Schulhausroman

Schreibend die Welt neu erfinden

Neuntklässler der Oberschule Schaumburger Straße schreiben unter Anleitung des Poetry Slammers Bas Böttcher ihren zweiten Schulhausroman.
22.01.2018, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer
Schreibend die Welt neu erfinden

Der bekannte Poetry Slammer und Autor Bas Böttcher ist auch ein guter Motivationstrainer.

Roland Scheitz

Östliche Vorstadt. Fabio und Ahmed haben Feuer gefangen. Die beiden Neuntklässler von der Oberschule Schaumburger Straße sitzen mit ihren Klassenkameraden in dem Workshop von Bas Böttcher und schreiben an ihrem ersten eigenen Schulhausroman. Für den Poetry Slammer und Autoren, der aus Bremen stammt und jetzt in Berlin lebt, ist es der zweite Schulhausroman, den er an der Schule als Mentor betreut. Das Literaturhaus Bremen hat das Projekt 2005 aus der Schweiz importiert. Alexia Sieling hat von Beginn an die Schirmherrschaft und wirbt Sponsorengelder ein. Ihr Wunsch: „Es wäre wunderbar, wenn dieses Projekt im Programm vieler Schulen fest verankert werden könnte.“ Dafür möchte sie sich bei der Bildungsbehörde einsetzen. Denn die Nachfrage ist groß.

Fabio aus Schwachhausen und Ahmed aus dem Viertel lieben es mittlerweile nicht nur, im Schreiben ihre ganz eigenen Fantasie-Welten zu erschaffen, die 15-Jährigen lesen auch mehrbändige Sagas. Ahmeds Favorit ist „Skullduggery Pleasant“ des irischen Autoren Derek Landy, Fabio steht eher auf „Gregs Tagebuch“ von Jeff Kinney. „Das ist ein bei Jugendlichen sehr beliebtes Buch“, betont Ahmed. Aber auch von der Harry-Potter-Saga von J. K. Rowling haben sich die beiden beeinflussen lassen. Sie haben nicht nur die Bücher gelesen, sondern auch die Verfilmungen gesehen. „Für unser Roman-Skript hat das extrem viel gebracht“, sagen die beiden. Gemeinsam mit ihrer Mitschülerin Ceyda haben sie viele Skript-Seiten abgeliefert.

Das Schreiben des Schulhausromanes funktioniert arbeitsteilig. Heute ist der erste Tag, an dem die einzelnen Bausteine im Stil eines Mosaiks zusammengesetzt werden. Dafür gibt es einen extra Applaus, denn das funktioniert überraschend gut, findet Bas Böttcher, der das vierte Mal in seine Heimatstadt gekommen ist, um einen literarischen Workshop zu geben Er ist ohnehin von den Begabungen seiner Schützlinge schwer beeindruckt: „Zu schreiben ist ja eine sehr intime, persönliche Sache. Und es ist für manche schon eine Überwindung, mit dem Schreiben zu beginnen“, sagt sie. „Ich bin beeindruckt von dem Potenzial, mit dem sie aus dem Nichts heraus ihre eigene Welt erschaffen. Es hat mich total überrascht, welche wunderbaren Formulierungen sie aus dem Hut zaubern. Die Kunst besteht darin, sich zurückzunehmen und den jungen Akteuren das Podest zu überlassen.“

Einer von den talentierten Schülern ist beispielsweise Erik, der sich als Autodidakt selbst das Klavierspielen beigebracht hat und auch bei der öffentlichen Vorstellung des im Schünemann Verlag erscheinenden Buches am 12. Juni in der Zentralbibliothek spielen wird. Die Schülerinnen und Schüler werden von dem Bremerhavener Schauspieler Peter Köttlitz professionell auf ihren großen Auftritt vorbereitet. Bis es soweit ist, sorgt Erik in den Schreibphasen in der Klasse für eine angenehme, musikalische Untermalung. „Manchmal spielt er sogar Kompositionen von Ludovico Einaudi“, erzählt Klassenlehrerin Aynur Turan.

Ahmed hat mit seinem Namensvetter und seinen Schulkollegen Adrian, Kai aus Sebaldsbrück und Sebastian aus der Neustadt einen Haupthandlungsstrang rund um den furchterregenden Arzt Dr. Wolfgang geschrieben, der den Fußballer Nico entführt und ihn zu einem Cyborg macht. Und die Schülergruppe um Fabio, zu der Sara, Florentine, Nathanel und Timon gehören, hat die Vorgeschichte zu der Mischung aus Frankenstein- und Teenie-Roman geschrieben, der im Jahr 2031 spielt. Ob es ein Happy-End geben wird, das lassen sie ganz auf sich zukommen.

Mit viel Empathie haben sie die Kindheit eines kleinen, schmächtigen, vereinsamten Kindes beschrieben, aus dem der verrückte Dr. Wolfgang geworden ist, der in der Kanalisation eine Frankenstein-Klinik betreibt. „Bas Böttcher war da eine riesige Hilfe für uns“, betont Fabio. „Die Geschichte zeigt, dass niemand von sich aus einfach böse ist, sondern durch viele, tief sitzende Verletzungen und Enttäuschungen erst dazu wird. Wolfgangs Vater liebte beispielsweise die Forschung mehr als seinen eigenen Sohn“, betont Bas Böttcher. „Und gezeigt wird auch, dass ein Wandel durchaus möglich sein kann, als eine alte Freundin von Wolfgang auftaucht, die weiß, dass er einmal ein guter Mensch gewesen ist und seine Schwachstellen kennt. Den Schülerinnen und Schülern ging es auch darum, zu zeigen, wie wichtig es ist, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.“

Ganz so, wie es der schwedische Autor Torgny Lindgren einmal gesagt hat: „Man muss dem Leben fest in die Augen schauen, sonst geht man unter!“ Auch wenn das manchmal schwer sein mag. Aber auch Fragen wie „Wann ist eine Freundschaft echt, wann ist sie falsch?“ werden verhandelt. Schöner Nebeneffekt: Dabei werden die Sekundärtugenden gestärkt. „Wir vermitteln über das Schreiben die Freude an der Sprache. Das gilt auch und gerade für geflüchtete Kinder“, sagt Heike Müller, die Geschäftsführerin des Literaturhauses. Und Bas Böttcher ergänzt: „Wenn die Kinder dadurch verbesserte Chancen für eine Ausbildung haben, dann hat sich das Projekt mehr als gelohnt.“ Oder, wie es Schirmherrin Alexia Sieling formuliert: „Das Projekt schafft es, den Kindern neue Ausdrucksformen zu vermitteln.“ Und sie fügt hinzu: „Der Schulhausroman ist ganz nah dran an den Jugendlichen und ermöglicht kulturelle Teilhabe dort, wo viele der bestehenden Angebote bisher nicht ankommen.“

Und so legt Heike Müller viel Wert darauf, dass das Erfolgsmodell Schulhausroman, das seit 2014 an Bremer Oberschulen läuft, ein Sprachförderprojekt ist. „Wir freuen uns sehr darüber, dass wir 2016 mit dem Bundespreis für modellhafte Kooperationen von Kultur und Schule in der Kategorie ,Teilhabe' gewonnen haben“, betont sie. Darüber hinaus entsteht in an der Oberschule in den Sandwehen noch ein weiterer Schulhausroman – diesmal unter Anleitung der Bremer Kriminalautorin Alexa Stein. Ermöglicht werden die Romanprojekte durch die Stiftung „Gib Bildung eine Chance“, den Beirat Mitte, den Beirat Blumenthal, den Carl Schünemann Verlag, die Karin und Uwe Hollweg Stiftung, die Hockemeyer Stiftung und die Wilhelm-Kaisen-Bürgerhilfe.

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