Proteste gegen Bremer Bildungspolitik Schüler-Kollektiv stellt erste Forderungen

Bremen. In Bremen sind in den vergangenen Tagen mehrere Schulen besetzt worden. Hinter den Aktionen stecken empörte Schüler, die sich zu dem Kollektiv "Fort Bildung" zusammengeschlossen haben. Inzwischen haben sie Forderungen an die Bildungsbehörde formuliert.
16.09.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Schüler-Kollektiv stellt erste Forderungen
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Plötzlich war es da. Eigentlich hatten Bremer Schüler nur einen weiteren Protest gegen die Stundenkürzungen angekündigt. Doch dann verteilten einige von ihnen auf einmal Flugblätter: Ein Schülerkollektiv mit Namen "Fort Bildung" hatte die Schule an der Hamburger Straße besetzt. Seitdem sind die Besetzer drei Mal umgezogen, haben erste Forderungen erarbeitet - und werden sogar von der Bildungsbehörde gelobt.

Marlin Meier ist müde. Bis Mitternacht habe das Kollektiv wieder in großer Runde beraten, erzählt er. In einer immer größer werdenden Runde. 180 Schüler hat er zeitweise gezählt. Und sie alle haben am späten Mittwochabend nun die ersten Forderungen beschlossen. Ideale, die sie als Gesprächsgrundlage einbringen wollen. Das Kollektiv wünscht sich bessere Lernbedingungen durch eine bessere Ausstattung der Schulen, größere Wahlmöglichkeiten und eine Intensivierung des Kontaktes zwischen Schülern und Lehrern. Eine zweite Forderung ist die bessere finanzielle Ausstattung des Bildungsbereiches. "Das bezieht sich nicht nur auf die bisherigen Kürzungen, sondern auch und vor allem auf die künftig geplanten", erklärt Meier.

Und dann gibt es da noch eine dritte Forderung, die auch viel mit dem Verständnis und der Funktionsweise des Schülerkollektivs selbst zu tun hat. Die Schüler wünschen sich mehr Demokratie, mehr Einfluss auf die Entscheidungen der Politik. Die Schüler wollen mindestens eine Stimme haben, die gehört wird, wenn nicht sogar eine Stimme, die bei Abstimmungen zählt.

Ob sie mit diesen Forderungen Erfolg haben werden, weiß auch Marlin Meier nicht. "Wir müssen erst einmal den Mut haben, unsere Ideale zu formulieren", sagt er, "ob und wie sie sich dann umsetzen lassen, muss man in Gesprächen klären. Das heißt nicht, dass wir jeden Kompromiss akzeptieren, aber wir werden auch nicht jeden ablehnen."

Zumindest eines dieser Ideale versuchen die Schüler schon einmal aktiv zu umzusetzen: das der Graswurzeldemokratie. Das sieht man schon an der Person, die für sie spricht. Marlin Meiers Name war zwar seit Beginn der Besetzungen immer wieder zu lesen. Eine herausgehobene Stellung beansprucht er deshalb aber nicht. Doch der Anführer ist er nicht. Meier sieht sich selbst nur als einen Teil des großen Ganzen. Es gebe eine Pressecrew, die gemeinsam an den Veröffentlichungen feilt.Er wurde anfangs zum Sprecher, weil er sich in der Gesamtschülervertretung schon mit Bildungspolitik auseinandergesetzt hatte - und weil er überhaupt die Zeit hat, all die Anfragen zu beantworten. Der 19-Jährige hat im Sommer sein Abitur gemacht und bereitet sich derzeit auf sein Studium vor. Interdisziplinäre Naturwissenschaften will er ab dem kommenden Jahr in Zürich studieren.

Entstanden sei das Kollektiv, erzählt er, aus der Empörung der Schüler heraus. Einer Empörung, die kein richtiges Ventil hatte. "Da hatte sich eher ein Gefühl von Ohnmacht breitgemacht", berichtet Meier. Also machten sich kleine Gruppen von Schülern Gedanken über eine alternative Protestform. Aus den kleinen Gruppen wurde eine große, und eines Nachmittags saßen 80 Schüler aus verschiedenen Schulen zusammen, wurden zum Kollektiv und organisierten die erste Besetzung des Gymnasiums an der Hamburger Straße.

Inzwischen sind die Schüler schon drei Mal umgezogen, besetzten das Kippenberg-Gymnasium, die Leibnizplatz Gymnasiale Oberstufe und, seit diesem Mittwoch, das Alte Gymnasium. Dort haben sie auch Donnerstagabend wieder über mögliche Forderungen diskutiert und die Nacht verbracht. Sie konnten das auch deshalb, weil einige Lehrer bereit waren, ebenfalls über Nacht in der Schule zu bleiben.

Lob aus der Behörde

Bei den Besetzungen haben die Schüler sich selbst klare Regeln auferlegt: Sie sollen friedlich verlaufen, kein Unterricht soll gestört, kein Alkohol konsumiert werden.Es keine Party werden, sondern eine konstruktive Auseinandersetzung. Und bevor sie gehen, räumen sie auf. Dafür werden sie auch aus der Bildungsbehörde gelobt. "Alle Schulleiter haben uns berichtet, dass die Schüler sehr diszipliniert waren, dass kein Unterricht verpasst wurde und dass sie die Schule nach jeder Besetzung sauber gemacht undordentlich verlassen haben", sagt Sprecherin Karla GötzSo lange das so bleibe sehe die Behörde auch weiterhin keinen Grund etwas gegen das Kollektiv zu unternehmen - und signalisiert nach wie vor Gesprächsbereitschaft.

Ein erstes Gesprächsangebot haben die Schüler Anfang dieser Woche noch nicht angenommen. Sie waren noch nicht weit genug mit der Formulierung der Forderungen, die als Grundlage dieses Gespräches dienen sollen, sagt Meier. Und auch das ist eine Konsequenz ihres Demokratieverständnisses. Alle Entscheidungen des Kollektivs sind Konsensentscheidungen, erklärt Meier. Sobald nur einer der Diskussionsteilnehmer ein Veto einlegt, kippt der Beschluss und wird weiter diskutiert, zunächst in kleinen Gruppen, dann erneut in großer Runde.

Das sei, sagt Meier, nicht immer einfach, aber notwendig. "Wir müssen da ein Vorbild sein, gerade wenn wir es uns von der Politik wünschen", findet er. Deshalb nehmen die Mitglieder des Kollektivs in Kauf, dass sie immer wieder die Regeln und den Diskussionsablauf erklären müssen und den neu Hinzukommenden beibringen, dass sie tatsächlich so basisdemokratisch vorgehen wollen, wie es kaum jemand gewohnt ist. "Gerade am Anfang hat es lange gedauert, bis alle verstanden haben, dass wir wirklich ohne Hierarchien arbeiten wollen", sagt Meier. Für ihn ist das aber ein Aufwand, der sich lohnt: "Demokratie muss anstrengend sein."

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