2500 Schüler nehmen an „Zeitung in der Schule“ teil – Auftakt erstmals in Hemelingen

Schüler sind als Reporter unterwegs

Bremen. Letztens, erzählt Christina D‘ham, haben Schüler und Lehrer der Oberschule In den Sandwehen im Klassenrat ein kontroverses Thema besprochen. „Plötzlich meldet sich eine Schülerin und sagt: ,Ich kenne die Wahrheit‘“, erzählt die Lehrerin.
21.01.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel
Schüler sind als Reporter unterwegs

Mit Schwung trommelten die Schüler der Trommelgruppe der Wilhelm-Olbers-Schule das Lied "Zusammen sind wir bunt“.

Frank Thomas Koch

Bremen. Letztens, erzählt Christina D‘ham, haben Schüler und Lehrer der Oberschule In den Sandwehen im Klassenrat ein kontroverses Thema besprochen. „Plötzlich meldet sich eine Schülerin und sagt: ,Ich kenne die Wahrheit‘“, erzählt die Lehrerin. Woher, habe sie gefragt. Da habe die Schülerin geantwortet: „Diese Antwort hat mir Facebook erzählt.“ Also haben sich Schüler und Lehrer das Thema noch einmal gemeinsam in objektiven Medien wie Zeitungen angeschaut, und siehe da: Danach war die Wahrheit der Schülerin eine andere. „Das ist ein Beispiel dafür, wie wichtig die Zisch-Zeit an den Schulen ist“, sagt Christina D‘ham.

Am Donnerstag ist das Projekt „Zisch – Zeitung in der Schule“ erstmals in der Wilhelm-Olbers-Schule gestartet. Gemeinsam haben Schülerinnen und Schüler der Oberschule In den Sandwehen und der Wilhelm-Olbers-Schule den Vormittag gestaltet. Die 18. Zisch-Runde im 14. Jahr wird vom WESER-KURIER gemeinsam mit dem IZOP-Institut in Aachen angeboten. Seit Mitte Januar bekommen die knapp 2500 Schülerinnen und Schülern jeden Tag eine Zeitung in die Schule und eine in die elterliche Wohnung – bis zum 8. April.

In dieser Zeit sollen sie die Zeitung, ihre Stilformen, die Vielfalt, Aktualität und den Wahrheitsgehalt von Nachrichten überprüfen und richtig kennenlernen. Schließlich versuchen sich die Schüler selbst als Reporter und machen die Erfahrung, wie aufwendig Nachrichtenbeschaffung ist, die auf den drei Säulen „sichten-sortieren-bewerten“ beruht. „Das Beispiel mit Facebook zeigt gut, was wir erreichen wollen“, sagt Stefan Dammann, Projektleiter beim WESER-KURIER. Die sogenannten Fake-News seien in der letzten Zeit vor allem im Zusammenhang mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten hoch gekocht. Um Fake-News nicht auf den Leim zu gehen „ist es wichtig, sich mit Nachrichten auseinander zu setzen und sich zu informieren“, sagt Dammann. Denn wenn man keine oder falsche Informationen habe, könnte man schnell auch mal ausgelacht werden. Deshalb rät er allen Schülern, die an Zisch teilnehmen: „Recherchiert immer mehrere Quellen und bildet euch eure eigene Meinung.“

Zwei Klassen der Oberschule In den Sandwehen, die an dem Zeitungsprojekt teilnehmen, gestalteten anschließend Sketche zum Thema Zeitung. Die erste Gruppe stellte das Medium dar. Vom Zeitungsausträger, der die Zeitung über den Gartenzaun wirft, über die Fotografen, die Menschen ablichten, bis zu den Reportern, die für den Sport oder die Politik Interviews führen und schreiben. Die zweite Gruppe holte den Redaktionsalltag pantomisch auf die Bühne – zur Schreibmaschinen-Musik.

An der Wilhelm-Olbers-Schule nimmt in diesem Jahr eine Flüchtlingsklasse am Zisch-Projekt teil, die Vorklasse der gymnasialen Oberstufe. Auch die Schülerinnen und Schüler gestalteten einen kurzen Sketch, in dem sie die Themen Flüchtlinge und Medien aus ihrer Sicht wiederspiegelten. „Die Zeitung schreibt nicht nur über Flüchtlinge, sondern auch über uns Schüler, obwohl wir natürlich auch Flüchtlinge sind“. Sie freuen sich nun, dass sie ihre eigenen Themen umsetzen und eine ganze Zeitungsseite gestalten können.

Für jede Menge musikalischen Gesprächsstoff sorgte zudem die junge Pianistin Linda Mellentin, die an der Wilhelm-Olbers-Schule den Abiturjahrgang besucht, sowie die Trommelgruppe der Hemelinger Schule. Die Jugendlichen Trommler füllten die Aula souverän mit Samba-Rhythmen und einem Sprechgesang, der mit dem Refrain „Zusammen sind wir bunt“ die Vielfalt der Menschen betont.

Unterstützt wird Zisch wie in den Vorjahren vom Bremer Verein Leselust. Dessen Vorsitzende, Ulrike Hövelmann, machte den Schülerinnen und Schülern bei der Auftaktveranstaltung klar, wie wichtig das Lesen von Zeitungen ist. „Ihr kennt das sicher auch, dass ihr beginnt, einen Text zu lesen, der euch dann zu kompliziert scheint – und dann chattet ihr lieber mit euren Freunden.“ Doch wer sich einen Text nicht erarbeite und nicht mitdenke, der verstehe auch die Botschaft nicht, sagte die Leselust-Vorsitzende, die bis 1995 selbst an der Wilhelm-Olbers-Schule unterrichtet hat. „Wer nicht liest, wird mit großer Wahrscheinlichkeit einen schlechten Schulabschluss machen“, so Hövelmann.

Das sieht auch Christina D‘ham so, die mit einem weiteren Beispiel viel Applaus von den Schülern erntete. Die Lehrerin von der Oberschule In den Sandwehen, an der vor den Sommerferien der Zisch-Abschluss gefeiert wird, erzählte von einer Schülerin, die noch nie in der Bibliothek war und keine Lust hatte, dorthin zu gehen. Ein Ausflug zwang sie schließlich, eine Bibliothek zu betreten. Dort verzog sie sich in die Zeitungsecke, weil die so gemütlich war – und kam schließlich monatelang immer wieder, um zu lesen. „Vorher hatte sie eine Vier in Deutsch, nun wird sie eine Zwei bekommen“, erzählte Christina D‘ham. „Das zeigt doch, Lesen macht nicht nur Spaß, sondern auch schlau.“

„Wer nicht liest, macht wahrscheinlich einen schlechten Schulabschluss.“ Ulrike Hövelmann, Verein Leselust
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