Großvater des heutigen Inhabers gründete das Familienunternehmen / Viele Jubiläumsaktionen geplant Schuhladen Hägermann wird 100 Jahre alt

Schuhgeschäfte, die nicht zu einer Handelskette gehören, sind heutzutage selten. Beim Familienunternehmen Hägermann jedoch stand eine Erweiterung nie zur Diskussion.
21.04.2013, 05:00
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Von Julia Frese

Schuhgeschäfte, die nicht zu einer Handelskette gehören, sind heutzutage selten. Beim Familienunternehmen Hägermann jedoch stand eine Erweiterung nie zur Diskussion.

Neustadt. Von der Decke des Schuhgeschäfts Hägermann hängen kleine Plakate aus Pappe, auf denen wichtige Ereignisse stehen, die sich im Jahr 1913 zugetragen haben. Willy Brandt wurde geboren, die Meerjungfrauen-Statue in Kopenhagen wurde aufgestellt und manches große Passagierschiff legte den Weg von Bremerhaven nach New York zurück. Außerdem steht noch ein weiteres bedeutendes Ereignis von vor 100 Jahren auf den Plakaten: In der Gastfeldstraße 24 eröffnete Wilhelm Hägermann eine Schuhmacherei. Inzwischen leitet Hans-Hermann Hägermann, der Enkel des Gründers, das Unternehmen.

Als sparsame und fleißige Kaufleute hätten die Mitglieder der Familie Hägermann dafür gesorgt, dass das Geschäft über all die Jahre nie in eine ernste finanzielle Schieflage geriet, sagt Hans-Hermann Hägermann, der das Unternehmen mittlerweile seit 34 Jahren führt. "Mein Opa hat seine Zigarre immer bis zum letzten Stummel aufgeraucht und den Kaffee bis auf den letzten Schluck ausgetrunken." Heute wäre der Großvater sicher stolz, dass das Unternehmen sich ohne Kredite so gut behauptet, fügt er hinzu.

Erfindergeist in Notsituationen

Während der Kriegsjahre, als Wilhelm Hägermann in Gefangenschaft geriet, führten Schwester Annemarie Thöne und Ehefrau Anna Hägermann den Verkauf weiter. Als Wilhelm Hägermann zurückgekehrt war, widmete er sich der Reparatur von Schuhen. Sein Enkel hat noch heute Stammkunden, die sich erinnern, welche ungewöhnlichen Wege Wilhelm Hägermann dabei ging. Als Leder und Gummi knapp waren, habe der Großvater auch mal den Ärmel einer alten Jacke oder ein Stück Holz benutzt, um einen Schuh wiederherzustellen. "So was bleibt den Leuten im Kopf", sagt Hans-Hermann Hägermann. "Wenn jemand in einer Notsituation Erfindergeist gezeigt hat, um ihnen zu helfen."

Einen kleinen finanziellen Einbruch erlitt das Geschäft 1972, als der Laden umgebaut wurde. "Die Kosten haben uns schon zu schaffen gemacht", sagt der Inhaber. "Aber da haben wir uns auch wieder rausgearbeitet." Die Devise der Familie Hägermann sei immer gewesen: Gib nicht mehr Geld aus als du einnimmst. Mitglieder der Einkaufsgenossenschaft, zu der Hans-Hermann Hägermann gehört, schlügen immer mal wieder vor, eine weitere Filiale zu eröffnen. Aber darauf will sich der Betriebswirt nicht einlassen. Er schätzt den persönlichen Kontakt mit den Kunden und mag die überschaubare Größe der Belegschaft. Sechs Mitarbeiter hat das Geschäft, die meisten davon in Teilzeit.

Wo immer er kann, packt Hans-Hermann Hägermann selbst an. Er berät die Kunden, hilft beim Anprobieren und nimmt sich auch gern mal die Zeit für einen Plausch. Seine Lehre zum Schuhmacher hat der jetzige Inhaber zwar nicht im Familienbetrieb gemacht, sondern im Schuhhaus Meinke in Findorff. Den Laden des Vaters übernahm er aber, sobald er mit dem Studium zum Betriebswirt fertig war. Der 64-Jährige ist "quasi im Schuhkarton aufgewachsen" wie er sagt. Er saß schon als kleiner Junge in der Werkstatt des Vaters und schlug Nägel in Tische und Stühle. Die Herzlichkeit seines Vaters gegenüber Kunden habe ihn schon damals beeindruckt, sagt Hans-Hermann Hägermann.

Noch aus seiner frühen Jugend kennt der Inhaber auch das Karussell, das ab 1959 in der neu aufgebauten Kinderabteilung des Ladens stand. Zum 100. Geburtstags des Betriebs hat er das Spielgerät wieder hervorgekramt und aufgestellt. Anlässlich des Jubiläums können langjährige Kunden nun Fotos einreichen, auf denen sie als Kinder im Schuhladen-Karussell sitzen. Für jedes eingereichte Bild vergibt der Geschäftsführer eine Belohnung.

Hans-Hermann Hägermann will das Jubiläum noch bis zum Jahresende mit seinen Kunden feiern. In der vergangenen Woche gab es ein Fest im Laden, zu dem unter anderem Bürgerschaftspräsident Christian Weber, das Schnürschuh-Theater und ein Stelzenläufer zu Gast waren. Weitere Aktionen sollen in den kommenden Monaten folgen.

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