreut ist. Der Betrieb ist der erste im Landkreis Osterholz, der die Tiere in einem solchen System hält. An der Wand hängt ein großes Schild: „Kuh Eldorado“ steht darauf. „Viele haben mir abgeraten“, erinnert sich Blendermann. Aber er wollte nicht auf Masse setzen, sondern auf jede einzelne Kuh schauen, die älteste in seinem Stall ist ­­­­
19 Jahre alt. „Die älteren Tiere bringen Ruhe in die Herde“, sagt er. Für eine stressfreie Milchabgabe werden sie in separaten Melkboxen gemolken, die jede Kuh einzeln betritt und nach eigenem Rhythmus wieder verlässt. Jede Kuh steht für sich allein längs vom Melkstand. Das ist vor allem für rangniedrigere Tiere angenehmer, und der Melker hat das ganze Tier im Blick.

Hofbesucher können sich am Automaten Rohmilch abfüllen und einen Klönschnack mit dem Landwirt halten. Der findet den Kontakt zu den Kunden gut. „Seit Corona ist das Milchholen mehr geworden“, sagt Blendermann. Die Direktvermarktung wird zunehmen, ist er sich sicher. Im August 2019 hat der den Automaten in Betrieb genommen, das Ganze sei noch ausbaufähig, erläutert er. „Wir arbeiten dran auch Eier, Grillfleisch vom hiesigen Schlachter und Eis anzubieten.“ Der Bedarf ist auf jeden Fall vorhanden.

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Zur Sache

Magazinhinweis „Genuss regional“

Produkte aus der Region sind im Trend, nicht erst seit Corona. Wer Wert auf gesunde Ernährung legt und dabei an die Umwelt denkt, kauft regional. Das geht nicht immer, aber oft und immer öfter. In Bremen und umzu gibt es tolle Erzeuger, die mit viel Kreativität und Engagement hervorragende Produkte anbieten.

Zugucken bei der Herstellung oder beim Wachsen ist oft sogar erlaubt. Erleben Sie mit „Genuss regional“, was Sie alles auf Ihren Speiseplan nehmen können und wo Sie es bekommen. Das Magazin ist erhältlich im Handel, in unseren Zeitungshäusern, auf www.weser-kurier.de/shop und telefonisch unter 0421/ 36716616.160 Seiten, 9,80 Euro.

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