Gesetzesreform bei Privatinsolvenzen

Mehr Arbeit für Schuldnerberatungen in Bremen

Die Bremer Anlaufstellen für Schuldner spüren zu Anfang des Jahres deutlich mehr Nachfrage. Grund dafür ist auch, dass es eine Gesetzesreform gibt. Sie wird von Experten als Chance für Betroffene gesehen.
24.01.2021, 20:18
Lesedauer: 3 Min
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Mehr Arbeit für Schuldnerberatungen in Bremen
Von Lisa Boekhoff

Im Land Bremen verzeichnen Schuldnerberatungsstellen wesentlich mehr Anfragen. In den vergangenen Monaten sei durchgehend viel zu tun gewesen, berichtet Sandra Dunker, Leiterin der AFZ Schuldner- und Insolvenzberatung in Bremerhaven. Im Januar sei der Bedarf erneut gestiegen, sodass es derzeit eine Warteliste mit mehr als 40 Fällen gebe – das sei eine Ausnahme. „Wir haben tagtäglich Nachfragen nach Beratung – zwischen fünf und zehn.“

Insbesondere suchten Menschen Hilfe, die durch Kurzarbeit oder Arbeitsplatzverlust Einbußen beim Einkommen hätten. „Viele haben erst noch versucht, es irgendwie hinzukriegen, die Raten zu bezahlen. Und jetzt merken sie, dass das gar nicht geht, und suchen sich Hilfe. Gerade im zweiten Lockdown beobachten wir das, weil sich die Lage für die Menschen nicht wirklich entspannt hat.“

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Im Monat Januar sei die Nachfrage nach Beratung immer höher als in anderen Monaten, erklärt die Vorsitzende des Vereins Schuldnerhilfe Bremen, Corina Lechner. Die Menschen versuchten zu Beginn des Jahres, ihre Probleme anzugehen: „Man möchte aufräumen und endlich seine Altlasten loswerden.“ Fälle aus den von Einschränkungen besonders betroffenen Branchen seien hier ebenfalls zu verzeichnen: beispielsweise Hochzeitsfotografen oder Caterer. „Die meisten Geschichten dauern aber schon länger“, sagt Lechner. „Die haben sich vielleicht zugespitzt durch die Krise.“

Was hinzukomme: Die Restschuldbefreiung bei Privatinsolvenzen ist zum Jahreswechsel von sechs auf drei Jahre verkürzt worden. Viele hätten diese Veränderung abgewartet und befänden sich in der Warteschlange. Die Schuldnerhilfe Bremen spürt darum derzeit ebenfalls deutlich mehr Nachfrage – ganz konkret zum neuen Verfahren. „Die Verkürzung ist ein Fortschritt. Das ist eine große Erleichterung für die Menschen“, sagt Lechner. Das motiviere viele, den Schritt zur Schuldnerberatung zu gehen.

Ein Anstieg ist zu erwarten

Insgesamt ging die Zahl der Verbraucherinsolvenzen in Deutschland 2020 zurück. Die Verkürzung könne dafür sorgen, dass mehr Menschen mit Schulden den Antrag stellten, erwartet auch der Geschäftsführer von Creditreform in Bremen, Peter Dahlke. Überhaupt sei ein Anstieg zu erwarten – wegen des Rückgangs im Vorjahr und wegen der Auswirkungen von Corona auf die Wirtschaft. Dahlke rechnet mit weiteren Unternehmensinsolvenzen. „Damit verbunden sind natürlich stets Arbeitsplatzverluste“, sagt der Experte. Zeitverzögert habe das einen Effekt auch bei den Verbraucherinsolvenzverfahren in den Folgejahren.

2020 sind beim Amtsgericht Bremen 446 Verbraucherinsolvenzanträge gestellt worden. Im Januar waren es bisher 70 und damit fast so viele wie im November und Dezember zusammen. Der deutliche Anstieg sei vor allem auf die Gesetzesänderung in der Insolvenzordnung zurückzuführen, so deutet auch Richterin Cosima Freter die Zahlen. „Wir rechnen daher auch in den kommenden Monaten mit hohen Eingangszahlen im Bereich der Privatinsolvenzen.“

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Die Veränderung geht auf eine Richtlinie der EU zurück. „Deutschland war mit den sechs Jahren Wohlverhaltensperiode als relativer Hardliner unterwegs“, sagt Peter Dahlke. So sei es auch zu Fällen von Insolvenztourismus gekommen, etwa nach Großbritannien, wo die Entschuldung besonders schnell lief. Generell gehe nur ein Teil der überschuldeten Menschen das Verfahren an. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Laut Schuldneratlas der Auskunftei Creditreform sind im Land Bremen um die 80.000 Menschen überschuldet. „Eigentlich“, stellt Dahlke fest, „bräuchten wir viel mehr Schuldnerberatung.“

Durch die Pandemie in die Schuldenfalle geraten

Sandra Dunker teilt diese Einschätzung. „Wir haben zusammen schon einiges bewegt. Doch eigentlich könnten wir noch mehr Beratung gebrauchen“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle. „Wir müssen aufpassen, dass uns das Problem Verschuldung nicht entgleitet.“ Die Anlaufstelle hat wegen Corona einen weiteren Mitarbeiter bekommen. Damit solle den Menschen geholfen werden, die durch die Pandemie in die Schuldenfalle geraten seien.

„Wir fahren ein bisschen auf Sicht. Wir wissen selbst nicht, wie das alles weitergeht.“ Persönliche Beratungstermine bieten beide Anlaufstellen weiter an, wenngleich wegen der Hygienevorschriften eingeschränkter. Im Moment sei die Schuldnerhilfe gut auf-­gestellt, um die Nachfrage zu meistern, sagt ­Corina Lechner: „Wir wissen natürlich nicht, was in einem halben Jahr auf uns zukommt. Es wird immer noch eine große Welle er-­wartet.“

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