Modellprojekt an Bremer Schule Schüler mehrerer Jahrgänge lernen gemeinsam

Bremen. Vor drei Jahren ist an einer Bremer Schule ein Versuch gestartet. Die Schüler sollten nicht mehr in Klassenverbänden nach Alter unterrichtet werden, sondern in jahrgangsübergreifenden Gruppen. Nun zieht die Schule ein positives Zwischenfazit.
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Schüler mehrerer Jahrgänge lernen gemeinsam
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Vor drei Jahren startete an einem Standort der Gesamtschule Mitte ein Versuch. Die Schüler sollten nicht mehr in Klassenverbänden nach Alter unterrichtet werden, sondern in jahrgangsübergreifenden Gruppen. Das Prinzip dahinter: individuelles Lernen, bei dem die Mitschüler einander helfen. Nun zieht die Schule ein erstes, weitgehend positives Zwischenfazit.

Bremen. Lyonel ist ein Vorreiter. Er gehörte zu den allerersten Schülern, die nach einem neuen Konzept am Standort Brokstraße der Gesamtschule Mitte unterrichtet wurden. Dabei war die Lerngruppenstruktur anfangs noch so wie in anderen Schulen auch. Lyonel war umgeben von Schülern, die genauso alt waren wie er selbst. "Das war schwierig damals, erinnert er sich, "es war anders als in der Grundschule - und wir hatten noch keine Vorgänger, die uns etwas erklären konnten."

Stufenweise sollte sich in den kommenden Jahren die Zusammensetzung seiner Lerngruppe ändern. Denn das Prinzip an der Brokstraße ist das jahrgangsübergreifende Lernen. Die Klassen fünf bis sieben und acht bis zehn werden zusammen unterrichtet - je sechs Schüler aus jedem Schuljahr bilden zusammen eine Gruppe.

Lyonel hat diese Entwicklung von Anfang an mitgemacht - und ist jetzt wieder mit seinem Jahrgang allein. Denn ein Konzept wie dieses kann nur stufenweise aufwachsen, Jahr für Jahr, bis schließlich alle Jahrgangsstufen einer Schule besetzt sind.

Lyonel ist in diesem Sinne ein Sonderfall in der Schule. Denn der Ansatz, so erklären es der stellvertretende Schulleiter, Klaus Glorian, und die Jahrgangsleiterin der Klassen fünf bis acht, Frauke Schwagereit, ist eben der, dass die Schüler nicht mehr sich selbst helfen sollen, sondern einander. Die Älteren beantworten Fragen der Jüngeren, geben Tipps - und wiederholen so auch noch einmal das, was sie schon gelernt haben. Ein Prinzip, das funktioniert, findet zumindest der Sechstklässler Malcolm. "Es ist gut, wenn die Älteren einem bei den Aufgaben helfen können", sagt er.

Doch nicht nur auf der Lernebene macht diese Durchmischung Sinn, findet Frauke Schwagereit, sondern auch im sozialen Bereich. "Der Kampf um den jeweiligen Platz in der Gruppe fällt dann meist weg", sagt sie, "und auch Rollenzuschreibungen wie der ,Klassenclown' sind nicht mehr so zementiert wie in einem festen Klassenverband vom fünften bis zum zehnten Schuljahr." Für die Schüler ist das aber erst einmal eine Situation, die ungewöhnlich ist.. "Ich habe im letzten Jahr viel mit den jetzigen Achtklässlern gemacht", erzählt Catalina, die an der GSM die siebte Klasse besucht, "da war es am Anfang komisch, als sie weg waren. Aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Und nächstes Jahr sind wir ja auch wieder zusammen in einer Gruppe."

So gewöhnungsbedürftig diese Situation für alle Beteiligten anfangs auch sein mag - sie folgt einem übergeordnetem Ziel: dem individuellen Lernen. Denn die Schüler sollen in der Brokstraße selbstverantwortlich und selbständig lernen. Dabei sollten die Themen im Vordergrund stehen und nicht die Fächer, erklärt Glorian und umschreibt die Idealvorstellung, als "einen Unterricht, der wenig belehrend ist, aber belehrend sein kann."

In der Praxis heißt das dann, dass Schüler an der Brokstraße in den Hauptfächern in einem "Lernbüro" arbeiten. Dort suchen sie sich einen "Baustein" - eine vorgegebene Themeneinheit - aus und bearbeiten diese. Jeder dieser Bausteine wird mit einem Test abgeschlossen, um den Lernerfolg zu überprüfen. "Jeder arbeitet an seinen Bausteinen, in seinem Tempo", sagt Schwagereit, "dadurch findet ein Scheitern der Schüler nicht mehr statt."

Weitere pädagogische Besonderheiten sind etwa die regelmäßig stattfindenden Projekte, bei denen die Grundlagen allen gemeinsam vermittelt werden und die Schüler dann in Kleingruppen oder allein das Thema vertiefen und ihren Mitschülern oder auch Eltern die Ergebnisse präsentieren. Zudem gibt es so genannte Werkstätten, eine Art Wahlpflichtbereich - und Intensivwochen nach den Ferien, in denen je eine Woche lang die Hauptfächer jahrgangsgebunden unterrichtet werden - um etwa neue umfangreiche Themen einzuführen wie das Bruchrechnen in Mathematik.

Klaus Glorian ist überzeugt von diesem Konzept - und immer mehr Eltern scheinen diese Überzeugung zu teilen. Dort sei man anfangs natürlich auf Skepsis gestoßen, berichtet er. Doch die Schule habe schnell reagiert und einmal im Monat pädagogische Elternabende angeboten, um diese Bedenken zu zerstreuen Jetzt sei ihm aufgefallen, dass relativ viele Eltern leistungsstarker Kinder sich seine Schule für ihre Sprösslinge wünschten. Verbindlich ist dieser Wunsch gleichwohl nicht. Die Eltern können die GSM anwählen und die Brokstraße als Wunsch angeben. Ob er erfüllt wird, ist nicht garantiert. Eine Gruppe soll nämlich nicht nur aus Schülern verschiedener Jahrgänge gemischt sein, sondern auch mit unterschiedlichem Leistungsstand - wie an den anderen Bremer Oberschulen auch. Dennoch freut Glorian der Zuspruch. "Das zeigt, dass die Eltern erkannt haben, dass wir hier Dinge machen, die den Kindern gut tun."

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